Alternativen 12.07.2009, 18:07 Uhr 9 14

Lichter

An der Ampel war ich vielleicht beinahe überfahren worden. Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich war ich bei Rot los gelaufen. Ich erinnere mich nicht.

Ich erinnere mich an Hupen irgendwann und an Hände, auf der anderen Straßenseite. Und ich erinnere mich an Regen, glaube ich. Es hatte geregnet oder regnete gerade. Ich bin nicht sicher, aber die Straße flackerte hektisch, die Lichter und Leuchtröhren blendeten mich. Es war dunkel, kalt, laut und windig. Und ich fand den Weg noch immer, ohne aufzusehen.
Als ich in die Wohnung kam, war sie nicht an der Tür, um mich zu begrüßen. “Was willst Du in den Kaffee?”, rief sie aus der Küche. Ich antwortete ihr aus dem Flur, dass ich keinen Kaffee wollte. “Ich habe Dich nicht gefragt, ob Du Kaffee willst.”, rief sie zurück, lehnte sich aus der Küche und warf einen kurzen Blick auf mich. “Sondern was Du in den Kaffee willst. Ob Du ihn trinkst oder nicht, das ist Deine Sache.” Milch, entgegnete ich taub. Und ja, es hatte geregnet. Ich war nass und tropfte ihr auf den Dielenboden. Die Lampen im Flur waren noch immer kaputt. Die Haustür hatte ich geschlossen, doch seitdem hatte ich mich nicht bewegt. Im Wohnzimmer sah ich Kerzen brennen. Es roch nach Rauch, frischem Kaffee und meinem nassem Rotz. Radiohead lief leise. “Ich weiß nicht, warum ich hergekommen bin.”, rief ich zu niemandem, als wäre es eine Antwort. Sie kam aus der Küche und trug zwei Tassen und ein Lächeln an mir vorbei ins Wohnzimmer. “Das weiß ich auch nicht. Aber wenn Du willst, kann ich Dir sagen, weshalb Du bleiben solltest.” Ich folgte ihr. Sie stellte eine Tasse auf die Fensterbank, bevor sie sich auf die Couch sinken ließ und ihre Tasse mit beiden Händen hielt, als wollte sie sich daran wärmen. Dann sah sie mich herausfordernd an, ganz so als hätte sie diesen Besuch drei Jahre hindurch geübt. “Es ist lange her, findest Du nicht auch?”, sagte sie. Noch bevor ich antworten konnte, fuhr sie fort. “Du hast die Haare wieder lang. Sieht gut aus. Das habe ich schon immer gesagt. Da steht Dein Kaffee!” Ich folgte ihrer Geste zur Fensterbank, wie ich es immer getan hatte. Unsere Inszenierung war routiniert, unser Spiel überzeugend.
“Wir tun einander das Beste immer nur im Schlimmsten”, sprach ich Stunden später leise ins Dunkel und drehte den Kopf zu ihr. Über dem Feuerzeug blitzte ihr Gesicht auf, zwischen ihren Lippen glimmten zwei Zigaretten an. Ich tastete mich durch den Raum zu ihr vor und nahm mir eine. Sie flüsterte unsere Hymne zurück, und dabei höre ich sie lächeln: “Wir kennen uns doch. Wir sind eben diese Sorte, die sich beim Happy End schon immer betrogen vorgekommen ist. Wir glauben eben an das schöne Elend. Am Ende machen Kerzen auch nur Licht.”

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    “Wir kennen uns doch. Wir sind eben diese Sorte, die sich beim Happy End schon immer betrogen vorgekommen ist. Wir glauben eben an das schöne Elend. Am Ende machen Kerzen auch nur Licht.” trifft es gut.

    13.01.2011, 11:14 von topfbluemchen
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    Es tut weh aber ist so gut.

    26.07.2009, 23:03 von Geradine
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    Es geht also um Ignoranz, SichSelbstBelügen, NichtWissenWasManWill, Gewohnheit und Illusionen?

    Schönes, und doch elendiges Thema ;)

    26.07.2009, 15:31 von meijks
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    autsch, das versetzt mir einen stich.

    24.07.2009, 16:35 von juhulia
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Es holpert, es fällt, es kratzt und beißt - dennoch passt es. Chapeau!

    13.07.2009, 11:51 von Jubeljulia
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      @Jubeljulia Der Text schafft in beeindruckender Kürze eine beeindruckende Stimmung.

      14.07.2009, 10:39 von coronaria
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    Ja da schau her, den hoch wars 21? gibbet auch und immer noch. Fein! ^^

    Feiner Text!

    13.07.2009, 02:13 von Kiyan
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    die beliebigkeit der worte macht es so ehrlich

    was bei anderen texten eher ein problem ist, klappt hier.

    12.07.2009, 18:16 von MisterGambit
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    Also, da haste schon bessere rausgehauen.
    Aber das :
    "Wir glauben eben an das schöne Elend. Am Ende machen Kerzen auch nur Licht."
    – GEIL.

    12.07.2009, 18:15 von frl_smilla
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