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An einem Freitagabend lernten wir uns kennen. Rein zufällig natürlich. Jetzt würde ich gerne mit dir Schluss machen, weiß aber nicht so recht wie.

Der Raum war klein, niedrig und schlecht durchlüftet. An der Bar herrschte Hochbetrieb und das Dämmerlicht brachte Gemütlichkeit mit sich. Ich war es nie anders gewohnt – Konzerte in solchen Räumlichkeiten sind meistens die Besten.

Viele Menschen hatten sich hier eingefunden und irgendwo unter ihnen allen waren auch du und ich. Zu diesem Zeitpunkt noch nicht miteinander vereint. Alle hegten Vorfreude über das, was an diesem Abend wohl noch kommen mochte und ließen sich von der überaus guten Stimmung anstecken. Ob du wohl auch mit einem Lächeln auf mich gewartet hast?

Zu sagen, dass ich mit der Erwartung hergekommen war, um jemanden wie dich kennen zu lernen, wäre schlicht und ergreifend gelogen - denn nichts, aber auch wirklich nichts, lag mir ferner als du. Noch nicht einmal im Traum hätte ich daran gedacht, jemals einen solchen Treffer zu landen, obwohl ich schon seit längerer Zeit eine Schwäche für Derartiges hegte. Meine Freunde mokierten sich ab und an darüber, allerdings stießen sie bei mir mit ihren Bedenken auf taube Ohren.

So war es auch dazu gekommen, dass ich mich nicht präventiv gegen dich geschützt hatte und eine solche Offenheit an den Tag legte, was es dir später wahrscheinlich sehr einfach gemacht hat, mich für dich zu gewinnen.

Als die ersten Gitarrenklänge ertönten, waren die Menschen nicht mehr zu halten und ließen sich vom Takt der Musik leiten. Ausgelassen tanzten sie, sangen sie, lachten sie. Mitten unter ihnen du und ich. Auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht miteinander vereint.

Der Abend nahm seinen Lauf. Drei erstklassige Bands hintereinander brachten die Menge zum Brodeln und machten Lust auf mehr. Die Liederauswahl stimmte, die Musiker machten ihre Sache fabelhaft. Doch auch das Publikum war von unschätzbarem Wert, waren doch so viele muntere Mienen und eine gehörige Portion Begeisterung zu sehen. Bis heute weiß ich nicht, ob du an jenem Abend noch vor unserer Begegnung auch so glücklich warst wie ich.

Es wurde immer später und der Abend erreichte seinen Höhepunkt mithilfe der eindeutig besten Band aus dem hohen Norden. Die Instrumente und der Gesang waren so fein aufeinander abgestimmt, dass das Essen in einem Feinschmeckerrestaurant im Gegensatz zu diesem Höchstgenuss wie Fastfood wirken musste.

Inmitten der Ekstase, herrührend aus den unbeschreiblich geilen Klängen, überfielst du mich von der Seite. Stelltest dich nicht vor, eine Begrüßung hieltest du nicht für notwendig. Doch das verzeihe ich dir. Bei dieser lauten Musik hätte ich dich ohnehin nicht verstanden. Du warst mir so nah, ich konnte gar nicht anders als mich von dir vereinnahmen zu lassen.

Gemeinsam verließen wir das Konzert. Mir wurde auf dem Weg zu meinem Auto gar nicht so recht bewusst, welche Folgen es noch für mich haben könnte, dich in meinem Leben zu haben.

Am nächsten Morgen wachten wir gemeinsam auf. Recht ungewöhnlich, wo ich doch normalerweise alleine aufwache. Große Gedanken anzustellen lag mir fern, denn allzu außergewöhnlich war diese Situation für mich nicht. Wir verbrachten den ganzen Tag im Bett, ließen den gestrigen Abend Revue passieren. Ab und an nahm ich keine Notiz mehr von dir, da du so normal wirktest. Die Vereinigung von uns beiden hatte nun endgültig stattgefunden. Mir war das noch nicht so recht bewusst geworden. Auch als du am Abend noch immer bei mir warst, fragte ich dich nicht nach dem Warum.

Wir verbrachten eine weitere Nacht miteinander. Ab und an wachte ich auf und bemerkte, dass du noch immer bei mir warst. Normalerweise hält es keiner so lange mit mir aus. Vielleicht warst du ja doch anders als all die anderen? Etwas beunruhigt vertagte ich meine Bedenken auf den nächsten Morgen.

Die ersten Sonnenstrahlen erreichten mein Zimmer, doch das beeindruckte mich überhaupt nicht. Das erste, von dem ich an diesem Morgen Notiz nahm, war deine immer noch andauernde Anwesenheit. Dabei war ich mir so sicher gewesen, dass du in der Nacht deine Sachen packen und mich verlassen würdest, so wie es bisher bei anderen immer üblich gewesen war.

Ich brauche einfach meine Freiheit und kann es nicht haben, wenn mich jemand einschränkt. Mit dir darüber sprechen konnte ich nicht. Sogar als ich am Telefon Rat darüber einholte, wie ich dich am Besten loswerde, warst du noch bei mir. Nervtötend warst du, nichts anderes.

Deine Anwesenheit machte mich taub für jegliche Ratschläge, doch glücklicherweise wurde mir trotzdem eine Chance gegeben, um dich irgendwie von mir loszulösen. Du ließt dich davon nicht beeindrucken und bliebst hartnäckig bei mir. Deine Hartnäckigkeit ließ mich verzweifeln und ich hätte dich zu gerne angeschrien. Dass du verschwinden und mich alleine lassen sollst. Doch ich konnte nicht. Es hätte zu sehr geschmerzt.

Heute, nach einigen Fehlversuchen, bist du noch immer bei mir. Du scheinst dich nicht von mir lösen zu können und zu wollen. Ach, wenn du doch wenigstens ein angenehmer Zeitgenosse wärst. Dann wäre alles so viel einfacher.

Insgeheim machst du dich bestimmt lustig über mich. Absolut gar nichts habe ich unversucht gelassen. Jetzt muss ich es hinnehmen. Du bist der Grund, warum ich in Zukunft meine Offenheit einschränken und nie mehr ohne einen professionellen Begleiter auf Konzerte gehen werde.

Hiermit möchte ich dich bitten, umsichtig mit mir zu sein. Bitte verlass mich wieder. Nein, ich liebe dich nicht. Und dennoch gebe ich Geld für dich aus. Manche Geschenke, um dich irgendwie loszuwerden. Doch du scheinst nicht zu verstehen.
Aber schau mal. Der Tag in der Notaufnahme mit der anschließenden Infusion hat mich 10 € gekostet. Die weiterführende Behandlung beim HNO-Arzt weitere 10 € wegen der Praxisgebühr. Nicht zu vergessen die 12 € für die Tabletten.

Mein Tinnitus und ich.

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53 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ach herrje,

    du musst ziemlich verzweifelt sein. Der Wahnsinn ist deutlich raus zu spüren, aus den Zeilen!

    Alles Gute! ;)
    Hoffentlich gibt es bald wirksame Behandlungen.

    20.10.2013, 22:56 von Tora
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    sehr gut geschrieben, Kompliment.
    ich trag ihn auch mit mir die ganze Zeit herum, manchmal geht er weg & es ist Urlaub pur. Aber man gewöhnt sich daran und lernt es zu ignorieren.

    Aber ich habe nicht nur das sondern leide öfters unter Hörstürzen. Meinen ersten hatte ich ungefähr in der 3ten Klasse, sie kamen wirklich nur sehr selten, einmal im Jahr ungefähr. Dann immer öfters. Seit dem ich auf einem Konzert war & ziemlich weit vorne an den Verstärkern stand, hatte ich am nächsten Morgen wieder einen & seitdem ca. alle 2 Monate.
    Ich hatte übrigens als ich 5 war eine Mittelohr entzündung und seitdem höre ich auf einem Ohr nicht mehr ganz. Jetzt bin ich 16, und die Hörstürze werden immer heftiger. Ich kenn das mit dieser angst zu leben.

    was ich dagegen machen kann, weis ich nicht. Der Arzt ebenso wenig. Ich lebe ständig mit der Angst das es irgendwann so bleibt. Bei jedem Hörsturz.

    Ich wünsche dir alles, alles gute.
    Und vielleicht ist er eines tages einfach Weg.
    die Hoffnung darf nicht gehen.

    11.03.2011, 22:11 von Ella.
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    Supertext! Nie im Leben hätte ich mit diesem Ende gerechnet. ;p

    04.05.2010, 13:04 von zuckr
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    Super Pointe, toll gesetzt. Ich habe bis kurz vor Schluss an einen Partner geglaubt...

    06.09.2009, 03:35 von Kaddaa
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    Klasse!

    09.08.2009, 21:55 von Batida72
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    das kenne ich. wirklich. gut geschrieben ;)

    30.06.2009, 11:45 von hollyhancore
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    Pfiffig geschrieben, Kompliment

    04.06.2009, 10:23 von Plutarch
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