Lebensatheist
Ein Geständnis an sich selbst...
Eine Welle. Die meisten Menschen erleben sie. Jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick ihres Lebens tanzen sie darauf als seien sie sprudelnde Gischt. Mein Ozean bleibt windstill. Schwämme ein Schiff darauf, würden die Matrosen eines langsamen, trostlosen Todes sterben und niemand wüsste, wo man nach ihren Leichen suchen sollte.
Manchmal gebe ich mir noch Mühe und suche solche Leichen. Überreste. Alles was von meinen Wellen übrig geblieben ist. Dann überlege ich, ob es Wellen gibt, wenn ein Meer nur von Tälern durchzogen wird. Es scheint, als ginge es nach dem Tal bergauf, nur dass der Kamm dort beginnt, wo sich gewöhnlicherweise erst der Wellenkörper formt.
Viel zu oft erwischen mich die Gedanken. Sie lauern nicht in dunklen Ecken und springen aus tiefen Löchern. Sie verstecken sich in freier Sicht. Ich laufe über sie, ohne es zu bermeken und sammel sie auf wie ein Power-Up. Die alltägliche Windstille wird von ihnen durchkreuzt und sie ziehen hässliche Narben durch den Ozean, die sich als Wellen tarnen. Jedesmal, wenn ich versuche mich ihnen zu stellen, ohne Verstecke und Überraschungen, geht etwas dazwischen. Ein Schild, dessen haltende Hand ich nicht kenne. Manchmal denke ich, es ist das einzige, was zwischen mir und dem Wahnsinn steht. Eine Bastion der verzweifelten Hoffnung.
Ich glaube nicht an Gott. Oder an alles, was ich nicht sehen, schmecken, fühlen, riechen und in meine Hände nehmen kann, um es mit meinen viel zu langen Fingern zu betasten. Es ist mir ein Rätsel, mitunter das größte, wie andere Menschen es können. Ist ihr Meer so unruhig, dass sie es in eine Schneekugel pressen müssen, die sie in fremde Hände legen können? Ich finde das verachtenswert. Mein Ozean mag hässlich und vernarbt sein, aber es ist ganz allein meiner.
Heute lief ich mal wieder in einen meiner unauffälligen Bekannten. Er sagte, ich sei vielleicht ein größerer Ungläubiger, als ich dachte. Als ich mich fragte, was das bedeutet, war ich wohl zu unbedacht. Die Begegnung hatte mich unaufmerksam werden lassen. Die Wachen in der Bastion spielten wohl Karten oder sangen eine ihrer dünnen Hymnen. Das Begreifen war nicht das schlimmste. Es zuzulassen war es. Kein Arm, kein Schild vor mir. Ich glaube nicht. Nicht an Spiritualität. Nicht an diese prätentiösen (Mitt-)Zwanziger, die glauben eine Ahnung vom Leben, der Welt und dem zu haben, was es bedeutet, zu sein. Dieses unsägliche Gerede. Ich bilde mir nichts von dem ein. Zur Hölle, ich kenne mich ja nicht einmal in meiner Welt aus, wie soll ich mir dann einbilden, zu wissen, was um mich herum passiert.
Ich glaube nicht an das Leben.
Ein kurzer, stiller Gedanke. In dem alles ruht, was mein Meer zur Ruhe bringt. Antworten zu suchen ist sinnlos. In jede Richtung lauern nur neue Fragen wie Sirenen, die mich in ihre felsigen Gefilde locken wollen. Keine Ariadne, die ihren Faden aufrollt. Sie ist das furchtbare Sinnbild für alle Suchen dieser Welt. Aber nur weil ich glaube dies begriffen zu haben, werde ich es nicht lassen, mich des Gegenteils zu belehren. Es ist wie sich ans Atmen erinnern zu müssen. So unnatürlich. Warum muss ich jeden Tag damit verbringen, meinen düsteren Freunden auszuweichen, einen Schildarm bei Kräften zu halten und mit Ariadne zu reden, als wäre sie da? Es ist unfair, ein Zustand, an den ich mich nie gewöhnen werde. Ich habe nichts getan, um dies zu verdienen.
Denken ist tödlich. Er zersetzt und kann zur Sucht werden. Zum Zwang. ICD-10: F42.0. Eine Mensch scheint nur stark, solang man vergisst wie erbärmlich schwach unsere Konstruktion eigentlich ist. Honig ist nur lecker, wenn man verdrängt, woher er kommt. Schicksal und Glück nur real, wenn sie zu unseren Gunsten stehen. Das Leben ist irgendwie eine Farce. Es besteht daraus, dass wir einen Turm unter unseren Füßen bauen, Stein und Mörtel ins Meer werfen und uns davon überzeugen, dass er schon immer da war.
Ich glaube nicht an das Leben.
Aber ich hoffe, dass irgendwann ein Sturm kommt, der die Wellen bringt.





Kommentare
ich nehme es dir nicht ab.
03.06.2012, 15:39 von SurecampNach dem ersten Absatz hab ich mich schon in den Text verliebt. Hab mir ne Zigarette angemacht und den Rest des Textes genossen.
02.06.2012, 00:38 von Gods_mistakeDanke :)
das mit der Kippe hat uns unheimlich interessiert.
03.06.2012, 15:39 von SurecampSag bescheid, wenn du die anderen von "uns" gefunden hast. :P
04.06.2012, 20:41 von Gods_mistakeWunderschön!
01.06.2012, 16:10 von Die.sass.daDer Teaser klingt wirklich falsch. Muss forst da Recht geben. Ist aber kein großer Makel, meiner Meinung nach ;-)
Super Headline...
01.06.2012, 15:05 von sailorFinschgut.
Wunderbarer Text! Auch wenn ich überhaupt nicht teilen könnte, was du schreibst.
01.06.2012, 14:40 von forstAh, aber der Teaser ( "Ein Geständnis an sich selbst") klingt heftig falsch.
Ich liebe diesen Text. Und verstehe.
01.06.2012, 14:21 von LeyluraLegbreaker