Paradisedancer 13.09.2008, 09:51 Uhr 5 0

Leben lernen

Ich war auf den Tag sieben Monate im Krankenhaus gewesen;

meine Seele und auch mein Körper waren müde und entkräftet und die Welt draußen hatte sich ohne mich weitergedreht. Ich fühlte mich ihr entfremdet und war fast zu erschöpft, die Freiheit, die ich gerade wieder gewann zu genießen und zu bejubeln. Trotzdem trieb mich ein übermenschlicher Elan und eine ungekannte Energie wieder ins Leben hinein bzw. das „leben“ wieder zu lernen.

So bewegte ich mich in der wenigen Zeit außerhalb der Klinik unsicher und übervorsichtig, fast wie auf rohen Eiern balancierte ich mich durch die Stunden. Die Distanz zwischen mir, die von der Welt abgekapselt worden war und eben dieser bzw. dem alltäglichen Leben zu überbücken und zu hinterlassen bedeutete eine enorme Anstrengung für mich.

Zu dieser Zeit, zwei Tage vor meiner Entlassung (die an einem Freitag,den 13. sein sollte ) befand ich mich nur noch tagsüber im Krankenhaus in Behandlung und durfte Nachts zuhause schlafen – eine Maßnahme um Menschen wie mich wieder an die Welt zu gewöhnen. Ich befand mich also mit dem Fahrrad auf dem Weg nachhause – die Straßenbahn mied ich zu dieser Zeit, da sie mich zu sehr an das Gefühl der Gefangenschaft in engen Räumen erinnerte.
Ich fuhr an diesem herrlichen, warmen Sommerabend einen wunderschönen Weg entlang, zwischen Gärten hindurch, die voll mit Blumen waren – das Leben schien mich wieder zu sich nehmen zu wollen.

Doch meine Erinnerung endet in diesem blumenbestückten Weg. Von den Stunden danach weiß ich nur noch Fetzen, meine ganze Erinnerung setzt erst Tage später wieder ein.
Der erste Erinnerungsfetzen besteht aus Gefühlen und Geräuschen: Ich scheine auf der Straße zu liegen, ich spüre Blut an meinen Beinen und über das Gesicht laufen, und ich kann mich vor Schmerzen nicht bewegen, die Schmerzensschreie bleiben mir im Hals stecken – sehen kann ich auch nichts. Dann erinnere ich einen Moment im Krankenwagen, ich höre eine Unterhaltung zwischen zwei Männern, offenbar ein Sanitäter und ein Polizist „...angefahren…schwer…“. Der nächste Fetzen besteht immer noch nicht aus Bildern, sondern aus betäubenden Schmerzen und meinen dementsprechenden Schreien – endlich kann ich meine Stimme wieder beherrschen! Ich liege wohl unter einem Röntgenapparat. Sofort, als die wuselnden Stimmen um mich herum die Rückkehr meiner Stimme bzw. einem Bewusstseinsstadium, dass Sprechen zulässt, mitbekommen fragen sie mich. Irgendwas. Ich konnte nicht darauf antworten und es kostete mich riesige Anstrengung und alle Kraft, die ich aufbringen konnte um: „Eltern anrufen“ zu sagen.
Danach verschwimmt meine Erinnerung… heute weiß ich, dass das zuerst an der Gehirnerschütterung lag, danach auch an den starken Schmerzmitteln und Medikamenten. Ich konnte nichts sehen, weil meine Augen zu geschwollen waren, das Blut kam aus diversen Wunden. Doch die rasenden Schmerzen kamen maßgeblich woanders her: Bein Becken war „zerschmettert“ (O-Ton eines Doktors), drei mal ganz durch gebrochen.
Der Weg zurück ins Leben erschien mir mit einem Mal fast unbezwingbar, ich gab innerlich fast auf. War es mir nicht vergönnt, zu leben?
Ich verbrachte den Sommer erst weitere Wochen im Krankenhaus, dann im Rollstuhl, danach, bis in den Herbst hinein auf Krücken. In unzähligen ambulanten Rehamaßnahmen lernte ich das Laufen wieder (mit Händen und Füßen wehrte ich mich gegen eine weitere stationäre (Reha- ) Behandlung) – als leidenschaftliche Tänzerin eine Voraussetzung für das Leben.

Heute bin ich ein anderer Mensch – ich glaube fast, mein Leben mehr schätzen und lieben zu können als das Gros der Menschen um mich herum.

5 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Dankeschön:).

    15.09.2008, 08:51 von Paradisedancer
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    Hm, du scheinst stark zu sein.
    Respekt.

    14.09.2008, 23:24 von 3.14159
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    Nein, ich will diese Erfahrung auch nicht missen. Okay, sie hätte nicht sein müssen, aber all das hat mich irgendwo zu einem anderen menschen gemacht mit der Fähigkeit, das Leben zu lieben fühle ich mich als viel zunderen Character als vorher,

    siehe auch mein artikel "ihre geschichte".

    13.09.2008, 10:14 von Paradisedancer
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    Hartes Schicksal ... und denoch bin ich geneigt dir zuzustimmen. Ich würde auch keine Erfahrung meines lebens missen wollen, weil jede mich verändert hat ...

    13.09.2008, 10:11 von Don-negro
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