Melliteratur 27.12.2012, 19:38 Uhr 8 21

Kopfschütteln

Du lauschst deinem stummen Schrei nach Hilfe. In deinem Kopf wird die Filmrolle abgespielt, vor der du dich immer am meisten gefürchtet hast.

Es schüttelt dich. Immer und immer wieder. Und du schüttelst den Kopf. Immer und noch öfter. Die anderen Menschen denken bestimmt, dass dich etwas juckt oder du eine motorische Störung hast. Nein. Die anderen Menschen denken bestimmt nicht. Es juckt dich in der Seele und du bist verstört, weil du dich vor gruseligen Szenarien aus Mord und Selbstmord nicht retten kannst. In diesem U-Bahn-Wagen gibt es kein Lächeln, außer das auf den Werbeplakaten und deinen Lippen. Es gibt kein Gesicht ohne Schminke und keinen Körper ohne ein Kostüm mit einem Kennzeichen darauf. Nur unter deinen Augen sieht man die Müdigkeit ihre Runden ziehen und du trägst einen Pullover und kein Statussymbol. Es gibt niemanden, der nicht nach Alkohol, Zigaretten oder Parfüm stinkt. Allein du riechst nach dir. Und das soll normal sein, wenn man gesund ist? Und du bist die, die krank ist? Du verstehst die Welt und die Menschen nicht.

Wieder schüttelt es dich. Und du deinen Kopf. Niemand würde hier auf die Idee kommen, dass du mit einer solchen Bewegung dein Haar auflockern willst. Hier weiß man, dass es nicht die Frisuren, sondern die Gedanken sind, die zurecht geschüttelt werden müssen. Die anderen Menschen schütteln sich mit dir und ohne dich. Du gehörst in diese Praxis, doch nicht zu irgendwem. Der Irrsinn hierbei ist, dass du unter den Verrückten normal bist und doch nicht dazu gehörst. Du hast ein Leben. Du hast eine Familie. Du hast eine Arbeit. Du regelst deinen Alltag und nimmst keine Medizin. Die anderen Menschen haben bloß einen Fernseher, unbezahlte Rechnungen, eine Müllhalde und keine Freunde mehr. Drogen regeln ihren Alltag und nehmen jede Heilung. Und das soll normal sein, wenn man verrückt ist? Und du bist die, die krank ist? Du verstehst die Krankheit und die Therapie nicht.

Du willst dich nicht schütteln. Du bleibst regungslos. Die Augen sind geschlossen. Die anderen Menschen sind egal. Du siehst nur die Dunkelheit und lauschst deinem stummen Schrei nach Hilfe. In deinem Kopf wird die Filmrolle abgespielt, vor der du dich immer am meisten gefürchtet hast. Deine Gedanken erfassen alles, was war, was ist und was vor dir liegen könnte. Du zitterst. Was, wenn es nie aufhören wird. Das Schütteln. Und die Angst. Wenn du es endlich tust und es dir dann immer und immer wieder ansehen musst? Nicht nur für den Rest deines Lebens. Die Messer. Das Blut. Den zerschlagenen Schädel. Wenn du schon jeden Lebtag tausend Tode stirbst, kann es doch sein, dass du nach dem Ende gestorben lebst. Und dich wieder schüttelst. Vielleicht in einer anderen Hölle. Du verstehst das Leben und den Tod nicht.

Du hast es aufgeschrieben. Du hast es aufgemalt. Du hast es genommen, zerknüllt, zerrissen, verbrannt und verbannt. Du hast es nieder geredet und es fort gebetet. Du hast es ausgelacht und in die Nacht geheult. Du hast es runtergemacht, es totgeschwiegen, es angeschrien und ignoriert. Du hast es erzählt und durch Geschichten gequält. Du hast dich darauf konzentriert, auf es geachtet und mit Verachtung konfrontiert. Du hast es zerlesen und es dir müde gesehen. Du bist davor weggerannt und darauf zu gelaufen. Du hast es und dich eingesperrt, euch frei gelassen und versucht, dich und das Leben zu hassen. Du warst damit bei Ärzten und ganz allein. Doch, was du auch tust, es bleibt. Es ist ein Fluch. Und du versuchst, zu erkennen, dass es eine Gabe sein könnte. Dass du nicht alles verstehen kannst, aber für dich Verständnis haben musst. Dass es eine Besonderheit und keine Eigenart ist. Etwas, das zu dir gehört, weil du anders, aber nicht schlechter bist. Weil du irgendwie verrückt bist, aber auch das normal ist. Weil du krank, aber fähig bist. Zu leben.



21

Diesen Text mochten auch

8 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Ich hab mich beim Lesen gefühlt, als wäre ich das selbst, und dabei kenne ich dieses Gefühl (zum Glück) gar nicht. Das heißt wohl, dass es ein guter Text ist, glaube ich. :)

    07.01.2013, 15:32 von schmetterlingslachen
    • Kommentar schreiben
  • 1

    ich weiß, sehr klugscheißermäßig, aber muss es nicht lauschSt heißen?

    03.01.2013, 17:11 von MissesBiscuit
    • 0

      Natürlich.
      Geändert.
      Danke.

      04.01.2013, 10:27 von Melliteratur
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    du schreibst wirklich schön, finde ich. (auch die anderen texte von dir mag ich.)
    zwar liest es sich wie selbst-erlebtes, hat aber so garnichts von schluchzenden, selbst-bemitleidenden tagebuchtextchen. gut! und sympathisch.

    28.12.2012, 13:53 von nnoaa
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Toll.

    28.12.2012, 13:08 von cosmokatze
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Kopfnicken.

    27.12.2012, 20:09 von schriftstehler
    • Kommentar schreiben
  • Fabelhafte Fundstücken

    Glück ist eben doch käuflich – die folgenden 10 Fundstücke, die die Moderedaktion für euch aufgespürt hat, sind der beste Beweis.

  • Links der Woche #36

    Diesmal u.a. mit brauenlosen Celebrities, toten Unsterblichen und einem beeindruckenden Breaking Bad-Remix.

  • Wie siehst du das, Jonas?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen oder Illustratoren. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare