init-admin 10.06.2009, 00:17 Uhr 0 2

Kopfgefühl

Unser Autor A. J. Jacobs war genervt von seinem Steinzeitgehirn. Deswegen hat er versucht, ausschließlich RATIONALE ENTSCHEIDUNGEN zu treffen. Konnte das gutgehen?

Mein Kopf befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Und Ihrer, lieber Leser, ist auch nicht besser dran. Denn unser Kopf will einfach nicht leisten, wofür wir ihn benutzen sollten: rationales Denken. In Wirklichkeit blockiert sich unser Gehirn selbst; mit Dutzenden von Vorurteilen, einer erschreckenden Anzahl falscher Annahmen und jeder Menge verzerrter Wahrnehmungen. Das führt dazu, dass unser Gehirn Informationen falsch verarbeitet und uns furcht bare Fehlentscheidungen treffen lässt. Ein Konstruktionsfehler, der wohl schon längst beseitigt worden wäre, hätte man unser Hirn in einem Labor von halbwegs kompetenten Forschern entwickeln lassen. Leider ist es aber eine Aneinanderreihung dilettantischer Verlegenheitslösungen, die sich im Lauf der Evolution angesammelt haben.

Das Problem, das ich mit meinem Hirn habe, hat ein Wissenschaftler mal schön umschrieben: Unser Verstand befindet sich noch auf Steinzeitniveau, während sich unsere Körper ins High-Tech-Zeitalter entwickelt haben. Das Hirn geht Probleme immer noch auf die Höhlenmenschenart an. Fürchtet es sich, schüttet es Adrenalin aus. Das mag bei Begegnungen mit Säbelzahntigern hilfreich gewesen sein, ist aber in hohem Maße kontraproduktiv, wenn man einem schnippischen Computerverkäufer gegenübersteht.

Es reicht. Ich will nicht mehr länger auf dieses altmodische Hirn angewiesen sein. Ich werde versuchen, es zu modernisieren, all die irrationalen Vorurteile und darwinistischen Anachronismen auszubessern, um mich zum rationalsten und vernünftigsten Menschen der Welt zu entwickeln. Ein logisches Wesen. Dabei werde ich zu allen Mitteln greifen: Wissenschaft, Isolierband und vierzig Tuben Zahnpasta. Aber eins nach dem anderen.


Der Lake-Wobegon-Effekt
Mit dem Rationalitätsprojekt beschäftige ich mich seit ein paar Monaten. Ich hielt mich zwar bisher schon für ziemlich vernünftig und rational - eher Spock als Homer Simpson - aber dann las ich »Nudge«, ein Buch von Richard Thaler und Cass Sunstein, in dem es um die alarmierende Anzahl hirneigener Macken geht (siehe das Interview in NEON 02/2009). Dann las ich ein Buch namens »Predictably Irrational «, also »Vorhersehbar Irrational«. Dann las ich noch ein Buch. Und noch eins. Und schließlich noch eins.

Wenn man all diese Bücher liest, verspürt man zunächst das dringende Bedürfnis, sich den Kopf abzuhacken. Denn man lernt, dass unser Gehirn programmiert ist auf scheinheiliges Handeln und die Bestätigung von Vorurteilen. Es lässt sich auch noch von absurdesten Annahmen überzeugen oder von einem hübschen Gesicht reinlegen. Oder einer Uniform. Es gibt hunderte solcher Effekte.

Als ich etwa meinem Schwager Eric, einem Verhaltensökonomen an der Columbia University, von meinem Plan erzählte, teilte er mir nur lapidar mit, dass ich am Lake-Wobegon- Effekt litte: Wir alle glauben nicht nur besser auszusehen, sondern auch intelligenter und begabter zu sein, als wir es tatsächlich sind. Wir überschätzen uns. Danke, Eric.


Verfügbarkeitsfehler
Am ersten Morgen des Rationalitätsprojekts wache ich auf und sehe meine Frau Julie die »New York Times« lesen. Das bedeutet Ärger. Journalismus ist der natürliche Feind rationalen Denkens. Worüber wird berichtet? Nur über das Außergewöhnliche und Spektakuläre, und das führt dazu, dass wir unseren Alltag falsch einschätzen. Ein Beispiel: Man erfährt von einem Flugzeugabsturz, bei dem 200 Menschen gestorben sind, gleichzeitig liest man aber nicht »2000 Menschen gestern an Herzversagen gestorben«, mit der Unterzeile »so wie jeden Tag«. Die Folge ist ein sogenannter Verfügbarkeitsfehler: Unser faules Gehirn neigt dazu, die emotionalsten Beispiele zubehalten. Wenn wir an Gefahr denken, denken wir an Flugzeugabstürze oder Terroranschläge - obwohl im Straßenverkehr ein Vielfaches an Menschen ums Leben kommt.

Heute etwa dieser Artikel über Salmonellen. Achthundert Menschen sind davon betroffen, es waren wohl verdorbene Tomaten. Da ich bei verdorbenen Lebensmitteln paranoid bin, würde ich normalerweise alles aus unserem Haus entfernen, was auch nur im entfern testen an eine Tomate erinnert: Pastafertigsoße, Ketchup, die Andy-Warhol-Bilder von Campbell's Tomatensuppen.

Aber nicht heute. Stattdessen nehme ich meiner Frau die Zeitung weg und schreibe unter die Salmonellen-Überschrift den Satz: »In der Zwischenzeit aßen Milliarden von Menschen Tomaten und wurden NICHT krank davon.« »Das ist besser«, sage ich meiner Frau (wenn man etwas aufschreibt, fühlt man sich gleich bestärkt in seiner Ansicht). Ich spiele sogar kurz mit dem Gedanken, einfach nur so eine Kirschtomate zu essen, lasse es aber. Denn das würde ja nur bedeuten, dem irrationalen Verlangen nachzugeben, genau das zu tun, was man eigentlich nicht tun darf.

Bei meiner Recherche lerne ich Erstaunliches. Unter anderem: Mein Gehirn ist voller Müll. Am Ende von Tag eins überprüfe ich all die Mythen, Halbwahrheiten und Lügen, an die ich bisher geglaubt habe. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich glaube weder an Geister noch an Kreationismus. Aber ich glaube daran, dass ? Na ja: Eigentlich reichen bei meiner Frisur ein paar Sekunden zum Kämmen. Das Problem ist: Ich kämme sie dann noch mal für weitere dreißig Sekunden, genau bis zu dem Punkt, an dem meine Kopfhaut anfängt zu kribbeln Warum? Weil mir mal jemand - ich glaube, es war meine Mutter - gesagt hat, dass man die Kopfhaut stimulieren müsse, sonst kriege man eine Glatze.

Drei Minuten auf Google ergeben: Ich könnte mir genauso gut Hühnerkot in die Haare schmieren (ein anderer weit verbreiteter Mythos). Ich rufe meine Mutter an, ob sie mir das wirklich damals erzählt hat.

»Das könnte schon sein«, sagt sie.
»Aber es stimmt nicht, es ist falsch«, sage ich.
»Tut mir leid.«
»Einzig und allein deswegen habe ich ziemlich viel Zeit damit verbracht, meine Haare zu kämmen. Zusammengerechnet mehr als drei Tage am Stück, um genau zu sein!«
»Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll, außer dass es mir leidtut.«
Verdammt. Jetzt habe ich hier auf einmal das schlechte Gewissen.
»Außerdem, warum hast du auf mich gehört? Du hättest deinen Vater fragen sollen.«
»ICH WAR ZEHN!«

Und wurde Opfer von zwei Fehlleistungen meines Gehirns. Zum einen vertrauen wir zu sehr auf Autoritätspersonen. Blind folgen wir dem Kapitän, selbst wenn er über die Reling springt. Zum anderen vergessen wir schnell, woher wir etwas wissen. Wir lagern Informationen zuerst in einer Hirnregion namens Hippocampus ab. Mit der Zeit verschieben wir dieses Wissen aber in die Großhirnrinde, wo - wie die Autoren Sam Wang und Sandra Aamodt es nennen - wir »dieses Wissen von dem Kontext trennen, innerhalb dessen wir es gelernt haben. Wir wissen zwar, dass Sacramento die Hauptstadt von Kalifornien ist, wissen aber nicht mehr, wo wir es erfahren haben.« Das bedeutet: Eine Nachricht aus dem »Wall Street Journal« halten wir für ebenso glaubwürdig wie die Geschichte, die uns der Cousin unseres Friseurs gesteckt hat.


Der Halo-Effekt
Tag drei meines Projekts, und ich bin stinksauer. Mein Hirn arbeitet nicht nur schlecht, nein, es arbeitet auch oberflächlich. Ich musste das heute in einem Café feststellen, als ich mir einen Cappuccino kaufte und 1,35 Dollar Wechselgeld zurückbekam. Wie viel Trinkgeld gibt man da? 35 Cent oder den Dollar? Ich stecke den Dollar in die Glasbox und lächle die Verkäuferin an. Doch als ich den Zucker verrühre, merke ich, dass ich dem Halo-Effekt in die Falle gegangen war - einer der furchtbarsten Fehlleistungen, die unser Gehirn zu bieten hat: Wenn ein Mensch attraktiv aussieht, sprechen wir ihm allerlei tolle Eigenschaften zu. Studien zufolge glauben wir, dass hübsche Menschen intelligenter sind als hässliche. Wir geben Hübschen schneller den Job und befördern sie auch früher. Lehrer sind sogar netter zu hübschen Kindern! Im Grunde beurteilen wir Bücher nach dem Umschlag.

Und ja: Die Verkäuferin war süß. Vom Typ her Maggie Gyllenhaal mit Piercings. Und das war genau der Grund, weshalb ich ihr zu viel Trinkgeld gegeben habe. Würde sie wie Wladimir Putin aussehen, hätte sie sich mit den 35 Cent begnügen müssen. Doch unterbewusst nahm ich an, dass sie ein guter Mensch ist, der den Dollar verdient hat. Und natürlich wollte ich unterbewusst mit ihr ins Bett steigen und meine Gene verbreiten (und ging davon aus, dass 65 Cent mehr dabei helfen würden).

Ich rufe Richard Thaler an, einen der Autoren von »Nudge«. Er hat sich bereit erklärt, mein Rationalitätsguru zu sein. »Wenn man mal darüber nachdenkt«, sagt er, »wäre es doch viel logischer, einer hässlichen Bedienung den Dollar zu geben. Der Hübschen wird doch irgend ein Investmentbanker bald einen Antrag machen, sodass sie nicht mehr in einem Kaffeeladen arbeiten muss.«

Am nächsten Tag gehe ich mit meiner Frau essen und klebe die obere Hälfte meiner Brillengläser mit Isolierband ab, sodass ich vom Horizont aufwärts blind bin. Auf diese Weise kann ich mich zwar noch zurechtfinden, aber nicht mehr das Gesicht unserer Kellnerin sehen. Ich hoffe, dass meine Trinkgeldentscheidung so nicht mehr von ihrem Aussehen abhängen wird. Als wir das Restaurant betreten, erinnert mich meine Frau daran, wie glücklich ich mich schätzen darf, dass sie mich noch nicht verlassen hat.

Aber mein Plan funktioniert. Ein bisschen zumindest. Das Gesicht unserer Kellnerin kann ich tatsächlich nicht sehen, dafür achte ich aber umso mehr auf ihre Stimme - ein heiseres, rauchiges Organ - um zu beurteilen, ob sie hübsch ist. Das Ganze endet damit, dass ich ihr ein gigantisches Trinkgeld gebe, weil ich mich wie ein Arschloch fühle.

Ich rufe Thaler an. »Das war ein Beispiel dafür, was man nicht tun sollte. Sie hätten auch von einem Lkw überfahren werden können! Mein Rat lautet: Setzen Sie sich ins Café, starren Sie die hübsche Bedienung an, während Sie Ihren Cappuccino trinken und geben Sie Ihren Dollar dann der hässlichen Kollegin.«


Effekt der bloßen Darstellung
Mittlerweile analysiere ich jede einzelne meiner Entscheidungen. Etwa die Vorliebe für meine Zahnpasta-Marke: Crest. Ich benutze diese amerikanische Zahnpasta seit etwa dreißig Jahren. Warum, weiß ich nicht. Ich glaube, im Ferienlager hatte ich einen Freund, der sich mit Crest die Zähne putzte. Ich fand ihn wohl cool, und er hatte gute Zähne. Also benutzte ich von da an ebenfalls Crest.

So etwas macht mir Angst. Wir treffen bestimmt neunzig Prozent aller Entscheidungen aus reiner Bequemlichkeit. Psychologen nennen das den »Effekt der bloßen Darstellung«. Aber damit gebe ich mich nicht mehr zufrieden. Ich brauche eine rationale Zahnpasta.

Dafür muss ich mir erst mal einen Überblick verschaffen und kaufe in der Drogerie vierzig verschiedene Zahnpastasorten. Zu Hause putze ich mir knapp anderthalb Stunden lang die Zähne. »Pepsodent Smooth Mint«. »Colgate Luminous Crystal Clean Mint«. »Aquafresh Extreme Clean Whitening Mint Experience«. Ich wusste bisher gar nicht, wie sehr ich Minze hasse. Aber Tube Nummer 27 ist eine Offenbarung: »Tom's«-Aprikosenzahnpasta schmeckt frisch, rein, mit einem Hauch von Lakritze. Die will ich haben. Aber was ist mit den anderen Faktoren wie Kariesbekämpfung oder Preisgestaltung?

Ich rufe Thaler an. »Ich hasse den Geschmack von Zahnpasta«, sagt er. »Wenn es eine Zahnpasta gibt, die nach Aprikose schmeckt, bin ich dabei. Wir wollen ja nicht den Fehler begehen, nur messbare Faktoren wie die Anzahl von Zahnlöchern in unsere Entscheidung einfließen zu lassen. Angenommen, ich bekomme sowieso alle zehn Jahre ein Loch. Und mit dieser Zahnpasta bekäme ich alle neun Jahre eins. Dann könnte das Vergnügen, jeden Tag mit Aprikosengeschmack die Zähne zu putzen, durchaus eine rationale Entscheidung rechtfertigen. Oder, um es anders auszudrücken: Wenn man das sicherste Auto kauft, obwohl es so verdammt hässlich ist, dass man damit nicht rumfahren möchte, wäre das keine rationale Entscheidung.«


Der Lake-Wobegon-Effekt, Teil 2
Wenn es um Hirntypen geht, reden Forscher von System 1 und System 2. System 1 ist der ältere Teil des Gehirns, der »Aus dem Bauch heraus«-Teil. System 2 ist der moderne Part, der uns überlegt und rational handeln lässt. System 2 ist Spock, System 1 ist Homer Simpson. Als ich dieses Projekt begann, dachte ich, am Ende stünde bestimmt das Fazit, dass System 1 und System 2 gleichermaßen notwendig sind. Tatsächlich wurde mir System 1 aber immer suspekter. Natürlich brauchen wir es; wenn wir in der U-Bahn das Gleichgewicht verlieren und nach Halt greifen, nutzen wir unseren Instinkt. Aber das ist die Ausnahme. Zudem schätze ich, dass System 1 der Grund für neunzig Prozent aller Kriege ist.

Meine Idealvorstellung wäre also eine Welt voller Spocks, die trotzdem Spaß hätten und andere Menschen sowie das Leben lieben und ihre Zähne mit Aprikosenzahnpasta putzen.

Nur habe ich meine Fähigkeit zur Kontrolle von System 1 überschätzt. Am Ende des Projekts warte ich mit meinem Sohn in einem Restaurant darauf, dass der Kickertisch frei wird. Zwei europäische Teenager spielen. Sie sind versierte Spieler, das sehe ich. Sie lassen den Ball durch ihre Reihen laufen und machen schnelle, gekonnte Tore. Bis sie zum letzten Punkt kommen. Denn jetzt wollen sie offensichtlich den Ball so lange wie möglich halten. Sie spielen sich die Kugel vorsichtig zu. »Wann sind wir dran?«, fragt mein Sohn. »Gleich«, sage ich. Es vergehen zwei Minuten. Fünf. »Wie lang braucht ihr noch«, frage ich die zwei Jungs. »Wir sind gleich fertig«, sagen sie und kichern irgendwas auf Deutsch.

Irgendwann kann ich es nicht mehr aufhalten: Mein limbisches System (der Homer-Simpson- Bereich) hat die Kontrolle übernommen: »Ihr versucht doch überhaupt nicht, das letzte Tor zu machen. Ihr wollt uns nur hinhalten.« »Nein, nein, wir versuchen es wirklich.« Noch mehr Kichern. Homer hat schon längst meinen zerebralen Cortex gekapert. »Ihr seid böse Menschen. Haben euch eure Eltern nicht beigebracht, wie man sich benimmt?« In mir bricht der Höhlenmensch durch. »Ihr seid gemeine Teenager und werdet gemeine Erwachsene werden. Und lasst mich eins sagen: Bei seiner Geschichte sollte man meinen, dass euer Land eigentlich keine gemeinen Menschen gebrauchen könnte.« Oje. Die Nazi-Karte. Dabei bin ich mir noch nicht mal sicher, ob sie wirklich Deutsche sind. Sie hörten sich deutsch an. Vielleicht sind sie auch Belgier.

Und ich sehe ein: Mein Schwager Eric hatte Recht. Ich leide wirklich unter dem Lake-Wobegon-Effekt und habe meine Fähigkeiten überschätzt. Aber um ehrlich zu sein: Ich brauche das manchmal. Diese Selbsttäuschung. Denn sonst wäre ich wahrscheinlich so deprimiert über all die Unvernunft und Gemeinheit - und den allgemeinen apokalyptischen Zustand der Welt -, dass ich morgens nicht mehr aus dem Bett käme. Denn das habe ich am Ende über mich und mein zutiefst mangelhaftes Gehirn gelernt: Ich hänge gerne - gegen jeden Beweis - dem irrationalen Glauben nach, dass wir Menschen vielleicht auch vernünftig sein können.

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