Kontrollverlust - Panikattacke?
Früher dachte ich immer, Verrückte hören Stimmen oder sehen bunte Elfen, die unsichtbar sind. Jetzt weiß ich es besser. Das Verrückte ist man selbst…
Es ist der 21. August 2008.
Ein Donnerstag.
Ich habe immer noch Sommerferien, doch ich schlage meine Augen bereits kurz nach 6 Uhr auf. Es sind die wenigen Sekunden, kurz nach dem Erwachen. Die Welt ist in Ordnung. Friedlich. Alles ist gut.
Doch dann beginnt der Verstand zu arbeiten und reißt die schöne Fassade ein.
Zum Vorschein kommt ein wütender Sturm. Er schneidet so stark, dass der droht, jemanden zu verletzen.
Dieser Sturm, das ist der Alltag. Der Alltag und die Erinnerungen, die auf mich hineinstürzen.
Alles wird mir wieder bewusst, alles kommt wieder hoch.
Jeden Moment kann es losgehen! Es kann mich wieder überfallen und mir befehlen, mich umzubringen.
Doch noch bin ich gehemmt.
Ich weiß, dass ich nicht alleine zu Hause bin. Meine Mama ist noch da.
Ich stehe auf, lass mir aber nichts anmerken. Ich sage, dass es mir gut geht, frühstücke auch etwas, um dies zu bestätigen. Ich rede viel mit meiner Mama, folge ihr, wenn sie in die Küche geht, schaue ihr zu wie sie sich die Haare kämmt und gugge das Frühstücksfernsehen mit ihr.
Sie ist da, also kann mir nichts passieren. Sie würde mich beschützen. Sie würde sofort verhindern, wenn ich auch nur irgendwie die Hand an mich legen würde. Mir kann also nichts passieren. Nicht in ihrer Nähe.
Aber meine Mama muss zur Arbeit.
Schon als sie aufsteht, um sich die Schuhe anzuziehen, beginnt es.
Ich höre es förmlich aus meinem Zimmer schreien. Von überall, aus jeder Ecke der vier Wände, in denen ich mich sonst so gern aufhalte. In mir fängt es an zu toben. Es will mich bereits jetzt schon in mein Zimmer reißen. Aber es stellt sich geschickt an. Es lässt meine Mama nichts merken. Ich bitte sie, den PC anzulassen, damit ich zocken kann. Ich hoffe durch ein wenig spielen, abzuschalten.
Die Tür fällt ins Schloss, da tobt es los. Es wittert Futter. Überall. In jedem Millimeter der Wohnung. Mir wird übel. Jetzt bin ich ganz alleine. Jetzt kann ich jederzeit die Kontrolle verlieren. Sofort setze ich mich an den PC und starte mein Spiel.
Doch auch hier wittert es Futter.
Es will mich zwingen, mir im Internet Bilder anzusehen, vor denen ich mich fürchte. Es will mich zwingen, mir jeden Dialog aus meinem Spiel auswendig zu können. Ja es versucht sogar, dass ich jeden Millimeter der virtuellen Welt mit meiner Spielfigur abtaste.
Plötzlich unwichtiges greift es sich und will es mir aufzwingen.
Es droht mir, ich habe es zu tun! Ich muss! Ich soll! Sonst verfolgt es mich bin an mein Lebensende und darüber hinaus!
Nach Luft ringend pausiere ich das Spiel und ziehe mich an.
Fehlanzeige! Es lässt mir keine Ruhe. Es terrorisiert mich weiter.
Fertig angezogen schleift es mich in mein Zimmer. An mein Bücherregal.
Es ruft mir diverse Textstellen aus meinen Büchern in den Kopf. Es zwingt mich, diese aufzusuchen, mir zu merken, auf welcher Seite sie stehen. Immer und immer wieder.
Einmal kann ich mich kurz besinnen.
Ich denke mir, dass es total idiotisch ist. Dass so was niemanden interessiert, dass die Welt nicht untergehen wird.
Im nächsten Augenblick habe ich bereits wieder ein Buch in der Hand und blättere.
Als ich die Textstelle nicht finden kann, schreie ich wie besessen. Ich schmeiße das Buch von mir. Und alle anderen aus dem Regal dazu. Sie landen auf einem wirren Haufen.
Ich stapfe heftig atmend in die Küche. Auf der Suche nach einem Beutel.
Es tobt wieder in mir.
Hier sind Messer zu finden, ich soll mir damit den Puls durchtrennen, es gibt auch Stricke, zum aufhängen, oder gar meine eigenen Hände…
Ich greife zum Stoffbeutel und dann zurück ins Zimmer.
Lass mich in Ruhe, sage ich immer wieder und packe wie besessen alle Bücher zusammen.
Auf dem Weg zu den Papiermüllcontainern fühle ich mich sicher.
Nicht nur die frische Luft beruhigt mich, auch die Tatsache zu wissen, dass mich die Leute auf der Straße sehen. Ich weiß, es weigert sich, einzugreifen, wenn mich andere sehen. Es ist ihm peinlich.
Der Inhalt des Beutels landet im Container.
Sichtlich erfrischt kann ich weiter am PC spielen.
Doch bereits Augenblicke später schlägt es zurück.
Ich habe noch weitere Bücher und sogar Zeitschriften in meinem Zimmer.
Und überall wittert es eine Gelegenheit. Nicht nur Seitenzahlen, auch mögliche Bilder, die unheimlich sein könnten. Und die Prozedur beginnt von vorn…
Ich komme mir wahnsinnig vor. Total verrückt. Aber die Vernunft kann nicht gegen das Tobende Etwas in mir ankommen.
Früher dachte ich immer, Verrückte hören Stimmen oder sehen kleine bunte Elfen, die für andere unsichtbar sind. Jetzt weiß ich es besser. Das verrückte, das kranke ist man selbst…
Stapelweise Zeitungen und Bücher landen im Papiermüll.
Bald ist mein Zimmer leer. Wenn ich so weitermache. Ich vernichte sogar Sachen, die ganz harmlos sind. Kinderbücher, gemalte Bilder von mir…all das ist plötzlich gruselig und ruft schreckliche Gedanken hervor. So droht es mir.
Am Nachmittag klingelt es plötzlich an der Tür.
Meine Oma.
Sie ist auf dem Weg, zu einer Geburtstagsfeier in der Nähe.
Ich bin erschöpft, ich klappe fast vor ihr zusammen, als ich sie bitte, dass sie mich mitnimmt.
Sie sträubt sich erst, ist sich unsicher, da ich nicht eingeladen bin.
Aber ich lasse nicht locker. Ich muss weg. Unter Menschen. Bevor ich mir noch schlimmere Dinge antue. Ich verspreche sogar, kein schwarz zu tragen, wie ich es sonst gern mache.
Schließlich sagt sie ja, und ich bin den Tränen nahe.
Ich bin gerettet – fürs Erste.





Kommentare
Ja, ich bin bereits auf der Suche nach einer Therapie.
30.06.2009, 11:40 von RazKopfschmerzen hat man davon, das stimmt.
Aber unter Menschen sind diese Gedanken wie blockiert, sie schaffen dann den Durchbruch nicht.
@Raz Oh doch! Jedenfalls wenn man betrunken genug ist.
30.06.2009, 22:34 von Steifschulz@Steifschulz Das dachte ich erst auch.
01.07.2009, 10:12 von RazAber irgendwann kommt der Punkt der Ernüchterung und alles fällt wieder auf dich ein.
Und ich denke nicht, an solange weitersaufen, dass man nicht mehr nüchtern wird. Dann macht micht statt der Stimmen der Alkohol kaputt und ich möchte ja gesund werden.
10.05.2009, 17:55 von LudwigMartinHui.
Kenn das zwar nicht in der Intensität, aber blöde Gedanken von Mord- und Totschlag kommen und gehen, gerade in einsamen Momenten. Als Heranwachsender hatte ich das hin und wieder und fand es auch ganz furchtbar.
Schön, daß Du weißt, was Dir dagegen gut tut: Soziales Leben. Ich denke, je mehr man gute Beziehungen knüpft, sie pflegt, sie genießt und darüber nachdenkt, umso mehr gibt es etwas Gutes, was die bösen Gedanken zurückdrängt, ihnen Raum nimmt.
Das Destruktive hat viel höhere Chancen bei Menschen, die nicht ausgelastet sind und denen viele Dinge egal sind.
Hast du schonmal über eine Therapie nachgedacht? Das muss doch Kopfschmerzen bereiten.
10.05.2009, 17:43 von UllaRulla