Freulein_Taktlos 30.11.-0001, 00:00 Uhr 99 50

Kognition

(lat. cognoscere: „erkennen“) ist die von einem verhaltenssteuernden Subsystem zur Verhaltenssteuerung ausgeführte Informationsumgestaltung.

"Hast du eigentlich mehr für mich übrig oder nur das hier?",
fragst du. Ich schaue auf den blonden Hinterkopf, zu dem die Stimme gehört, und drücke ihn zurück zwischen meine Beine.
"Ich mag dich nicht besonders.", sage ich zum Kopf. Der hält kurz inne, als verstünde er die Worte nicht, kichert dann und leckt nassfeucht an der Innenseite meines Oberschenkels entlang.
Ich bin immer ehrlich zu dir. Nicht, weil ich ein netter Mensch bin, nein. Nicht, weil ich denke, du hast es so verdient. Es ist die Wahrheit, der du keinen Glauben schenkst und die es mir daher so einfach macht.
Ich wende meinen Blick nach links zum Fenster.
Der Sommer kommt.
Auf der gegenüberliegende Seite der Straße hängt eine fette, bucklige Frau Wäsche an eine Spinne auf dem Balkon. Sie trägt ein blaues, viel zu enges Kleid. Die Ränder unter ihren Armen sind schwarz von Schweiß durchtränkt. Ihre Brüste schwingen entgegengesetzt jeder Bewegung.
Welcher Tag ist heute? Ich habe Durst.
Der letzte Sommer, an den ich mich erinnern kann, ist drei Jahre her. Ich habe gearbeitet. Für irgendeinen unbekannten Verlag. Hatte ein Arschloch von Chef, der es mit der Sekretärin trieb, ein Buch mit halbfertigen, ziemlich schlechten Artikeln geschrieben und als Dank ein paar Scheine in der Tasche.
Ein Job wie jeder andere also.
Die Knete tauschte ich abends gegen Bier und Hafenmädchen. Je nach Stimmung, je nach Notwendigkeit. Ich war ein Loser, hatte mich aufgegeben und ja, das sah man mir auch an. 
Die Dicke von drüben hat auf ihrem Balkon Besuch bekommen. Ein glatzköpfiger Spätfünfziger hat sich zu ihr gesellt und setzt sich rauchend in einen Klappstuhl. Ich bilde mir ein, wie das Plastik unter seinem Gewicht knartscht. Lüstern guckt er von hinten auf seine Dame und greift sich in den Schritt.
Feinripp.
Karl, Besitzer meiner Stammkneipe, trug auch so Unterwäsche. Das weiß ich, weil er sich andauernd hinterm Tresen entblößte, wenn ihm irgendeiner der Gäste einen dummen Spruch drückte. "Leck meinen Sack!", rief er dann lachend und betonte seine Worte, indem er eben diesen zur Schau stellte.
Ich mochte ihn.
Der blonde Kopf in meinem Schritt macht jetzt schneller. Verloren schaue ich zur Decke des Zimmers.
Stuck, vier Meter über mir. 
Als ich ein Kind war, lebten wir in einer Wohnung, kaum größer als dieser Raum. Meine Mutter war eine von der lieblosen Sorte, stank immer nach frittiertem Fisch und hatte für uns Kinder nicht mehr übrig als eine Professionelle für ihren Freier.
Ich hatte beschlossen, damit umzugehen, und war heimlich froh, meinen Vater nie kennengelernt zu haben. Einen Mann, der solch ein Miststück zur Mutter gemacht hatte. 
Die Nachbarin gegenüber hat sich auf den Schoß ihres Gatten gesetzt. Ich frage mich, ob der Stuhl vielleicht doch aus Metall ist.
Mein Freund Peter ist letztes Jahr gestorben.
Also ganz freiwillig, sagte man mir. Er war schon immer ein komischer Kauz. Nach einer durchzechten Nacht verabschiedete er sich mit den Worten
"Ich muss jetzt gehen. Denk bloß an die Katze!".
Man fand ihn tagsdrauf in seiner Garage. Ziemlich blass, ziemlich tot, im Magen ziemlich viel Quecksilber.
Die Katze wohnt jetzt hier.
"Bist du gleich soweit?", fragt der Kopf von unten, "ist heute echt anstrengend."
Ich denke ernsthaft darüber nach, meine Hand in das blonde Wirrwarr zu stecken, mit aller Gewalt zuzupacken und das runde Ding auf dem Nachttisch zu zerschmettern, sage aber "Noch ein bisschen!" ohne zu handeln.
Nichtstun war schon immer eine Leidenschaft. Ich habe vor einiger Zeit ganze Wochen damit verbracht.
Mir ist warm.
Meine Nachbarin hebt ihr blaues Kleid bis über die wabbeligen Hüften und glaubt, sie wäre mit ihrem Liebsten ungestört.
Vielleicht denke ich mir das auch nur aus.
Ich gucke herab auf den blassen Körper, der sich dort an mir ruckartig vor und zurück bewegt. "Flittchen.", flüstere ich und fasse in das strubbelige Haar. 
Dann komme ich.

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99 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    Wieso gehen hier alle davon aus dass eine Frau von einem Mann befriedigt wird? Bis auf "Dreckiges Flittchen." wird überhaupt nichts geschlechtsspezifisches gesagt und selbst das Flittchen ist nicht ganz verlässlich. Genau das finde ich übrigens ziemlich genial am Text...

    23.05.2015, 03:35 von electrickchild
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  • 1

    Gib mir ein B!
    Gib mir ein U!
    Gib mir ein KOWSKI!

    Feines Ding, mag ich. Grüß an den Chuck in dir, bestes Freulein!

    30.04.2015, 18:52 von berlin_bombay
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  • 1

    Gut! Der Sommer kommt

    24.04.2015, 20:22 von mondfuchs
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  • 2

    Ja ja...es ist Frühling im Neon-Wald.

    23.04.2015, 16:46 von mirror87
    • 0

      Haste Bedürfnisse? ^^

      23.04.2015, 20:05 von TheCaptainsFiancee
    • 0

      Türlich Digger, ich bin Opfer des Gratifikationsverfalls.:D

      23.04.2015, 20:56 von mirror87
    • 0

      Wie, wes? Belohnung für was?

      23.04.2015, 22:16 von TheCaptainsFiancee
    • 0

      Mein Kommentar ist wieder weg.

      23.04.2015, 23:04 von mirror87
    • 0

      Betrübt, betrübt. :(

      23.04.2015, 23:15 von TheCaptainsFiancee
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  • 0

    Jo, der ist echt ganz cool geschrieben.


    Aber was für meine Begriffe völlig unstimmig ist, dass die Trulla zum Schluss tatsächlich kommt, nachdem sie vorher sehr gelangweilt dargestellt wurde und man eher nicht so auf die Idee gekommen wäre, sie hätte da jetzt irgendwie Spaß dran.

    Jedenfalls hab ich beim Schlusssatz sofort gedacht: "Häh? Moment....an welcher Stelle ist die jetzt plötzlich geil geworden?"

    23.04.2015, 15:57 von Pixie_Destructo
    • 2

      bei "dreckiges flittchen".

      23.04.2015, 16:13 von nnoaa
    • 0

      Ach so.

      23.04.2015, 16:14 von Pixie_Destructo
    • 3

      Das ist ein Typ und bei denen geht sowas höhöhöhö

      23.04.2015, 16:19 von yuhi
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  • 6

    Logisch, dass sie den Typ "nich sonderlich mag". Wer hat schon Respekt, geschweigende denn Feuer für 'n Fotzenknecht, der sich zum bittstellenden Löffel macht für eine wie sie, die sich selbst dafür hasst, dass sie sowas nötig hat. perfect match.

    23.04.2015, 15:27 von Bellbass
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  • 1

    Fies! Ich freu mich trotzdem, mal wieder was von dir zu lesen.

    22.04.2015, 21:23 von TheCaptainsFiancee
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  • 2

    Hat auf jeden Fall was, aber diffus...

    22.04.2015, 21:13 von HansDietrich
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