zett 30.11.-0001, 00:00 Uhr 18 59

Königin des Verdrängens

„Ich bin böse, deshalb habe ich das Kainsmal.“

Ich mag die kleine Narbe auf deiner Stirn. Sie ist unwiderstehlich. Sie macht dich einzigartig. Als ich dich das erste Mal darauf ansprach, sagtest du, das sei ein Kainsmal: „Ich bin böse, deshalb habe ich das Mal.“ und ich entgegnete, das Kainsmal sei nicht nur ein Brandmal, sondern auch ein Schutzzeichen, das dich vor Bösem bewahren soll, aber du lachtest nur. Woher die Narbe genau stammt, weißt du nicht mehr. Vermutlich bist du als kleines Kind einmal auf die Stirn gefallen, hast du gemeint, nur seltsam, dass auf allen deinen Kinderfotos diese Narbe nicht zu sehen ist. Das stört dich wenig. Zwischen vierzehn und achtzehn gibt es keine Bilder von dir. In dieser Zeit weigertest du dich, fotografiert zu werden, obwohl du in meinen Augen bildhübsch gewesen sein musst. Später taucht die Narbe dann auf. Sie ist nicht sehr groß, aber trotzdem unverkennbar. Dein eigenes „Markenzeichen“, nicht ein Kainsmal.

Dass du mit sechszehn von drei Mitschülern brutal misshandelt wurdest, weiß ich von deiner Schwester. Sie sagt, es habe keinen Sinn dich darauf anzusprechen, du hättest es vollkommen aus deinem Leben verbannt und es würde dich nur irritieren, wenn man von Dingen spricht, die dir nicht mehr zugänglich sind. Den Schulwechsel in dieser Zeit begründest du mit der neuen Arbeitsstelle deines Vaters. Er habe in einer anderen Stadt einen besseren Job gefunden, deshalb sei die ganze Familie an einen anderen Ort gezogen, aber in Wirklichkeit wurden deine Peiniger nie für ihre Tat belangt und deine Eltern suchten das Weite, um der Gefahr aus dem Weg zu gehen.

Mit zweiundzwanzig starb dein Bruder bei einem Motorradunfall. Du saßest hinter ihm und hast das Unglück wie durch ein Wunder mit ein paar Schrammen, die die Zeit fortgespült hat, überlebt. Auch das weiß ich von deiner Schwester, denn du selbst bist fest davon überzeugt, dass dein Bruder an Leukämie gestorben ist. Niemand weiß, wie du auf diesen Gedanken gekommen bist, denn er war bis an seinem letzten Tag kerngesund. Unbenommen muss es ein schwerer Schock für dich gewesen sein, als er neben dir starb, aber es war nicht deine Schuld, wie deine Schwester meint. Tief im Innersten schlummern noch die Erinnerungen. Wir haben einmal einen Film zusammen gesehen, in dem eine junge Frau während einer Motorradfahrt dem Fahrer die Augen zuhielt. Das Paar auf dem Motorrad lachte, aber du weintest.

Manchmal würde ich gerne in dich hinein sehen, um zu wissen, was darin vorgeht, wie es darin aussieht. Es muss eine schöne Welt sein, die du dir da zurecht denkst. Prüfungstermine, defekter Herd, Notstand auf dem Konto, der versprochene Anruf, das Päckchen beim Nachbarn und vieles mehr versinken einfach in das Reich des Vergessens. Manchmal habe ich das Gefühl, dein Schutzprogramm hat sich verselbständigt und unterscheidet nicht mehr, was verdrängt werden muss und was nicht vergessen werden darf. Es funktioniert einfach zu gut und wischt mit dem großen Schwamm alles fort.

Warum ich dir das alles erzähle? Weil nun ich an der Reihe bin. Unfassbar. Die, die mich gestern noch liebte. Ich weiß nicht, was es war. Ein falsches Wort, etwas, was ich getan habe? Vielleicht war es nur eine Geste, die irgendetwas in dir ausgelöst hat. Ja, ausgelöst, im wahrsten Sinne des Wortes. Herausgeschält aus deinem Herzen, aus deinem Kopf und weggesteckt in eine tiefe Dunkelheit. Ich weiß, es ist wie mit der Büchse der Pandora. Wenn man einmal deine Abgründe öffnet, werden sie alle herausquellen, die Erinnerungen, die dich gefangen halten und sie werden nicht mehr zu stoppen sein. Aber das will ich nicht. Denn trotz allem, geht es dir gut, weil du dir deine Welt passend ausgeblendet hast. Und deshalb kann ich meine Liebe nicht zurückfordern, nicht um sie kämpfen, nicht an deine Erinnerungen appellieren, nicht flehen, bitten und betteln. Sie ist für immer im Kielwasser deiner Seele untergegangen.

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18 Antworten

Kommentare

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  • 1

    "Denn trotz allem, geht es dir gut, weil du dir deine Welt passend ausgeblendet hast."

    das beschreibt quasi das innenleben der meisten menschen auf dem planeten, gerade hier in der westlichen welt gern verbreitet, aber in diesem fall sehe ich zumindest eine schutzfunktion...

    feiner trauriger text...

    17.11.2013, 12:09 von nuescht
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  • 0

    Du schreibst so unglaublich schön. Deine Zeilen nehmen mir den Atem, und der Schmerz zwischen ihnen, lässt erstarren.

    05.11.2013, 20:40 von JennyPan
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  • 1

    das zerreißt einen. wunderschön und unglaublich,unglablich traurig.

    12.04.2013, 20:53 von blindpilotwishes
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  • 0

    Dieser Text ist wirklich sehr, sehr unglaublich traurig. Und leider auch nur zu wahr. Die Menschen neigen dazu Dinge hinter einer Fassade zu verschließen, damit es nicht so weh tut. Aber der Schmerz kauert dann nur hinter einem Gitter und bei der Kleinsten Möglichkeit kommt er heraus, stärker und schlimmer als zuvor.

    19.02.2013, 17:30 von Taiteilija
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    • 0

      @Tschoern Sehr schön geschrieben. Der Text nimmt einen richtig mit.

      11.03.2009, 10:35 von McDreamy
    • 0

      @McDreamy Klasse Text!

      22.04.2009, 14:30 von Steifschulz
  • 0

    der text ist so unglaublich gut, weil er so unglaublich viel wahrheit enthält. "ich kann mich nicht erinnern" wirkt oftmals wie eine billige ausrede, aber es gibt menschen, die haben schlimme ereignisse so weit verdrängt, dass sie sich wirklich nicht erinnern können. das hast du sehr schön dargestellt.

    14.01.2009, 20:55 von flora_86
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  • 0

    Wow, dein Text hat mich total berührt. Ich kenne auch so eine Person...

    14.01.2009, 20:51 von Bittersuesz
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  • 0

    das ist heftig!!!
    und ich kenne es verdammt gut.ich habe früher auch einige sachen verdrängt,das aber jetzt wieder aufgearbeitet,was sehr schwer war.trotzdem habe ich jetzt das gefühl,ich vergesse so viel.es ist einfach plötzlich aus meinem kopf gelöscht.obwohl es so wichtig war.trotzdem geht es mir wunderbar.nur ein wenig verplant eben:)
    hm aber ich denke dass dieser mensch definitiv eine therapie braucht.er scheint unglaublich viel aufarbeiten zu müssen.aber dazu muss er erst bereit sein,sich damit zu konfrontieren.

    14.01.2009, 14:59 von gorgonzolaa
    • 0

      @gorgonzolaa
      Das Dilemma ist schlimm.

      Einerseits möchte man gerade einem, den man liebt, seine seelischen Bewältigungsstrategien gönnen; andererseits sieht man, wie durch die Folgen so viel kaputt geht oder erst gar nicht entsteht.

      Ich muß nochmal sagen, daß ich den Text einfach richtig gut finde.

      14.01.2009, 16:50 von LudwigMartin
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