Kind und Bombe
Ohne dass sie es wusste, stand ihre Enkelin Nina hinter ihr am Hauseingang und beobachtete, wie einer der Soldaten ihr eine Ohrfeige verpasste...
Sie stand vor dem Fenster und schaute raus. Auf der anderen Seite des Flusses wurde bombardiert. Die Bomben wühlten die Erde auf und ließen Häuser in Schutt und Asche zerfallen. Wie Donner dröhnte es um sie herum. Sie spürte sogar die Erschütterung unter ihren Füßen, hörte aber dennoch nichts. Der lautlose Schrei des blanken Entsetzens in ihr übertönte alles um sie herum und entfesselte die Angst. Es war die Angst vor dem Tod, die alles andere um sie herum auslöschte. Paralysiert stand sie da, bis die Stimme ihrer Großmutter den stummen Schrei in ihrer Brust zum Schweigen brachte.
Mit der Jagdflinte ihres Mannes stand die kleine, dicke Matriarchin vor ihrem Haus, bereit auf die Soldaten zu schießen und ihr Heim und ihre kleine Enkeltochter zu verteidigen.
Es war Krieg und im Krieg gibt es kein Pardon. Ohne dass sie es wusste, stand ihre Enkelin Nina hinter ihr am Hauseingang und beobachtete, wie einer der Soldaten ihr eine Ohrfeige verpasste, wie sie sich daraufhin aufbäumte, den Lauf des Gewehrs auf ihn richtete und ihn anschrie er solle wieder verschwinden.
Am nächsten Tag war alles vorbei, die Sirenen verstummten, es flogen keine Bomben mehr. Nina bekam ihr Frühstück vorgesetzt und konnte dann rausgehen und mit Freunden spielen.
Immerhin war der Ort in dem sie wohnten nicht direkt bedroht und die Wahrscheinlichkeit eines Bombardements nicht besonders hoch. Hier und da flogen Granaten, aber man wurde immer gewarnt und solange man im Haus blieb, die Lichter ausmachte und die Rollos runterließ, würde auch nichts passieren.
Das Einzige was von der Nacht übrig geblieben war, war der stumme Schrei der Angst, Ninas müde Augen und die Frage danach, was los sei. Sie war klein, sie verstand nicht was Krieg war und was es bedeutete im Krieg zu leben. Sie hätte es auch nicht verstanden, wenn jemand versucht hätte es ihr zu erklären. Die immer wieder auftretenden Zwischenfälle fraß sie in ihren mageren Kinderkörper hinein und verdrängte sie, so gut es ging. Schlimme Dinge passierten eigentlich nur selten.
Sowie einmal, als sie mit ihrer Oma und dem Hund entlang am Fluss spazieren ging, der in eine Mine reinlief und starb. Niemand wusste dass das Gebiet vermint war und so tat man es als schrecklicen Unfall ab. Nina machte es genau so wie die Erwachsenen, denn sie wusste, dass solche Dinge nun mal passierten, genau wie das mit den Soldaten und ihrer Oma, oder dem Selbstmord der Nachbarin, die sich an einer Türklinke aufgehangen hatte. Immerhin war doch sonst alles in Ordnung. Sie hatte eine schöne Zeit da, wo sie war. Sie musste nichts machen außer den ganzen Tag draußen rumlungern und mit ihren Freundinnen spielen, im Fluß schwimmen gehen und das fettige Essen ihrer Oma brav aufessen. Zweimal in der Woche wurde sie gebadet und sie hasste es, wie jedes Kind. Sie war glücklich in ihrem kindlichen Universum. Nur manchmal vermisste sie ihre Mama. Dann fing sie an zu weinen und zu schreien und wollte mit niemandem mehr reden.
Denn dann kam auch die Angst hoch, die ihr einige furchtbare Erinnerungen machten. Sie waren eigentlich nicht halb so schlimm, wie der Tod des Hundes oder der Nachbarin, aber sie hatten sich in ihrem Kopf so tief und fest eingebrannt, so dass sie nicht mehr ein noch aus wusste und nur noch anfing zu schreien und sich in ihrer Panik auf dem Boden zu wälzen. Sie erinnerte sich dann nämlich daran, wie ihre Oma mit geschlossenen Augen auf dem Sofa saß und konzentriert versuchte das Pfeifen zu hören, das von den Bomben kam. Solange man sie pfeifen hörte, würden sie nicht in der Nähe einschlagen, sondern weit genug, um keinen Schaden am Haus anzurichten. Sie erinnerte sich an die monotone Stimme des Mannes im Radio, der Warnungen verkündete und daran, wie sie einmal am Fluss stand, die Sirenen nicht gehört hatte und plötzlich die Erde unter Füßen beben spürte, während die anderen in Panik verfielen und versuchten so schnell wie möglich zu ihren Häusern zu gelangen. Damals war sie vielleicht fünf Jahre alt.
Heute bin ich 20 und erinnere mich an jeden Augenblick als ob er gestern gewesen wäre. Heute verstehe ich, was Krieg bedeutet und bin froh drum, dass ich es damals nicht verstanden habe. Jahrelang hatte ich Angst vor Gewitter. Aber das ist jetzt vorbei. Das Einzige, wovor ich heute Angst hab, sind Klausuren. Dann gehe ich zu meiner Mama. Immer noch sage ich, dass ich eine tolle Kindheit hatte und freue mich, wenn ich meine Verwandten besuche. Ich bin dankbar dafür, dass sie alle den Krieg überlebt haben und nicht solchen Gräueltaten, wie sie in Bosnien, beispielsweise Srebrenica stattfanden, zum Opfer gefallen sind. Gott sei dank hege ich keinen Hass gegen Serben, Kroaten oder Bosnier, denn wenn es so wäre, dann hätte der Krieg gewonnen und seinen bösen Samen in mir eingpflanzt. So habe ich gewonnen und seinen markerschütternden, stummen Schrei endlich ausgelöscht."Wichtige Links zu diesem Text"
Jugoslawien-Kriege
http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Srebrenica





Kommentare
"dann hätte der Krieg gewonnen und seinen bösen Samen in mir eingpflanzt. So habe ich gewonnen und seinen markerschütternden, stummen Schrei endlich ausgelöscht"
23.01.2009, 00:09 von TajAway......ein wirklich beeindruckender Satz, ein beeindruckender Artikel!
Vielen Dank. Dieser Text ist mir persönlich auch sehr wichtig.
11.12.2008, 22:47 von nadeshikoSehr gut geschrieben und löste eine Gänsehaut bei mir aus. Kann ich nur empfehlen!
11.12.2008, 22:39 von Weltenseglerin."Gott sei dank hege ich keinen Hass gegen Serben, Kroaten oder Bosnier, denn wenn es so wäre, dann hätte der Krieg gewonnen und seinen bösen Samen in mir eingpflanzt. So habe ich gewonnen und seinen markerschütternden, stummen Schrei endlich ausgelöscht."
10.12.2008, 21:35 von KingOfAsskissingsehr, sehr gut