Alternativen 25.02.2009, 20:17 Uhr 16 37

Keine Geschichte

(Über die Selbstmörderin, die mir in der Klapse das Leben gerettet hat.)

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"Ich wollte eigentlich immer nur schön sein. Es ist die einzige Träumerei, die ich nicht begründen kann. Ich kann sie nicht erklären. Deshalb hasse ich mich. Dafür. Für diesen. Den wohl profansten Wunsch unserer Zeit. Er kommt mir unrichtig vor. Unaufrichtig. Unverschämt. Undankbar. Untragbar sogar. Unaufrichtig. Unaufrichtig, dabei ist und war es immer mein wohl aufrichtigster."

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"Der Perfekte Moment hat immer Alles kaputt gemacht."


1. Freundin – Flasche Rum - Bahngleise

Sie hatte an einem Sonntag Abend beschlossen, nachdem ihr Freund nicht ans Telefon gegangen und die Flasche Rum neben ihr beinahe geleert war, ihrem elenden Leben mithilfe der Deutschen Bahn ein Ende zu setzen. Das ist natürlich die stark verkürzte Version der Geschichte, die Zusammenfassung der Zusammenfassung sozusagen. Oder eher: Es ist das, was man schließlich in das Telefon stammelt, auf dessen Display 110 leuchtet. Freundin - Flasche Rum - Bahngleise. Niemand berichtet der Dame vom Notruf erst ausführlich von der Vorgeschichte der Selbstmörderfreundin, der Vergewaltigung, der Scheidung, den Psychiatrieaufenthalten und was für Scheißkerle sie bis zu jener Flasche Rum hatte hinter sich bringen müssen. Bevor Suizid in ihren Inneren Charts zum Einsteiger der Woche avancierte. Das spart man sich.
Als sie ankam, verkotzt und bewusstlos, riss niemand die Arme über den Kopf und schrie WARUM, Zeter und Selbstmordio. Kein SIE IST DOCH NOCH SO JUNG und WashatsiesichdenndabeiGEDACHT. Die Essgestörten fanden ihr Fressen an der Kotze und die Alkoholiker schütteten ihren Unmut über den Suff aus, die Depressiven klagten darüber, wie sehr sie das runterziehen würde und die, die auf Drogen in Angstzuständen hängen geblieben waren, hingen zitternd dazwischen und kommentierten den absolut miesen Film, der hier gerade lief. Die Vergewaltigten gruppierten sich und rissen sich gegenseitig die Augen darüber auf, wer die Bewusstlose wohl im Dunkeln gefunden hatte. Ich stand bei meiner Gruppe und wir schwiegen in der Angst uns ihr vielleicht beim Frühstück schon vorstellen zu müssen. Oder sie gar ins Zimmer zu bekommen.

Hi. Ich bin die mit dem Zug und dem Rum. Du hast sicher schon viel von mir gehört. Und wer bist Du?
- Das war in der ersten Gruppe am nächsten Tag. Sie war wunderschön.


2. Das Gegenteil. Wir hatten keine.

Jeder sollte mindestens ein Gefühl benennen. Liebe hing selbst nach der zweiten Runde noch nicht an der Tafel. Leere hing doppelt. Ich flüsterte es ihr zu. Liebe. Ich wollte es nicht selbst schreiben. Es war mir unangenehm. Sie schrieb es dankbar auf und hing Liebe zwischen Leere 2 und Dankbarkeit. Jemand rief: Liebe ist kein Gefühl. Dann wurde darüber diskutiert und wir schalteten uns gelangweilt aus.
Sie flüsterte mir unsicher zu: Scheiße. Die Hälfte hatte ich noch nie. Und außerdem sind die für mich alle irgendwie eins. Nur halt nicht kräftig. Die fühlen sich insgesamt so an wie Pastellfarbe. Mit ganz viel Weiß. Bin ich ein Aspi? Ich schrieb es auf: Gefühle wie Pastellfarbe mit ganz viel Weiß. Und flüsterte trocken zurück: Sind wir alle. Und? Wie geht es Dir damit? Sie meinte: Scheiß’ ich drauf. Gefühle sind für’n Arsch.
Während wir albern kicherten, meinte einer der anderen, dass aber doch das Gegenteil von Liebe auch ein Gefühl sei. Also müsse Liebe wohl auch ein Gefühl sein.
Ich rief ihm streitlustig durch die Runde hindurch zu: Welches Gefühl ist denn das Gegenteil von Liebe?
Hass natürlich, schallte es. In den Augenwinkeln Nicken. Mit Genugtuung warf ich zurück: Falsch. Das Gegenteil von Liebe ist zwar ein Gefühl, aber Hass ist es nicht. Es ist Gleichgültigkeit. Hass ist ein Wertgefühl jemandem gegenüber, sogar ein starkes. Und auch Liebe ist ein Wertgefühl und auch das ist ein starkes. In beiden Fällen empfindest Du Etwas, sogar sehr viel. Das Gegenteil von Liebe muss aber das Gegenteil von Etwas oder Viel Empfinden sein. Und das Gegenteil von Etwas ist Nichts. Wenn mir jemand egal ist, dann ist das das Gegenteil von Liebe. Hass ist nur Liebe mit anderen Mitteln.
Sie schrieb es begeistert mit roter Tinte auf. Ihr Glitzerfüller zuckte und verströmte künstliches Erdbeeraroma: Hass ist Liebe mit anderen Mitteln. Liebe -> Gleichgültigkeit.
Später bekamen wir Portraits von Menschen gezeigt und mussten ihnen die passenden Gefühle zuordnen. Sie riet keines richtig. Ich auch nicht. Eigentlich war es uns auch egal. Wir hatten keine.


3. Sechs gute Gründe auf der Seite, die man nicht sieht.

Wir saßen auf der Laderampe vor der Klinikküche. Ich drehte mir Zigaretten und rauchte, während sie erzählte. Ich erinnere mich nicht an alle Einzelheiten des Gesprächs, wohl aber an das, was sie mir auf die Rückseite meines in Aquarellfarben gebundenen Schmerzes aus der Gestaltungstherapie mit ihrem glitzernden Erdbeerfüller geschrieben hat.
Vier mögliche Gedanken, die nicht ausreichen, um einen Selbstmord zu verhindern, von denen man jedoch denkt, dass sie es können. Und sechs Gedanken, über die man lachen würde, wenn es nicht Gedanken wären, die einen vom Selbstmord abhalten.
In verschnörkeltem Erdbeeraroma geschrieben:

Reicht nicht:
Die Liebe, die man noch finden wird.
Die Aussicht auf eigene Kinder.
Weil das Leben manchmal doch ganz schön ist.
Weil man Freunden und Familie das nicht antun kann.

Reicht:
Wie wird es mit „Lost“ bis 2010 weitergehen?
Wer kümmert sich um die Topfpflanze im Schlafzimmer?
Der Geschmack von Vanilleeis mit Erdebeeren.
Ich möchte ein iPhone haben und im Januar kann ich den Vertrag verlängern und dann.
Ich habe Angst um Amy Winehouse und bin auf das nächste Album gespannt.
Hinterher habe ich sicher ein Schlechtes Gewissen.

Es sind die Kleinigkeiten. Sagte sie. Die es wert sind.
Jetzt Du!


4. Über ein Ende hinaus

Man streicht das Selbstverständliche. Lässt das Offensichtliche weg. Betrachtet nicht das Naheliegende. Man beachtet es einfach nicht.
So war ihr Selbstmordversuch, die Tat an sich, in den Köpfen verhallt, kurz nachdem sie unsere Bühne betreten hatte. Ihre Bahnschienenaktion war mit dem zweiten Weitererzählen ins Abseits der vergessenen Handlungsstränge geraten, denn wir hatten unsere Aktionen in ihre hineinprojiziert und nur noch uns gesehen. So hatten manche das sie ausfüllende Gefühl von Gleichgültigkeit nicht gesehen und manche nicht die selbstverständliche Palette gelebter Gefühle in sich, während sie dachten, dass sie keine besitzen würden. Und die von uns, die auf der Suche nach großen Gründen waren und keine fanden, hatten zu weit über dem Alltag gesucht, um Gründe für ihn finden zu können.

Das war meine Einschätzung. Mein Therapeut nannte es Durchbruch und schüttete mir Erleichterung und Lachen ins Gesicht.
Eine Woche später war ich austherapiert und steckte meine Specksteinskulpturen und den in Aquarellfarben eingefangenen Schmerz mit auf der Rückseite duftenden Gründen für das Leben zusammen mit der Dreckwäsche und dem Entlassungsbericht in meine Reisetasche und kehrte in eine Welt zurück, in der die unabänderliche, eigene Außergewöhnlichkeit in den Norm-Augen anderer bisweilen schwer zu ertragen und noch schwerer aufrecht zu erhalten ist.

Ich habe mein Leben geändert, habe es gründlich renoviert bis es den Anschein erweckte, dringend renoviert werden zu müssen. Dann habe ich mein Namensschild an die Klingel geklebt und HOME SWEET HOME mit einem rostigen Nagel über dem Türrahmen in den bröseligen Putz geritzt. Zum Richtfest lud ich die gescheiterten Selbstmörder ein und die Essgestörten, die Paranoiden und Selbstverstümmler, die Traumatisierten und die Alkoholiker. Wir tranken Apfelschorle, aßen vegetarisch, spielten Gitarre und sangen dazu Kinderlieder und Lieder von Mut und Gemeinschaft. Und lagen schließlich, um Halb Zwölf, nach Absackern in Kapselgestalt, zufrieden in unseren Betten. Und wir fühlten, fühlten uns und fühlten uns verdammt ehrlich mit uns selbst. Und normal. Na ja. Für unsere Verhältnisse zumindest. Das genügt.

Sie sagte: Schreib’ es als Geschichte.
Und es ist doch ein Nachruf.

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16 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Bin sprachlos...

    24.05.2010, 16:36 von BrokenPige
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    tja, was soll ich noch groß sagen?

    ich glaube dir, verdammt :)!
    und die leichtigkeit und die demut, mit der du diesen text verfasst hast, ist einfach der wahnsinn.

    du bist abonniert!

    28.07.2009, 01:09 von mynona
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    Oh man. Ich bin sprachlos. Danke für so Vieles.

    26.07.2009, 23:51 von Geradine
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    klasse!

    17.05.2009, 23:42 von reichhaltig
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    Dein Tex ist der absolute Hammer !!!
    Hut ab!

    14.05.2009, 12:39 von Lilja-Von
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    Wow!

    28.04.2009, 11:44 von circaviolett
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    Der Wahnsinn.
    Ich werd diese Gänsehaut einfach nicht mehr los.

    27.02.2009, 11:53 von herz.vs.kopf.
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    Das ist das beste, größte, schönste, wundervollste undwasweißichnichtnochalles was ich hier jemals gelesen habe.
    Ever.

    Das wird meine letzte Empfehlung. Es wird nichts besseres kommen.

    27.02.2009, 00:09 von frl_smilla
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