lucylein 30.01.2005, 22:18 Uhr 5 3

Kein Alptraum – Realität

Ich weiß es nicht und werde es niemals begreifen oder erklären können. Ebenso wenig wie meine Eltern. Sie sprechen manchmal davon.

Wahrscheinlich um es zu verarbeiten, aber ich kann darüber nur sehr schwer sprechen. Man würde mir wahrscheinlich auch nicht glauben.

Ich weiß nicht, warum ausgerechnet mir das passieren musste. Ich erinnere mich an manches nur sehr dunkel, während meine Eltern alles noch sehr genau wissen. Ich bin schuld, dass meine Mutter monatelang nicht schlafen konnte, dass mein Stievvater die Nerven verlor und meine Freunde sich wochenlang um mich sorgen mussten. Aber ich bin dankbar, dass es mir keiner je zum Vorwurf gemacht hat.

Ich weiß nicht, warum ich erst so spät merkte, was passierte. Grund war eine Zahn-OP, nach der ich zwei Wochen aussah wie ein Kugelfisch, strenge Bettruhe und in der Folge extreme Langweile. Da stand mein neuer Laptop und das Internet! Ich landete in einem Chatraum - nichts abartiges - harmlos als „Plauderecke“ deklariert. Ich „plauderte“ mit einem Mann, 4 Stunden. Ich war fasziniert von dieser Art zu kommunizieren. Er war 7 Jahre älter als ich und als ich erwähnte, ich würde noch studieren, erklärte er mir, er sei Polizist.

Ich weiß nicht, warum ich ihm damals ohne nachzudenken meine mail-Adresse gab! Aber es erscheint mir mittlerweile müßig nach Erklärungen zu suchen, die ich niemals finden werde. Wir schrieben uns eine zeitlang, dann telefonierten wir, mehrere Stunden am Tag. Ich hörte ihm gerne zu, sein Stimme weckte meine Sehnsucht. Ich überhörte die ersten leisen Warnsignale, obwohl sie zweifelsfrei an meinem Bewusstsein kratzten. Er erzählte mir stundenlang von zukünftigen Einsätzen, Razzien. Selbst als er mir Namen und Geburtstage meiner Eltern sagte, macht ich mir keinerlei Gedanken über die Tatsache, dass er vielleicht schon mehr über mich wusste, als ich je über ihn.

Ich weiß erst recht nicht, warum ich den absoluten Warnschuss nicht hörte, als er mir seine gesamte Karriere offenlegte und mir eröffnete er sei Scharfschütze. Und wieviele Menschen er schon verletzt hatte, weil Einsätze anders ausgegangen waren als geplant. Das mag mancher jetzt nicht verstehen, aber ich fand das spannend. Ich fühlte mich zu ihm hingezogen, wie Miss Moneypenny zu James Bond. Ich verstand nicht im Geringsten, in welche Situation er mich brachte. Es war aufregend und gleichzeitig tat er mir leid. Ich wollte für ihn da sein.

Ich weiß nicht mehr genau, wie lange es dauerte bis wir uns trafen. Selbstverständlich hatte ich Stillschweigen bewahrt über diese „Sache“. Ich fühlte mich wie eine Agentin in geheimer Mission. Meine Freundin und Mitbewohnerin war mit ihrem Freund im Urlaub, die Eltern wohnten 500 km weit weg, in der selben Stadt wie „James Bond“. Er traf abends ein, im Gepäck seinen Polizeihund. Daran war nicht zu zweifeln und auch nicht an dem Ausweis, den er mir zeigte. Wir gingen lange spazieren, ich fühlte mich unwohl, obwohl ich mir nichts sehnlicher gewünscht hatte, als ihn endlich kennen zulernen. Aber als er dann da war, ich im Kofferraum eine Schusswaffe sah, hörte ich das zaghafte Echo des Warnschusses. Er erzählte, ich hörte zu, wir gingen zu mir, er gestand mir seine „Liebe“, er übernachtete bei mir. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander, einerseits fand ich schön, dass er da war, andererseits hatte ich starke Zweifel. Er sah wesentlich älter aus als 31, hatte zwar ein Kreuz wie ein Uran Utan, aber er war beim besten Willen eine Meile von dem Bild entfernt, was ich mir in der Zwischenzeit zusammengebastelt hatte.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich in dieser Nacht wach lag und nach passenden Worten suchte, um ihm möglichst ohne Komplikationen nach Hause zu schicken, mit der Gewissheit, dass wir kein Paar werden könnten. Ich sagte ihm am nächsten Morgen meine ehrliche Meinung und er fuhr nach Hause. Abends rief er mich an, erzählte mir von einem bevorstehenden Einsatz, von seiner Angst einen Menschen töten zu müssen. Warum hörte ich mir das weiterhin an? Weil ich dachte, wenn ich ihm zuhöre und versuche für ihn da zu sein, wäre es leichter für ihn, mich loszulassen.


Ich weiß nicht mehr, wie ich mich fühlte, als er beiläufig erwähnte, er sei nachts 500 km mit dem Auto gefahren, bloß um vor meinem Haus die Lichter meiner Wohnung zu beobachten. Aber ich weiß, das es ab diesem Zeitpunkt keinen Tag mehr gab, an dem er nicht zehnmal am Tag anrief. Er spürte meine Zurückhaltung, aber eines Tages drohte er am Telefon eindrucksvoll damit, sich auf der Stelle zu erschießen, wenn ich nicht zu ihm kommen würde. Also fuhr ich, schaltete mein Gehirn aus - meine Angst. Ich wollte nicht verantwortlich für einen Selbstmord sein. Also blieb ich zwei Tage, baute ihn wieder auf. In der Hoffnung, ich würde aus dieser Situation irgendwie entkommen können.
Es gab aber kein Entkommen. Wann immer es ging - bevorzugt nachts - rief er mich an, weinte, sagte er könne ohne mich nicht leben. Und Nacht für Nacht hörte ich ihm zu. Weil ich Angst hatte. Mittlerweile war ich mir sicher, dass das böse für mich enden könnte. Ich schlief nicht mehr. Ich rauchte ca. 3 Schachteln am Tag, und auch meine Mitbewohnerin fragte sich öfter, was eigentlich mit mir los sei, warum ich immer aussähe wie eine Tote, und nachts stundenlang telefonierte. Sollte ich Ihr sagen, dass ich Dinge wusste, von denen ich nie etwas hatte wissen dürfen? Dass ich das Gefühl hatte einen Alptraum zu erleben und aus diesem nicht mehr aufwachen zu können?


Immer wenn er merkte, dass es mir besser ging, und ich kurz davor war, mich entgültig von ihm zu befreien, erzählte er mir etwas Neues: Vater gestorben, Hund vom Auto angefahren, Kollege angeschossen. Eines Tages sagte ich ihm trotzdem, er solle mich nie wieder anrufen.
Damit ging der Alptraum weiter! Er rief meine Eltern an, die natürlich rein gar nichts von der ganzen Sache ahnten. Quatschte meine Mutter damit zu, dass er mein neuer Freund wäre, ich mich aber so komisch verhalten würde. Woran das denn liegen könne? Meine Mutter rief mich natürlich völlig entgeistert an, erzählte aufgelöst, dass bei ihr ein fremder Mann angerufen hätte. Was blieb mir anderes übrig als die Wahrheit?
Er betrieb ab diesem Zeitpunkt nicht nur bei mir Telefonterror, sondern auch bei meinen Eltern, sogar bei meinem Exfreund. Er sprach unterschwellige Drohungen aus, auch gegenüber meinem Exfreund, mit dem ich noch gut befreundet war. Sein Job hatte ihm ja sämtliche Daten, die er brauchte, zugänglich gemacht! Und ich hatte ihm ahnungslos alle Infos geliefert, die er benötigte.

Abends ging ich nicht im Dunkeln vor die Tür, weil ich Angst hatte, er könne hinter dem nächsten Busch auf mich warten. Mittlerweile hatte ich diese Situation aber auch vor meinen besten Freunden nicht mehr verbergen können.
Meine gesamte Familie, Freunde und ich wechselten diverse Male Telefonnummern, ich ließ mir Geheimnummern geben, aber es dauerte keine zwei Tage - er hatte die Nummer. E rief mich an, erzählte mir Dinge, die er von mir nicht hätte wissen können. Dinge, die ich am Telefon meinen Eltern anvertraut hatte.

Ich weiß nicht mehr genau, an welchem Datum, aber ich packte meine Sachen und fuhr zu meinen Eltern, um dort ein 6 monatiges Praktikum zu beginnen. Meine Mutter war dankbar, weil ich nun endlich wieder in ihrer Obhut war.
Aber wir unterschätzten ihn. Er wusste von meinem Praktikum. Und irgendwann stand er nachts vor unserem Haus auf der anderen Straßenseite. Lichter des Autos aus, aber ich konnte die Zigarette im Dunkeln glimmen sehen. Dann klingelte mein Handy, meine Mutter weinte und sagte meinem Stievvater, er solle endlich die Polizei rufen. Aber würde die uns helfen? Stand genau diese nicht schon bereits vor unserer Tür?
Er drohte erst mich, dann sich selbst umzubringen. Ich schrie ihn an, er solle verschwinden, legte auf, aber es tat sich nichts. Er saß im Auto, wir im Haus, oben im Schlafzimmer und versuchten Hilfe zu bekommen. Da er aber auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand, sagte der zuständige Polizist, könne man da gar nichts machen, und er würde sicher wieder verschwinden. Aber wenigstens eine verstärkte Streife würde er organisieren. Und da saßen wir dann allein im Schlafzimmer, meine Mutter weinte verzweifelt, mein Stievvater konnte nicht fassen, dass er keine Hilfe erwarten konnte. Ich habe ihn in all den Jahren noch nie so hilflos gesehen.
Irgendwann fuhr er weg, schlafen konnte trotzdem niemand von uns. Meine Mutter stand am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Es war Sonntag und ich hatte Montag meinen ersten Arbeitstag.

Ich weiß nicht mehr, wie schnell ich realisierte, dass er am anderen Ende des Parkplatzes auf mich wartete - mit einer Waffe in der Hand. Ich parkte, schaute über den Parkplatz und sah ihn auf mich zukommen. Ich rannte einfach los ohne nachzudenken, schaffte es ins Gebäude. Ich schaute aus dem Fenster, er drehte sich um und fuhr davon. Das war mit Abstand der schlimmste Moment meines Lebens: Ihm den Rücken zukehren zu müssen, zu laufen und zu warten, ob er vielleicht wirklich so krank ist, mir von hinten in den Kopf zu schiessen.
Mein Stievvater kam und wir fuhren zur nächsten Polizeidienststelle. Ich schilderte dem dortigen Polizisten den Vorfall, zeigte ihn an.
Von da an kam jeden Tag mehrfach eine Polizeistreife über das Firmengelände gefahren und ich fühlte mich etwas sicherer.

Ich verstehe es nicht ganz, aber es hörte einfach auf, so abrupt wie es angefangen hatte. Eine Woche später wurde ich auf das Landeskriminalamt bestellt, in die Abteilung: Organisierte Kriminalität. Was hatte das bitteschön mit mir zu tun? Mein Stievvater wurde von einem anderen Mann mitgenommen und ich wurde stundenlang vernommen. Alles wollten sie wissen, vieles wussten sie bereits. Mein Telefon war abgehört worden. Der Mann vor mir gab das zwar nicht offen zu, aber als ich ihn darauf ansprach, sagte er bloß: „Dazu darf ich ihnen nichts sagen“.
Ich musste alles erzählen - bekam keine Antworten auf meine Fragen. Mir wurde nahegelegt, ebenso wie meinem Stievvater, die Sache für mich zu behalten. Sie würden sich um die „Angelegenheit“ kümmern. Der Mann gab mir seine Handynummer für den Fall der Fälle.

Ich weiß, dass ich noch nie im Leben so glücklich war, meinen Stievvater wieder zusehen. Wir hielten uns in den Armen und schwiegen eine Weile. Wir waren beide zu durcheinander um zu sprechen. Wir fuhren nach Hause, und meine Eltern und ich fingen langsam wieder an zu leben – und zu verarbeiten.
Ich hatte den besten Sommer meines Lebens, genoss die Feierabende mit Freunden am Elbstrand, kostete jede Minute aus, war sogar wieder zaghaft verliebt, bis fast ein halbes Jahr später eine SMS auf meinem Handy summte: „Ich liebe dich noch immer und Du wirst mich irgendwann auch lieben.“
Ich rief den Mann an, er solle die „Angelegenheit“ bitte klären. Anscheinend tat er genau das, denn das war das letzte Mal, das ich etwas von ihm hörte.

Was ich weiß ist, dass ich niemals begreifen werde, wie ausgerechnet mir das alles passieren konnte. Die Welt hat sich seitdem für mich geändert. Aber ich bin gewachsen. Mein Selbstbewusstsein hat sich Tag für Tag erholt und ich lebe momentan genau das Leben, was ich mir immer gewünscht habe: Ich habe meinen Uniabschluss, habe meinen Traumjob und genieße das Leben in einer neuen Stadt.
Manchmal frage ich mich aber still und heimlich, ob er weiß, wo ich bin. Dann habe ich wieder Angst.

Meine Anzeige ist ca. 2 Jahre her. Bis heute habe ich keine Nachricht darüber, warum sie eingestellt wurde. Mein Gefühl sagt mir, dass auch diese „Angelegenheit“ von dem Mann erledigt wurde.

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Kommentare

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    Uff, ich bin ganz geschafft von deiner Geschichte.
    Das ist einfach grauenhaft... Ich hoffe nur, du hast jetzt Ruhe.
    LG!

    22.09.2006, 16:37 von NinaBerth
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    Ja, sowas in der Art kenn ich auch.
    Damals wars der Freund meiner Mutter. In den vier Jahren (!) mussten wir 5 mal umziehen, in einem Umkreis von 600 Kilometern, meist im nächtlichen Das-Nötigste-einpacken-erst-mal-n- paar Wochen-bei Freunden-unterkommen-und -das Leben-neu-beginnen. Hab wegen dem Arsch alle meine Freunde verlassen müssen, in ne Großstadt ziehen und vieles zurücklassen müssen. Das war so'n gewalttätiger Säufer, Berufssoldat. I
    ch hab meine eigene Jugend verpasst, all die Angst 2 Jahre lang erfolgreich verdrängt. Dann hat er angerufen und ich musste kotzen vor Angst; da isses wohl buchstäblich alles wieder hochgekommen... Danach hatte ich Depressionen und Schlafstörungen und seitdem immernoch Alpträume. Mein Freund weckt mich manchmal, wenn ich im Schlaf weine.

    Das Schlimmste ist aber das gestörte Verhältnis zu meiner Mutter. Ich liebe sie zwar sehr, weil sie ja das einzige ist, was mir geblieben ist, aber über die vier Jahre der Angst und Erniedrigung haben wir nie gesprochen. Ich kann ihr wohl nie verzeihen, dass sie ihn immer wieder reingelassen hat. Und das sie mich völlig ignoriert hat. Plötzlich waren seine Klamotten da; und nicht nur, dass ich nicht gefragt wurde, man hat mir nicht mal Bescheid gesagt! Und die Flucht war umsonst, der Horror fängt von vorn an. Welche Mutter macht sowas? Immer wieder?? Das Gefühl der Hilflosigkeit bringt mich noch heut oft zum heulen.

    Also, lucylein, du bist nicht allein, sowas passiert leider viel zu oft. Und ich finds super, dass du das hier schreibst anstatt zu verdrängen!

    17.08.2006, 22:46 von erdenkernche
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    Das kenn ich alles irgendwoher, zwar in nicht so krasser Form, aber trotzdem . Als ich zum Studium in eine andere Stadt gezogen bin, hat es von allein aufgehört. Glück gehabt. Wenn ich deinen Artikel so lese, wird mir erst Mal klar, wie viel Glück...

    22.07.2006, 23:10 von BrokedownAngel
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      @[Benutzer gelöscht] Kein Vertrauen zur Polizei?
      Die Sache ist schlimm, aber deshalb kann man nicht gleich die ganze Polizei über einen Kamm scheren, oder?

      25.07.2006, 22:01 von KleinesSchnittchen
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