Gedanken.art 30.11.-0001, 00:00 Uhr 87 38

Jeder hat einen Hund, aber keinen zum Reden*

Und dann, dann schaue ich ihr in die Augen. Ihr Blick trifft meinen. In ihrem sehe ich vieles, aber kein Glück.

Ringbahn Richtung Wedding. 00:24. Es ist voll. Es wird geredet, getrunken und gelacht. Ich bin auf dem Weg nach Hause. Als ein paar Leute aussteigen und ich mich hinsetzte fällt mir ein Mädchen auf., ca. 1,63 groß. Sie sieht aus wie eins der tausenden von jungen Berliner Mädchen. Turnbeutel und Sneaker von Nike. Schwarze Leggins und irgendein Neon- farbenes Top. Sie ist alleine unterwegs. Mir fällt auf, dass sie ganz schön hibbelig ist. Sie wirkt nervös. Plötzlich fängt sie an zu tanzen. Sie hört wieder auf und mir fallen ihre Arme auf. Mindestens 20 Narben. Sieht aus wie vom Ritzen.

Sie fängt wieder an zu tanzen. Hört wieder auf. Sie spricht einen Typen an. Was sie reden verstehe ich nicht. Sie geht wieder weg von ihm. Kommt näher. Setzt sich mir gegenüber hin. Neben einen ca. 36 Jahre alten Mann. Wie alt sie ist? Höchstens 19. Nachdem sie ihn beim hinsetzten angerempelt hat lächeln sich die beiden an. Er wirkt betrunken. Sie auch. Mindestens.

Was auch immer sie genommen hat. Es wirkt.

Sie spricht ihn an, ob er nicht etwas kennen würde, wo sie ihr Handy aufladen könnte. O Ton, ob er sie mit nach Hause nimmt. Weiter nuscheln sie etwas, was ich nicht verstehe. Ihr Versuch scheint vergebens, denn er steigt die nächste aus. Sie bleibt sitzen. Und dann, dann schaue ich ihr in die Augen. Ihr Blick trifft meinen. In ihrem sehe ich vieles, aber kein Glück. Ich sehe müde von Augenringen unterlaufene, rote Augen, die alles ausstrahlen, aber keine Freude. Viel mehr suchen sie Hilfe, sehen traurig und mitgenommen aus.

Ich sehe jeden Tag so viele Menschen, die die telefonieren, die die von A nach B hetzten oder die die big im Business sind und die die so tun als wenn sie es sind. Am Wochenende und in der Nacht wird die Vielfalt genau derer dann noch größer. Alle gehen essen, etwas trinken, feiern. Sind fröhlich, lachen und tanzen. Jeder hat Spaß. Jeder hat unendlich viele Freunde und weiß gar nicht wohin vor lauter Angebot. Doch es ist nicht alles Gold was glänzt und es ist längst nicht alles gut, nur weil es auf Instagram so scheint.

Denn manchmal setzt sich jemand in der Bahn dir gegenüber hin. Und du erkennst hinter der bunten lauten Fassade, die von weitem happy und gelassen scheint, apathische Augen, die dich noch hoffnungsloser anschauen als deine eigenen, wenn du morgens in den Spiegel schaust.

*Zitat: Peter Fox - 'Schwarz zu Blau'


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87 Antworten

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    Hat mich beeindruckt und in den letzten Zeilen noch stark bewegt.

    19.11.2015, 22:23 von nichtkompatibel.
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    Glückwunsch. Diese Erkenntnis hatte ich auch mit 6 Jahren.

    07.11.2015, 15:01 von quatzat
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    danke für den text


    07.11.2015, 14:20 von Dopaminvergeuderin
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    Gut geschrieben!

    26.10.2015, 15:30 von Der_Norman
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    Ist doch Prima, ich hoffe ja schon lange auf ein Emo-Mädchen, dass mich fragt wo Sie Ihr Handy aufladen kann, wenn ich mal wieder besoffen um die Häuser falle...

    26.10.2015, 13:54 von chiral
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    Mag ich!

    26.10.2015, 13:31 von themagnoliablossom
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    Wie wahr!

    21.10.2015, 17:42 von Nika...
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