derHalbstarke 20.11.2012, 10:47 Uhr 1 8

Jakob auf den Wolken

Bis sie bluten. Seine Finger und Nacht für Nacht.

Jakobs Finger bluten. Das tun sie meistens in Zeiten wie diesen. Dann, wenn er wieder mal nicht schlafen kann, wenn er unruhig durch die dunklen Räume wandert und seine Fingernägel wie unter einem befreienden Zwang die Haut von seinen Kuppen reißen, bis sie bluten. Seine Finger und Nacht für Nacht. In diesen Zeiten. Die immer wieder kommen wie die Schläge, die Jakob nicht vergessen kann und manches Mal noch spürt. In solchen Nächten. Die ihn dann in Träume zerren, die er gar nicht träumen will, nie träumen wollte und die nichts anderes als eine ständige Wiederholung, nichts anderes als immer wiederkehrende Bilder sind, die Jakob nicht loslassen wollen. Aus denen er sich dann schweißgebadet und mit stummen Schreien befreit, aus diesen Träumen und ihren immer wiederkehrenden Klauen der Erinnerungen. So sehr er auch gelernt hat zu verdrängen, so sehr er auch mit sich, mit diesen Bildern namens Erinnerungen versucht Frieden zu schließen und endlich gut sein zu lassen, sie wollen ihn einfach nicht loslassen. Wieder und immer wieder. Nicht mehr fühlen, nicht mehr daran denken zu müssen, was war, damals und schon so lange her. Zu vergessen, wie es ist sich zu erinnern.

Daran, wie es war, wenn seine Hände auf ihn zugeschossen kamen, brutal und immer treffend. Und aus dem grundlosen Nichts. Hände, die sich zu Fäusten ballten, die nichts väterliches an sich hatten und Symbol für Jakobs Kindheit waren und sind. Die für Angst und Schmerzen standen, für unzählige Beulen und blaue Flecken. Und für Jakobs Sehnsucht und der leise flehenden Hoffnung, dass diese Hände vielleicht doch eines Tages etwas anderes in ihm sahen, als ein willkommenes Prügelobjekt. Erinnerungen. Jakob hatte immer Angst vor dem Einbruch der Dunkelheit. Mit ihr kamen die nicht enden wollenden Nächte, in denen er starr und lauernd tief eingegraben unter seiner Bettdecke lag und seine Augen so fest zudrückte, dass es wehtat. Nächte, in denen er sich die Ohren zuhielt bis sie glühten, in denen er versuchte so zu tun, als ob Jakob gar nicht existent war, als ob das was da draußen hinter seiner Zimmertür geschah, Nacht für Nacht, nur ein Albtraum ist, der mit den ersten Lichtern des neuen Tages in die Unwirklichkeit verweht und niemals wieder zurückkehrt.

Dunkelheit. Ewige und unabänderliche Vorbotin für das kommende Schwarz der Nächte, die ebenso wiederkamen wie das, was dort hinter seiner Tür geschah, dann, wenn Jakob nichts von dem sehen und hören wollte und doch alles mitbekam. Wie sich die beiden betranken, Abend für Abend und je später und lauter es wurde, da draußen, umso mehr vergrub Jakob sich unter seiner Decke und begann sich kleine Geschichten zu erzählen. Dann malte er sich aus, wie es wohl sein mag, mit den Wolkenfetzen auf Reisen zu gehen. Mit ihnen über ferne Länder zu fliegen und alles zu bestaunen, was Jakob nur aus seinen Büchern kannte. Geschichten, die ebenso wie das Dunkel der Nacht in seinem Zimmer vom gleißenden Licht des Flurs zerrissen wurden, wenn die Tür aufschlug und er auf sein Bett zustürmte, Jakob wutverzerrt anstarrend beschimpfte und begann, auf ihn einzuprügeln. Einfach so und Nacht für Nacht. Wenn sie hinterher getorkelt kam, zusammenhanglose Zeugs brabbelnd und nach Whiskey stinkend, wenn sie versuchte Jakob vor den Schlägen zu beschützen und wie so oft mit einem Faustschlag auf dem Boden landete, wimmern und erbärmlich. Mit der Dunkelheit hatte Jakob auch gelernt, nichts zu erwidern, mit keinem Wort, mit keinem Anzeichen von Schmerz. Selbst dem kindlichen Bitten um so etwas wie Gnade in seinen Augen war die Leere des Ertragens gefolgt, mit der Zeit und den Schlägen. Erst dann, wenn sich die Zimmertüre wieder geschlossen hatte, und die Dunkelheit, die Stille der Nacht Jakob wieder zu sich nahm, wagte er seinen Tränen freien Lauf zu lassen. Lautlos und brennend.

Dann lag er da, ganz stumm und zitternd. Versuchte, wieder auf eine der Wolken zu klettern und mit ihnen fort zu fliegen. Irgendwohin und ganz weit weg und dort, wo es keine Schmerzen, keine Beulen und blaue Flecken gibt, dorthin, wo Jakob frei und glücklich sein könnte und keine Angst mehr vor der Dunkelheit und der Nacht haben müsste. Und den Schlägen. Doch so sehr er sich wünschte, Jakob auf den Wolken zu sein, so sehr zertrümmerte die Gewissheit um die nächste Nacht seinen Wunsch nach Frieden und ließ ihn erschöpft in den Schlaf sinken. Jedes mal und so viele Nächte noch.

Jakob betrachtet seine blutenden Finger. Ein übrig gebliebenes, unschönes und schmerzendes Relikt, entstanden in Zeiten, von denen er heute nichts mehr wissen will und das doch ebenso allgegenwärtig ist, wie die Bilder in seinen Träumen, die nicht aufhören, Jakob heimzusuchen, die wollen, dass er sich erinnert und nicht vergisst, was war. In Nächten wie diesen. Für lange Zeit und als er schon längst erwachsen war, und sein Leben lebte, packte ihn dennoch Tag für Tag und so wie in seiner Kindheit die Unruhe, wenn die Dunkelheit der Nacht hereinbrach. Auch wenn es keine Schläge mehr gab, auch wenn Jakob keine Angst mehr davor haben musste, dass sie jemals wieder kommen könnten, diese Schläge – dennoch ging Jakob noch für viele Jahre seines erwachsenen Seins mit dem geschundenen, immer noch weinenden Kind in ihm auf Wolkenreise. Versuchte auf eine Art und Weise etwas von dem Frieden zu finden, der die Tränen des Jungen endlich trocknen würde, der die Schmerzen und Erinnerungen in die Unendlichkeit des Vergessens und vielleicht auch des Verzeihens entlassen würde. Trügerisch war sie, diese Art mit den Wolken auf Reisen zu gehen. Nacht für Nacht und so lange noch. Mit Mitteln, deren Zauber er sich nicht entziehen konnte, die ihm Freiheit und so manches leichte Lächeln schenkten, für ein paar Stunden des vermeintlichen Glücklichseins, die Jakob fast sein Leben gekostet haben, so exzessiv und gierig er sich dieser Mittel bediente. Für ein Stückchen Ruhe, für das Gefühl des sich Fallenlassens können.

Tief ist Jakob gestürzt, damals und bevor er endlich erkannte, dass dieser Weg, dass diese Art des Reisens mit den Wolken nichts anderes als eine Flucht war, dass der ewige Seelenkrieg in ihm so niemals enden würde und nur betäubt auf seinen nächsten Befehl lauerte. Dass er so niemals aufatmen und vergessen würde, was war und nie hätte geschehen dürfen. Und das er keine Schuld daran, dass er sie nicht verdient hatte, diese Schläge an denen Jakob glaubte, schuldig zu sein. So lange. Dass nur er alleine das Ende des Krieges bestimmen konnte, sich ihm stellen, dass die Zeiten des ewigen und trügerischen Flüchtens ein Ende haben mussten. Wieder aufgestanden ist Jakob, damals. Ist gestrauchelt, aber nicht mehr gefallen. Hat gelernt, von den Dingen zu erzählen, sich von Vielem, was ihn so lange quälte, zu befreien, von dem was so lange sein Leben bestimmte. Hat mit der Zeit gelernt, erfahren, wie sich Frieden anfühlt, wie es ist, einem anderen Menschen vertrauen, wie es sich anfühlt, lieben zu können. Ohne die allmächtige Angst, wieder und immer wieder verletzt zu werden. So oder so.

Trotzdem.

Jakob beobachtet die Wolken, die sich weiß und rein vom Schwarz des Nachthimmels absetzen und an ihm vorüberziehen, auf ihrer Reise in ferne Länder und mit seinen Gedanken und Erinnerungen, die er ihnen mit auf ihren Weg gibt, in Nächten und Zeiten wie diesen – und die trotzdem immer wiederkehren. Manchmal und in Träumen, aus denen er sich rausreißen muss und dann nicht wieder einschlafen kann. Weil sie ihn doch immer noch ängstigen, in unruhig werden lassen, diese Bilder namens Erinnerung an längst vergangene Tage und die wohl niemals verschwinden, niemals ganz verblassen werden. Diese Erinnerungen. Seine Finger. Sie haben aufgehört zu bluten. Sie schmerzen. Seine Finger, denen er immer wieder diese Verletzungen zufügt, in Zeiten wie diesen. Die vielleicht das äußerliche Zeichen seiner inneren, tief liegenden Verletzungen sind. Und deren Blut wohl nie versickern und mit den Wolken auf Reisen gehen wird. In Nächten wie diesen.

Und für immer.

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Kommentare

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  • 1

    Jakob auf den Wolken gefällt mir, sehr toller Titel. Scheint eine sehr schwere Kindheit gewesen zu sein, deren Erinnerungen schwer nachhängen. Nun ja, Erinnerungen teilen alle Kinder, ob die nun gut oder schlecht sein wollen, aber sie werden uns immer begleiten und es werden immer unsere Eltern sein, ob sie nun Tyrannen oder sonst was waren. Eltern sind Eltern.

    22.11.2012, 20:45 von marco_frohberger
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