Inkompatibel
Während ER sich in einer Beziehung nach Entspannung sehnt, fordert SIE die ständige emotionale Interaktion, notfalls in Form von Streit. Vorschläge?
In der herrlich umnebelten Anfangszeit einer Beziehung gehen noch beide Knallköpfe davon aus, sich gefunden zu haben und genau dasselbe zu wollen. Je mehr aber Knutschen und Vögeln als gemeinsamer Nenner ausdienen, desto mehr wird klar: Frauen und Männer haben völlig unterschiedliche Vorstellungen von einer „erfüllten Beziehung“
Plötzlich ist SIE irritiert darüber, dass er nicht mehr sofort und immer dazu bereit ist, IHR zu berichten was ihn bewegt und offen für das zu sein was SIE bewegt. Dass er sich, wenn er von der Arbeit kommt, anstatt mit IHR zu reden bzw. IHR zuzuhören, nur grunzend ein Bier aufmacht und sich vor die Glotze haut. Dass er nicht auf IHRE Fragen eingeht oder nur ausweichend antwortet. Dass er manchmal lieber allein oder mit seinen Freunden zusammen sein will als mit IHR. Verheimlicht er etwas? Ist er am Ende doch das faule Schwein, der Langweiler, der Waschlappen, der sich den Arsch nachtragen lässt und sich für nichts mehr engagiert? Der SIE nur als Sexgerät und Haushälterin benutzt? Oder liebt er SIE womöglich nicht mehr?
Plötzlich ist ER verstört darüber, dass sie IHN exakt in den Momenten, in denen ER endlich mal abschalten kann, in denen ER sich gut fühlt oder einfach nur durchhängen will, attackiert und provoziert, IHM SEINE Ruhe raubt, IHN angreift, wenn ER sich endlich mal sicher fühlt, Ihn zurückpfeift, wenn er albern ist, IHM alles madig macht, was ihm gefällt. Ist sie am Ende doch die Furie, die Tyrannin, die verkappte Domina, die IHN nach ihren Wünschen verbiegen und verdrehen will? Die IHN gar nicht wirklich so annimmt wie ER ist? Oder liebt sie IHN womöglich nicht mehr?
Hat SIE nicht den ganzen Tag drauf gewartet, endlich IHRE Erlebnisse mit ihm teilen zu können, ihm aufgeregt zu erzählen, über was SIE sich geärgert oder gefreut hat, was SIE gesucht hat oder gerne kaufen würde? Hat SIE nicht darauf gebrannt, ihm eine Reaktion zu entlocken, ihm versteckte Hinweise zu geben auf Dinge, die SIE gerne tun würde oder als Geschenk bekäme, wohin SIE gerne mal reisen würde?
Hat ER nicht den ganzen Tag darauf gewartet ein kleines bisschen runterzukommen und zu chillen? Hat ER nicht den ganzen Tag im Wind gestanden um beiden eine Zukunft zu sichern? Hat ER sich nicht in alltäglichen Kleinkriegen mit Kollegen, Vorgesetzten und Kunden aufgerieben um sich ein wenig Müßiggang zu verdienen?
Versteht er nicht, dass SIE alles teilen will mit ihm, besonders die Gefühle, die Ängste und Wünsche? Kann er es nicht nachvollziehen, dass es IHR Angst macht, wenn er sich so abkapselt und IHR nicht zu verstehen gibt, dass er SIE braucht? Dass er vielleicht nur IHREN Körper begehrt und den Rest lediglich toleriert? Sieht er nicht, dass SIE ihn animieren möchte, damit das gemeinsame Leben unterhaltsam und aktiv gestaltet werden kann? Begreift er nicht, dass SIE spüren muss, dass er sich ein bisschen Mühe gibt, damit es funktioniert mit ihnen?
Versteht sie nicht, dass ER mit ihr zusammen die Entspannung genießen will, dass ER sie an SEINER Seite spüren will (neben sich und nicht immer direkt vor sich), dass ihre bloße Gegenwart IHN beruhigt wie sonst kaum etwas auf der Welt? Kann sie nicht nachvollziehen, dass ER sie immer noch liebt, auch wenn ER seine Aufmerksamkeit nicht ausschließlich ihr widmet? Dass es IHN nervt, ständig beweisen zu müssen, dass er nicht nur ihren Körper will? Sieht sie nicht, dass ER ihre Solidarität braucht, und in manchen Momenten einfach keinen Widerspruch verträgt, weil es dann nicht um Richtig oder Falsch geht, sondern darum, auf welcher Seite sie steht. Begreift sie nicht, dass ER ihren ständigen Aufmerksamkeitsdrang als Angriff deutet?
Als sie sich kennenlernten, da war er noch der vor Ideen und Initiative sprühende, geheimnisvolle Verführer, der SIE immer wieder überraschte und begeisterte. Hatte er nicht selbst IHRE absolut beiläufig erwähnten kleinen Sehnsüchte und Vorlieben registriert wie ein Spion? Hatte er IHR nicht jeden Wunsch von den Augen abgelesen?
Als sie sich kennenlernte, war sie noch die rücksichtsvolle, sinnliche, hingebungsvolle Frau, die IHM im Restaurant zuerst von der gemeinsamen Essensplatte auf den Teller lud, die sich IHM in den Laken hingab, sie sich für IHN freute, wenn sein Fußballteam gewann, die es IHM großzügig gönnte, sich mit SEINEN Freunden zu treffen?
Missverständnisse? Alles bloß vorgespielt? Wie auch immer: Insgesamt können Frauen und Männer einfach wenig miteinander anfangen. Manchmal mögen sie sich ergänzen: Welcher zur Bequemlichkeit neigende Typ hat es nicht ab und zu mal nötig, von einer zielstrebigen Frau in seinem eigenen Interesse in den Arsch getreten und aus seiner autistischen Trägheit gerissen zu werden? Und welche zur Hysterie neigende Frau wäre nicht verloren ohne einen krisenfesten Kerl, der sie auf den Teppich zurückholt und sie vor ihrem eingebauten Wahnsinn beschützt?
Trotzdem führen die unterschiedlichen Erwartungen in der Regel zu Verstörung, Frust und Zerwürfnis. Der Weg zum WIR ist vielen zu lang und zu steinig geworden.
Vielleicht sind wir inkompatibel.





Kommentare
Schoener Text, gefaellt mir. Da hast du eigentlich auf deine Fragen schon einige Antworten geliefert....dieses Beziehungsdilemma kann ich von beiden Seiten sehr gut nachvollziehen.
16.02.2008, 16:28 von feiernachtstraumIch glaube keine Frau kommt daran vorbei manchmal die nervige Alte zu sein & kein Mann kann es umgehen manchmal der dessinteressierte Aus-dem-Weg-Geher zu sein.
Alles hat seine Zeit. Man braucht seine Zeit ( vorallem die Herren ) um von der Arbeit zu kommen & um zu sich zu kommen. Wenn man seinen Partner kennen & so lieben gelernt hat, findet man auch die richtige Zeit um ( wieder ) zueinander zu gelangen.
Es bringt fast garnix ihn voll zu quatschen & versuchen durch irgendwas seine Aufmerksamkeit zu erlangen, dass geht meistens in die Hose. Er hat kaum eine Chance was "richtig" zu machen wenn er nicht frei dafuer ist, sprich aufnahmefaehig. Abschottung, Ablenkung sind dann schon mal seine Auswege, aber so bekommt sie nie das was sie gluecklich machen kann. ( Und er auch nicht )
Ihr rate ich, anzufangen. Schau dir deinen Liebsten mit den Augen an, wie du ihn am Anfang eurer Beziehung angesehen hast. ( Wenn er z.B. von der Arbeit kommt zu fragen "wie war dein Tag?" , " wie geht es dir?" ) Vielleicht sieht man dann etwas klarer. Auf kurz oder lang, er wirds merken.
Ihm rate ich, sei aufmerksam. Sage ihr wann dein Kopf kurz vorm platzen steht und du ihr gerade nicht die Aufmerksamkeit schenken kannst, die sie verdient haette. Vielleicht wird sie das am Anfang auch ankotzen, aber sie wird auch was merken.
Allen Liebenden sei gesagt, findet eure Zeit, findet ( wieder ) zueinander. Auch wenn die Herzen fuereinander bestimmt sind heisst das noch lange nicht das es sich ohne Muehen lieben laesst.
Fuer alle Inkompatibelen, was trotz allen
Bemuehungen eintreten kann, haltet euer Herz geoffnet, damit falls der Richtige kommt, auch eintreten kann.
Der Weg zum WIR ist vielen zu lang und zu steinig.
Der Weg zum GLUECK dann aber auch.
Liebe ist alles!
16.02.2008, 14:29 von chessigeKlingt für mich, als wenn die beiden endlich mal anfangen sollten, miteinander über ihre Bedürfnisse und Erwartunge zu reden und zu klären, wer was wann wie braucht und wer was wann wie bekommt. Und vielleicht auch, ihre Blaupause von dem Menschen, in den sie sich mal verliebt haben, wegzunehmen und den Menschen zu sehen, der da wirklich ist.
Die meisten dieser Zuordnung von Verhaltensweisen zu Frau und Mann entstehen aus der unterschiedlichen Erfahrungswelt und nicht aus dem biologischen Geschlecht. z.B. ist es in meiner Ehe exakt vertauscht. Meine Frau kommt erschöpft von der Arbeit und möchte schlicht überhaupt nichts mehr denken und machen, Filmerkiste und klappe, während ich nach einem Tag so zuhause eigentlich noch was unternehmen würde. usw.
05.04.2007, 22:45 von TSTWenn du als berufstätiger Mann eine Frau mit identischen Bedürfnissen willst, dann schicke deine Frau genauso arbeiten wie du es tust. Dann hat sie keine Zeit sich zuhause zu langenweilen und nervenden Unsinn auszuhecken. Ihr Mitteilungsbedürfnis wäre schon tagsüber gestillt und du kannst mit ihr dann die Ruhe geniesen.
Der Tod jeder Beziehung sind verwöhnte, gelangweilte Hausfrauen!
interessant dieses thema von beiden seiten zu betrachten. meistens sieht man diese dinge immer nur von seiner eigenen warte aus. mal einen blick auf die andere "insel" zu werfen und ein bischen mehr kompromissbereitschaft und einfühlungsvermögen ist der schlüssel zur kompatibilität. aber, wird perfektion auf dauer doch nicht auch langweilig?
25.03.2007, 21:44 von Lexxadas ist genau die sorte beziehung, die ich nicht will.
16.03.2007, 09:39 von zuckerpuppe@[Benutzer gelöscht] hach ja: so sind sie, die stereotypen. irgendwen kriegen sie immer. gossip: dass diese zwei bindungsstile den jeweils anderen suchen und finden, ist statistisch hoch wahrscheinlich und einigermaßen plausibel: ohne einander können sie kaum.
07.03.2007, 14:49 von aisthesis_ratio@schauby
19.02.2007, 09:10 von Miss_Satansbratenweise worte.
Sowohl von den Eltern, als auch von den Medien. Erwartungen führen zu Enttäuschung.
03.02.2007, 15:07 von DanielJaDER..... und dabei ist ja alles noch viel komplizierter! ...;-) .t.
31.01.2007, 23:43 von HerrNachbar