Inhaltsstoffe meines inneren Komposts
"Ich habe mal einen Film gesehen", begann ich. "Die Frau brachte die Männer um, mit denen sie schlief, aus Angst, sie seien ihr zu nahe gekommen."
„Ich habe mal einen Film gesehen,“ begann ich harmlos. „Da ging es um eine Frau, die sich nach Nähe sehnte, aber Angst davor hatte, jemand könne ihr innerlich zu nahe kommen und sie so vernichten. Durch Macht. Durch Wissen um ihre Einsamkeit.“
Frau Stieler sah mich aufmerksam an. Ich wartete kurz auf eine Reaktion, aber da kam nichts.
„Sie hat ständig mit Männern geschlafen, um sich das Gefühl von Nähe zu geben. Weggehen, Typ aufreißen, abschleppen. Dann brachte sie die Männer um. Sie waren ihr zu nahe gekommen. Sie hatten ihren weichen Kern erlebt. Das durfte sie nicht riskieren. Also brachte sie sie um.“
Frau Stieler schwieg, schaute mich nur an und schien zu warten, daß ich jetzt irgendwie einen Bogen zu mir machen würde. Aber das hatte ich nicht vor. Nicht wirklich. Also schwiegen wir beide. Sie sah mich nachdenklich an.
Und plötzlich, unvermittelt, fragte sie:
„Wer ist Ihnen zu nahe gekommen?“
Nein, das war der falsche Ansatz, viel zu direkt, darauf fiel ich nicht rein.
„Niemand. Das war einfach ein Film den ich gesehen habe.“
„Salja, was würden Sie tun, wenn Ihnen jemand zu nahe kommt?“
Ich schloß die Augen und dachte nach. Gute Frage, nächste Frage, es wird eng, ich mußte mich wieder rauswinden, das konnte gefährlich werden.
„Ich weiß es nicht.“
„Verstehen Sie, warum die Frau in dem Film die Männer umbringt, mit denen sie geschlafen hat?“
Ich ließ auch diese Frage auf mich wirken, ließ sie hinein sacken in mein Inneres, soweit ich es zulassen konnte. Und wie ein Feuerball schlug es mir entgegen: „Ja, ich verstehe es. Niemand darf ihr so nahe kommen! Das hat sie nicht gewollt!“
Ich erschrak über meine laute Stimme.
„Hat sie es wirklich nicht gewollt?“
Oh nein, sie hatte mich da, wo sie mich wollte, und ich hatte ihr auch noch selber den Schlüssel in die Hand gegeben. Immer schön indirekt über die Frau im Film, wußte sie doch genau, daß wir hier über mich redeten.
„Ich glaube nicht.“ flüsterte ich.
„Wissen Sie es denn?“
„Ich glaube, sie sehnt sich nach Nähe. Sie darf es aber nicht zulassen. Ich glaube, sie wollte es. Aber dann bereute sie es. Deshalb mußte sie töten.“
„Was passiert, wenn sie jemanden an sich läßt?“
„Sie wird eine Dartscheibe. Man kann reinhauen. Zerfetzen. Kaputt machen. Sie muß den heiligen Gral beschützen.“
Es sprudelte nur noch so aus mir raus.
„Eliminieren macht es ungeschehen. Dann kann sie sich weiter einbilden, niemand sei ihr nahe gekommen.“
„Was machen Sie, wenn Ihnen jemand nahe kommt?“
„Ich will den Kontakt abbrechen. Aber das geht nicht immer. Da ist so ein dummer Teil in mir der weiter macht.“
„Mit was weitermacht?“
Oh Gott, was habe ich mir da angetan, wie konnte ich das zulassen, ja sogar herausfordern?! Wir waren mitten in mir, mit diesem Gespräch, mittendrin im Gewühl, im Berg, im Abfall, diesem Komposthaufen, der mein Innenleben sein sollte.
„Ich ziehe mich zurück, aber habe weiter Kontakt, aber distanziert, aber trotzdem irgendwie da, aber eigentlich mit Angst, der Mensch könnte jederzeit aus meinem Leben verschwinden. Weg sein. Es ist so einfach, mich zu verlassen. So was hinterläßt man doch mit einem Schulterzucken. Ohne Blick zurück. Einfach so.“ Erschöpft hielt ich inne. Da war er, der Seelenstrip.
Einfach so. Haha.
„Ich muß alles daran setzen, daß die Menschen mich nicht verlassen. Am einfachsten ist das, wenn ich keine Menschen um mich habe, dann kann mich auch niemand verlassen. Aber da ist ein Teil in mir, der auch da weitermacht. Sich mit Leuten unterhält. Kontakte knüpft. Weil ich mich doch sehne... Aber dann ist es zu spät. Und ich habe mich wieder selbst in Fallen gesetzt. Menschen sind Fallen. Ich selbst bin die größte Falle.“
Scheiße, die mußte doch denken, ich sei völlig übergeschnappt. War ich das denn nicht auch? Ich war es. Ich hatte doch schon lange die Hoffnung aufgegeben, normal zu sein. Was hieß denn schon normal! Was hieß denn schon übergeschnappt. Aber nach diesem Normalen suchte ich immer krampfhaft. Ich wollte mich daran festhalten können, mich messen, um mich einzuordnen. Wie eine Messlatte, an der man bestimmen kann, ob etwas zu lang, zu kurz oder was auch immer war. Eine Messlatte des Normalen, an der ich messen konnte, wie sehr ich daneben lag, um den Irrtum auszugleichen. Um mich anzupassen, weil ich die irrsinnige Hoffnung hatte, anpassen bedeute so etwas wie eine einheitliche Masse sein, unauffällig, also auch ohne besondere Vorkommnisse, ruhig halt, ausgeglichen. Normal halt.
Frau Stieler sah mich weiterhin ruhig an. Ich mied ihren Blick, starrte abwechselnd aus dem Fenster oder auf den Boden. Hatte wohl einige Minuten so dagesessen und meinen Gedanken nachgehangen. Zeitgefühl wie immer im Argen. Wer so sehr in sich selbst lebt, wie soll der schon ein Gefühl für die von außen vorgegeben Zeit haben.
„Was könnten Menschen sehen, die ihnen nahe kommen? Was ist der heilige Gral?“
Ungünstig, Frau Stieler, dachte ich. Ungünstige Frage, das ist eine doppelte Frage, die auf zwei völlig verschiedene Teile in mir abzielt, so funktioniert das nicht. Ich dachte, Sie hätten verstanden...
Meine Ironie kehrte zurück an ihren Platz, meine Kontrolle kam leise aus irgendeiner Ecke daher geschlichen und flüsterte mir zu, sie wäre gerne wieder mein Boss, und natürlich empfing ich sie mit Freuden und ließ sie Platz nehmen, da, wo sie hingehörte, um mich zu beschützen.
„Sie haben nicht verstanden.“ sagte ich. Leise, um ihr nicht gleich zu zeigen, daß meine Kontrolle wieder da war. Und wirklich stark fühlte ich mich auch noch nicht.
„Die Einsamkeit tut weh, nicht wahr?“
Was sollte denn dieser Schwenker? Neue Taktik?
„Einsamkeit. Schmerz. Unverstanden.“
Sollte das eine Auflistung der Zutaten meines Komposthaufens werden? Dann hatte sie vielleicht doch ein bißchen was verstanden. Zisch zisch, es sickerte langsam tiefer, der Komposthaufen war nicht mehr weit, und wenn man dem so entgegen knallt, aus was er besteht, ich weiß nicht, ob er das so mag...





Kommentare
Toller Dialog. Schöne Gedankengänge der Protagonistin. Gefällt!
07.03.2012, 14:19 von independentdreamerEin guter Text, und ich denke das viele Menschen am meisten darunter leiden, weil sie eigentlich normal sein wollen, und nicht respektieren das ihr Problem ein Teil von ihnen ist. Der Text brint genau das sehr gut rüber.
18.04.2011, 22:03 von aco„Ich ziehe mich zurück, aber habe weiter Kontakt, aber distanziert, aber trotzdem irgendwie da, aber eigentlich mit Angst, der Mensch könnte jederzeit aus meinem Leben verschwinden. Weg sein. Es ist so einfach, mich zu verlassen. So was hinterläßt man doch mit einem Schulterzucken. Ohne Blick zurück. Einfach so.“
18.04.2011, 13:56 von sara.hdas ist so wahr.
@sara.h Hm, ich hoffe doch nicht dass das so wahr ist ... was heisst hier „Es ist so einfach, mich zu verlassen. So was hinterläßt man doch mit einem Schulterzucken. Ohne Blick zurück. Einfach so.“ ... das ist doch der Klassiker: Man muss lernen sich erst mal selbst zu akzeptieren . gar zu lieben, damit andere das auch tun können.
18.04.2011, 14:12 von Cyro@[Benutzer gelöscht] Meinste mich als Irrlicht? Ich schreibe nur...
17.04.2011, 12:50 von EliasRafaelIch mag deinen Stil.
16.04.2011, 16:03 von ETonEarth(Und ich brauchte fürs bessere Verständnis noch den letzten Absatz nach "Die Einsamkeit tut weh nicht wahr?" Aber vielleicht bin ich auch einfach noch kein so geübter Leser...)
Ahhhh, hier sind nur Enneagramm-4er.
16.04.2011, 14:31 von braent.barnBin ich froh, da raus zu sein.
Sehr gut geschrieben, sehr gut beschrieben.
15.04.2011, 17:49 von topfbluemchenMan hat sich ein- und mitfühlen können.
Nur meiner Meinung nach hätte nach dem Satz "Die Einsamkeit tut weh, nicht wahr?" Schluss sein sollen.
@topfbluemchen Danke!
16.04.2011, 07:32 von miss_melUnd ja, stimmt, das Ende hätte sehr gut nach diesen Satz gepasst, das gefällt mir gut. Wollte wohl den Komposthaufen noch mal drin haben...
Find ich jetzt nur so mittel...
15.04.2011, 17:27 von frl_smillaKann ich auch sehr gut nachvollziehen ... traurige, wenn auch verständliche Abwehrhaltung. "Umbringen" trifft es wohl ganz gut. Schön geschrieben ist es auch.
15.04.2011, 16:15 von EliasRafaelFinde den Text sehr gut, nur der letzte Satz stört mich.
15.04.2011, 16:13 von Jackie_GreyDieser Satz ist eigentlich überflüssig.