In ihrem Haus
Ein kleines Tischchen steht in der Ecke. Darauf ein Bild, die blonde Frau lächelt in die Kamera. Verstohlen blicke ich weg.
Wir bleiben noch kurz vor dem Haus stehen, du hältst noch immer meine Hand. Ich weiß nicht, ob du merkst, dass ich zittere. Du kramst in deiner Tasche nach dem Schlüssel, hältst weiterhin meine Hand. Vielleicht weißt du ja doch, was ich gerade fühle. Obwohl ich es selbst nicht beschreiben kann. Gekonnt steckst du den Schlüssel, nachdem du ihn gefunden hast, in das Schlüsselloch und sperrst die Haustüre auf. Ein Windspiel erklingt, als die Türe zum Eingangsraum aufgeht. Ich atme noch einmal tief durch und folge dir in das Haus. Irgendwie fühlt es sich komisch an, diesen Ort zu betreten, irgendetwas in mir zieht sich zusammen. Es fühlt sich richtig an, aber gleichzeitig auch falsch.
Du lässt meine Hand los. Nimmst mir meinen Mantel ab, hängst ihn fein säuberlich auf einen Kleiderbügel neben ein Sakko, das wohl deinem Vater gehören muss. Hängst deine Jacke daneben. Greifst wieder nach meiner Hand, öffnest die nächste Türe, an der ein Kranz mit roten Kugelchen hängt. Ich frage mich, ob den deine Oma gemacht hat. Oder deine Tante. Vielleicht deine Schwester. Ich zittere noch immer, als wir das Vorhaus betreten. Ein großer rot-brauner Teppich liegt am Boden, an den Wänden neben den Türen stehen hellbraune Schränke. Ein paar selbstgemalte Bilder hängen an der Wand, wahrscheinlich welche deiner Schwester. Ein Rascheln, ich schrecke auf. "Hey Kleiner!", rufst du und schon tappt eine graue Katze zu dir und begrüßt dich, indem sie schnurrend um deine Beine schmeichelt. Ich streichle über ihr weiches Fell, lasse dabei deine Hand nicht los.
Du führst mich in die Küche. Ich kenne sie schon von Bildern, doch in echt sieht sie doch etwas anders aus, als ich sie mir vorgestellt habe. Du lässt meine Hand los. Es ist okay für mich. Ich fühle mich gerade sicherer. Ich sehe mich um, während du Orangensaft in zwei Gläser füllst. Die Wände sind grün, wohl frisch herausgemalt. Ein großer Glastisch mit einer weißen Tischdecke. Ein bisschen Spitze, gerade richtig. Darüber grüner Tischschmuck, passend zur Wandfarbe. Ein kleines Tischchen steht in der Ecke, gleich neben der Tür. Darauf steht ein Bild, die blonde Frau lächelt in die Kamera. Verstohlen blicke ich weg.
Du reichst mir das Glas mit dem Orangensaft, verdünnt mit Wasser, genau so, wie ich es mag. Ich nehme nur einen kleinen Schluck, stelle das Glas auf dem Esstisch ab. "Komm, ich zeig dir das Haus!", meinst du und schnappst wieder nach meiner Hand. Wir gehen wieder in den Vorraum, vorbei an den hellbraunen Schränken. "Hier ist das Zimmer von... von meinem Vater!" Die Türe zu dem Raum steht offen. Das Doppelbett ist schön gemacht, fast unberührt. Ein Schauer zieht über meinen Rücken, meine Hand zittert wieder kurz. Ich weiß nicht, ob du merkst, dass meine Anspannung immer mehr steigt. "...hier das Zimmer meiner Schwester... Kannst eh reinschauen! ...und voilà, mein Zimmer!" Schwungvoll öffnest du die Tür zu dem kleinen Raum. Schon huscht deine Katze rein und springt elegant auf das ungemachte Bett, kuschelt sich auf die Decke. Du lässt wieder meine Hand los, steuerst auf den Schreibtisch zu, um den PC hochzufahren. Ich möchte am liebsten wieder nach deiner Hand greifen, sie ganz fest halten. Ich fühle mich verloren, obwohl du doch nur einen Meter neben mir stehst. Ich atme tief durch. Sehe mich langsam um. Auf einem Regal über deinem Bett stehen ein paar Bücher. Architektur, Fotografie. Wolfgang Borchert. Georg Büchner. Daneben ein alter Stoffhase, der auf einem Lego-Technik-Flugzeug sitzt. Ich frage mich, warum du diese Spielsachen noch stehen hast. Du bist doch schon mehr als ein Jahrzehnt aus dem Alter heraus. Vielleicht willst du sie damit festhalten, damit mehr als die Erinnerung bleibt.
"Setz dich doch hin, mach es dir gemütlich!", meinst du und deutest auf dein Bett. Ich muss ziemlich unbeholfen dastehen, meine Finger verkrampft ineinander verknotet. Ich nehme Platz, versuche, nicht zu steif dazusitzen. Schaue dir kurz zu, wie du am PC deine Mails abrufst. Meine Augen schweifen langsam über deinen Schreibtisch. Schwarz-Weiß-Fotos. Unfertige Pläne von Häusern, ein Terminplaner. Neben dem Schreibtisch eine Kommode, darauf deine Kameras und ein Bild von ihr. Ich kann sie nicht ansehen, blicke fast peinlich berührt weg.
"Ich muss dir doch noch den Garten zeigen!", fällt dir plötzlich ein und du springst auf. Mein Magen zieht sich wieder etwas zusammen. Ich atme tief durch, stehe dann auch auf. Dieses Mal nehme ich deine Hand. Ich bemerke erst später, dass ich diese nun fester halte als zuvor. Wir gehen wieder den Flur entlang, in die Küche. Ich schaue wieder verstohlen auf das Bild auf dem Tischchen. Aber du ziehst mich schon weiter. Wir gehen ins Wohnzimmer, zur Terrassentüre. Du schiebst den Vorhang zur Seite und öffnest diese. Ich zittere immer mehr, innerlich. Frage mich, ob du das spürst. Vielleicht bemerkst du's aber gar nicht, weil du gerade dabei bist, dir die kalten Schlappen anzuziehen, die neben der Türe stehen. Auch ich gehe kurz ein bisschen in die Knie, schlüpfe in ein Paar Pantoffel. Halte dabei die ganze Zeit deine Hand. Als ich mich erhebe und umblicke, sehe ich erst, wie groß der Garten wirklich ist. Viel größer als ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich möchte dich fragen, was du fühlst, wenn du jetzt hier stehst. Ob du noch an sie denkst, wenn du den Garten siehst. Ich sage aber nichts.
Der Wind bläst mir die Haare ins Gesicht. Mir ist kalt. Ich lehne mich an dich, während wir nebeneinander auf der Terrasse stehen. Ich weiß, dass du spätestens jetzt mein Zittern bemerken musst. Aber ich kann es auf die Kälte schieben. "Ist alles okay bei dir?", fragst du. Eigentlich sollte ich diese Frage stellen, für dich muss es doch viel schwerer sein, hier zu stehen. "Ja. Mir ist nur etwas kalt." Ich merke, dass du weißt, dass ich nicht deswegen zittere. Ich will wieder ins Haus. Spreche das aber nicht aus. Du streichst mir die Haare aus dem Gesicht. Küsst sanft meine Stirn. Ich zittere ein bisschen weniger.
Wir gehen wieder ins Wohnzimmer, durchqueren es, zurück in die Küche. Du entschuldigst dich, willst das Essen aus der Tiefkühltruhe holen. Lässt mich in der Küche zurück. Ich sehe mich wieder um. Sehe das Tischchen. Das Bild darauf. Dieses Mal schaue ich es länger an, gehe ein paar Schritte näher. Sie lächelt auf dem Bild, scheint glücklich zu sein. Es war vielleicht ein guter Tag, damals. Ich frage mich, ob sie mich gemocht hätte. Ob sie weiß, dass ihr Sohn mich liebt. Dass ich ihn liebe. Ob sie weiß, dass es mir wie ihr damals ging. Dass ich dieselbe Krankheit hatte wie sie. Dass ich genauso gekämpft habe wie sie. Dass ich auch einst in den Garten ging wie sie. Dass ich aber nicht aufgegeben habe. Dass ich wahrscheinlich etwas mehr Kraft hatte als sie. Dass ich von dort aus nicht für immer weggegangen bin.





Kommentare
ich habe den Text eigentlich mit Spannung gelesen weil er gut angefangen hat. "Endlich mal was anderes" dachte ich. Aber dann hat der Text leider aufgehört wie alle diese Geschichtchen die ich bisher hier gelesen habe. Spannung wird aufgebaut - ein "überraschendes" Ende - jemand ist tot
17.05.2010, 00:19 von SundayMorningWenn es die Geschichte über "die andere Frau" gewesen wäre hätte ich es interessanter gefunden
vlg
ich kann hier auch nur manchen zustimmen...
12.05.2010, 21:08 von nic.is.listenträger anfang, interessantes ende...
schön geschrieben.
29.04.2010, 05:30 von NeonBlond
28.04.2010, 15:38 von LudwigMartinFinde auch, daß man ein wenig lange hingehalten und auf falsche Fährten geschickt wird - immerhin aber bleibt man so bei der Stange. ;-)
Aus der Situation heraus ist aber die lange Hinführung auch nachvollziehbar.
Aber was Grundsätzliches: "Daneben ein alter Stoffhase, der auf einem Lego-Technik-Flugzeug sitzt. Ich frage mich, warum du diese Spielsachen noch stehen hast. Du bist doch schon mehr als ein Jahrzehnt aus dem Alter heraus. Vielleicht willst du sie damit festhalten, damit mehr als die Erinnerung bleibt."
Ich weiß nicht, ob da Frauen oft grundsätzlich anders sind als Männer. Aber der Dreiklang "Spielzeug - Kindheit - Identität" findet selten das Verständnis von sich modern fühlenden Frauen, hab ich das Gefühl.
In jeglichen Reflektionen (auch hier) kommt ein Legohaus, ein Matchbox oder ein Stoffhase schlecht weg.
Ich überlege gerade, ob das daran liegt, daß Frauen eher zukunfts- und Männer eher vergangenheitsorientiert sind? (was beispielsweise bei patriarchalen Immigrantenfamilien ganz stark ist, weil z.B. muslimische Frauen die Gewinner der Integration sind)
Oder lediglich Angst vor Konkurrenz der Elternbilder (was zum Text eher paßt)?
Oder die Angst, zur gewachsenen Identität des ehemaligen Jungen es maximal zum "Beiwerk" zu schaffen?
Ich finde diese Frage grad recht interessant...
dann is ja alles gut! freue mich auch über deine kritik bei meinen texten ;)
25.04.2010, 14:41 von Junger_Faust@Junger_Faust:
24.04.2010, 14:02 von girlcalledmNein, nein, so habe ich das nicht gesehen mit persönlich angreifen und so. Ich hab wohl deinen Eintrag anders aufgefasst, als du ihn gemeint hast. Sagen wir mal so - jene Freunde waren jetzt nicht die, die im allerengsten Freundeskreis waren. Ich habe genug, die bezüglich dessen gesund sind. Es war wahrscheinlich Zufall, dass genau jene in meinem Freundeskreis waren. Also ja, ich kann nachvollziehen was du meinst.
Und bezüglich deiner Meinung zu meinem Text - ist vollkommen in Ordnung, kann nicht jedem gefallen oder so. Ich freu mich über Kritik. ;)
man mag stilisieren wie man will. also hast du das so getan. Eltern Kind macht übung. und ich find das ganz schön wie du deine Zukunftsúnsicherheit´/affektanpassung mit deinem Lebenswillen verbindest. da denk ich nicht so an satire wie mein vorredner ´und nu isse uff die Tür´ sondern eher an "jedem anfang liegt ein zauber innne...." Obwohl ich den Spruch über den ernst des Lebens immer gehaßt habe.
23.04.2010, 20:42 von Babeinthewordswow... sehr sehr schön! Traurig aber wunderschön geschrieben. Ich finde zum Schluss würde es noch gut passen, wenn dein Freund noch aus dem Keller hochgekommen wäre oder so und dich in den Arm genommen hätte, aber so seid ihr (du und seine Mutter) am Ende allein im Raum. Finde ich auch sehr schön. Daumen hoch!
23.04.2010, 14:37 von frau_wachsmalstiftminus mal minus nicht gleich plus. keine ahnung was mit meinem inet los ist..
23.04.2010, 09:58 von Junger_Faustich wollte vermeiden dich persönlich anzugreifen, habe ich wohl leider nicht geschafft. ich erkenne depressionen ans krankheit an und habe auch eine freundin die schon mal in behandlung deswegen war (nicht so schlimm wie bei dir, aber vll. ähnlich). ich habe sehr gute freunde und ich weiß dass du das nur gesagt hast weil du gekränkt warst, aber das ist natürlich auch okay. allerdings meinte ich es eher so, dass es wahrscheinlihc nicht besonders positiv für den genesungsfortgang sein kann wenn die hälfte der freunde des "kranken" ebenfalls depressionen haben! das kannst du doch vll. nachvollziehen oder? kurz gesagt: im leben gibt - mal - nicht .
23.04.2010, 09:56 von Junger_FaustPS: bin auf deiner seite, fand den textn nur scheiße.