Freulein_Locke 30.11.-0001, 00:00 Uhr 9 29

Immer weiter

Jahr um Jahr ist es das gleiche. Der Drang weiterzuziehen, woanders glücklich zu werden. Neues zu finden, Altes zu verlieren.

München ist schön im Sommer. Manche würden es sogar wunderschön nennen, zauberhaft, in manchen versteckten Winkeln idyllisch, an anderen einfach einzigartig.

Zwei Jahre ist es her, dass ich zum ersten Mal einen Fuß auf Münchner Straßenpflaster gesetzt habe. Und ich habe jeden einzelnen meiner ersten Schritte gehasst. 

Nun, knapp 730 Tage später, laufe ich über Brücken, durch Innenhöfe und entlang der Isar und bewundere diese Stadt aus tiefstem Herzen. Ich bin angekommen, fühle mich fast heimisch und zu Hause.

Genauso lange hat es gedauert, bis zur Rückkehr eines altbekannten Wegbegleiters. Manche kennen ihn unter den Namen Fernweh oder Reisefieber, für mich ist es einfach ein alter Freund. Jemand, den man schon seit längst vergangenen Kindertagen kennt,  mit dem man über Jahre hinweg Geheimnisse teilt, Erfahrungen sammelt und Sehnsüchte bespricht.

Gleichzeitig hasse ich ihn, weil er mich immer weiter treibt, weit weg, von allem, von jedem. Mit einem fiesen Grinsen sitzt er manchmal in der Ecke des leeren Einzimmerapartments und kichert hysterisch vor sich hin. Weiter, weiter, weiter. Weg, ganz weit weg. Er brummelt vor sich hin, mal bebt die Stimme, wird lauter und drängt sich durch die engen Gehörgänge bis in die tiefsten Unweiten meines Unterbewusstseins. Einige Minuten vergehen, er wird leiser, müde vom stetigen Nörgeln, vom konstanten Animieren dazu die Flucht in die Ferne anzutreten.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wo er damals herkam. Und auch nicht daran, warum er immer wieder kommt. Eine Erklärung findet sich nicht. Jahr um Jahr ist es das gleiche. Der Drang weiterzuziehen, woanders glücklich zu werden, Menschen die man kurzzeitig ins Herz geschlossen hat, wieder in die Anonymität zu verbannen, wegzurennen, full speed.

Die Suche nach dem Unbekannten geht also weiter. Seile werden gekappt, zum Abschluss mit einem weißen Taschentuch gewunken. Immer weiter, bis zum Rande des Horizonts. Ich habe keine Ahnung was es ist, nach dem sich die Suche richtet. Auch mein verrückter Freund mit dem hysterischen Unterton will es mir nicht verraten. Vielleicht sind wir auch schon über das Ziel hinaus geschossen, haben das Unbekannte gefunden und es doch nicht erkannt. Glück. Vielleicht hatten wir es schon und haben es doch nicht erkannt.

Man fühlt sich gut, wenn man mit leuchtenden Augen davon erzählt, wo man überall schon gewesen ist, was man gesehen hat und wen man traf. Bewunderndes Staunen, neidische Seitenhiebe. Es ist ein gutes Gefühl, dass nur für wenige Augenblicke hält.

Es sind Freunde, Familien, Gemeinschaften, die den Erzählungen lauschen. Menschen, die zueinander gehören, in Grüppchen einer einzelnen Person lauschen. Nach dem Ende meiner Reiseberichterstattung wechselt das Thema. Es geht über in lustige Geschichten von Familienfeiern, Filmrisse nach exzessiven Partys, Urlaubsfahrten mit den besten Freunden.

Wieder dieses hysterische Gelächter. Doch dieses Mal sitzt mein alter Kumpel still in einer anderen Ecke. Der Lärm kommt aus den glücklichen Kehlen von Menschen, die ihr Leben mit ihren Freunden, mit ihren Liebsten teilen. Die ihre Geschichten nicht alleine erzählen, sondern sich gegenseitig ergänzen, vor lauter Aufregung ins Wort fallen, sich nebeneinander anspornen noch lauter, noch ausschweifender von den gemeinsamen Abenteuern zu erzählen, in die Runde zu kreischen.

Irgendwann ist nichts mehr zu hören, außer glückliches Lachen und losgelöstes Kichern.

Eine Mischung aus Neid und Wehmut erfüllt meinen reiselustigen Körper. Ist es das, wonach wir suchen? Eine Geborgenheit, eine Heimat, die keine Stadt, kein Land bieten könnte. Ein Gefühl, so unbeschreiblich, dass es sich nicht an den entferntesten Stränden oder in den tiefsten Regenwäldern finden lässt.

Gibt es einen Wegweiser zu dem Ort, an dem dieses Gefühl heimisch ist? Man könnte ihn im Atlas wohl unter F wie Freundschaft finden. Doch nicht diese, die an der Oberfläche kratzt und sich nach wenigen Monaten wieder in ihre minimalsten Einzelteile auflöst. Geborgenheit, Verständnis, blindes Vertrauen, alles Bestandteile, Vororte wenn man so will, die das große F zu einem Lonely Planet-Dauerbrenner machen würden, wäre es doch tatsächlich bereisbar.

Mein alter Freund erhebt sich aus der Ecke, streicht sich über seinen langen grauen Robinson Crusoe Bart und packt mich. „Auf geht’s“, sagt er und schaut mich mit großen glasigen Augen an. „Wir müssen weiter. Weg hier. Wir müssen es finden.“ Doch was genau, dass verrät er nicht.

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9 Antworten

Kommentare

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  • 1

    ich fühle mich gerade unglaublich verstanden.

    02.09.2012, 00:28 von mon.coeur
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    Gefällt mir sehr

    31.08.2012, 20:06 von siePlosion
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    Ist es das, wonach wir suchen? Eine Geborgenheit, eine Heimat, die keine Stadt, kein Land bieten könnte. Ein Gefühl, so unbeschreiblich, dass es sich nicht an den entferntesten Stränden oder in den tiefsten Regenwäldern finden lässt.


    Fein durchdacht und geschrieben. Getriebenheit ist kein schönes Gefühl.

    27.08.2012, 09:49 von Jackie_Grey
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Kenn ich, einmal infiziert wird man es nicht mehr los. Sehr schöner geschrieben!  Diese Rastlosigkeit ohne greifbares Ziel wunderschön in Worte gefasst.

    27.08.2012, 00:01 von Ichwuenschmirwas
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    gute idee mit dem "freund" in der ecke und schön ge-und umschrieben. nur schade für die protagonistin, dass sie immer wieder nur wegrennt...

    25.08.2012, 20:12 von verpixelt
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    Ist es das, wonach wir suchen? Eine
    Geborgenheit, eine Heimat, die keine Stadt, kein Land bieten könnte.

    der text ist wie gedankenlesen! sehr schön

    25.08.2012, 20:09 von steffi_knblch
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    mag ich sehr!

    25.08.2012, 03:03 von pecadomortal
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    ich kenn das problem. wunderschöner text!

    24.08.2012, 20:01 von orchestraofbubbles
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