Mrs.McH 17.08.2012, 21:58 Uhr 26 18

Immer vor mir‽

Wo läufst Du hin‽

Jahraus jahrein läufst Du vor mir. Allerdings nicht voraus, sondern davon. Niemals bist Du bei mir. Ich frage Dich nach dem Warum. Täglich. Doch Du schweigst. Ich versuche Dich einzuholen, aber Du bist schneller und mir ständig mindestens einen Schritt voraus. Ich verstehe das nicht. Ich sollte mit Dir sein, in Dir aufgehen oder vielleicht sogar aus Dir erblühen. Doch sobald ich versuche, mich zu platzieren und Dich zu orten, bist Du weit weg. Nicht dort, wo Du sein solltest. Es fühlt sich falsch an, aber Dich interessiert das nicht. Du bist stur und läufst unbeirrt weiter. Für Dich gibt es keine Hindernisse. Nichts und niemand hält Dich auf. Und wenn doch, dann hast Du längst einen anderen Weg ausgemacht. Du sorgst dafür, dass ich zu keiner Zeit zur Ruhe komme, denn fortwährend bin ich auf der Suche nach Dir. Die Angst, Dich vollends aus den Augen zu verlieren, treibt mich an. Du läufst vor mir her und die Zeit mit Dir. Doch es ist meine Lebenszeit, die schwindet, Du entreißt sie mir und nimmst sie einfach mit. Ich schaue fassungslos hinterher.

Ich war etwa zwanzig, als ich Dich das erste Mal wahrnahm. Ich erkannte, dass Du mich schon lange begleitest. Nicht wirklich ernsthaft, doch ich setzte mich mit Dir auseinander. Immerhin.

Doch ich war jung und noch zu beschäftigt, andere Wesen und Erlebnisse zu finden und damit, die Leichtigkeit der letzten Jugendtage zu genießen. Ich hatte Dich im Hinterkopf, aber Du warst mir nicht wichtig genug, um mehr zu verlangen. Noch fehltest Du mir nicht. Ich war mir sicher, alles würde sich fügen; wir würden uns finden. Alles zu seiner Zeit.

Mit dreißig wurde ich mir Deiner sehr bewusst. Als Du das bemerktest, fing Deine Lauferei an. Du spürtest vielleicht die Gefahr, die von mir ausging und hast Dich aus dem Staub gemacht. Ein ganzes Jahr warst Du verschwunden. Ich hätte nicht gedacht, dass Du zurückkommen würdest. Aber Du kehrtest zurück und mir sogleich den Rücken wieder zu. Seitdem verfolge ich Dich, suche Dich, quäle mich und sehne mich nach Dir.

Bald werde ich vierzig sein, und ich habe Dich noch immer nicht aufhalten können. Sehr selten, aber dennoch hin und wieder, finde ich Dich auch einmal hinter mir. Es irritiert mich, denn dies passiert nur in Zeiten, in welchen es mir richtig elend geht. Dann wundere ich mich, wo Du wohl bist; schaue mich um und entdecke Dich, trottend und regelrecht niedergeschlagen, weit hinter mir. Doch jedes Mal, wenn ich mich Dir daraufhin zuwende, weichst Du zurück, fast panikartig.

Ich frage mich, was Dich so vor mir fürchten lässt? Ich grübele und versinke in Erklärungsversuchen; ich stelle unzählige Fragen, die unbeantwortet bleiben. Eigentlich erwarte ich inzwischen keine Antworten mehr; der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ja, ich habe mich daran gewöhnt, dass Du zwar immer in der Nähe, aber niemals wirklich bei mir bist. Dennoch hört es nicht auf zu schmerzen. Der Wunsch, mit Dir zu sein, ist allgegenwärtig. Was habe ich getan? Womit habe ich das verdient? Warum weichst Du mir aus? Wo läufst Du nur hin, mein Leben‽

 

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26 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Wirklich gut geschrieben. Nachdenklisch und philosophisch. Wirklich wichtige Fragen, und mir geht es oft genau so.

    25.09.2012, 16:41 von missweiss
    • 0

      *nachdenklich

       

      ;D

      25.09.2012, 16:41 von missweiss
    • 0

      Ich bin unschlüssig, da ich selbst nicht sooo zufrieden bin mit dem Text, aber dennoch freue ich mich, dass ich Dich damit erreicht habe. Danke für Dein Feedback, liebe missweiss.

      25.09.2012, 18:49 von Mrs.McH
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  • 0

    lass es laufen, mrs.

    16.09.2012, 20:22 von MaasJan
    • 1

      I'll do, I'll do and really will give my best. BTW: würde DICH gerne adoptieren... Bekämst ein schönes Zimmerchen und alles was Dein Herz begehrt. Dafür dürfte ich die erste sein, die Deine Texte liest... :) wie bei Misery...

      16.09.2012, 20:27 von Mrs.McH
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  • 0

    Tja das Leben ist wie Quantenphysik. Du denkst du hättest es gefunden, weist jedoch nicht wohin es will, doch wenn du weist wo es hin will, hast du es wieder verloren.

    22.08.2012, 03:50 von JohnnyBravo
    • 0

      Kann ich mir vorstellen, dass es dir so mit der Quantenphysik geht.

      25.09.2012, 16:46 von quatzat
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  • 1

    Ich lese Deine Texte ja immer mit anderen Augen und sage mal DANKE dafür.


    Wobei:


    Lebt nicht jeder in seiner eigenen Zeit und Geschwindigkeit. Jedoch ist diese Sichtweise zu dem Text eine andere, sonst würde am Ende nicht "mein Leben" stehen.


    Und aus >>Dich noch immer nicht aufhalten können. << würde dann >>nicht fassen/fesseln<< werden. 


     


     

    20.08.2012, 18:22 von jetsam
    • 0

      Ich weiß Dein Kommentar und Dein Danke und Deine anderen Blickwinkel sehr zu schätzen :)

      20.08.2012, 20:22 von Mrs.McH
    • 0

      Meine Sichtweise weicht nur leider oft sehr weit von Deiner gewollten Aussage ab. ;-)

      20.08.2012, 20:26 von jetsam
    • 0

      Menschen sind nun mal so, daher streiche bitte das "leider".

      20.08.2012, 20:37 von Mrs.McH
    • 0

      Ich habe es gedanklich gestrichen. Wenn ich es hier tue, dann wird wieder alles durchgestrichen dargestellt, wie bei meinem ersten Text. Das mache ich lieber nicht mehr. :-(

      20.08.2012, 20:44 von jetsam
    • 1

      ja, DAS war sehr lustig :)

      20.08.2012, 20:45 von Mrs.McH
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  • 1

    Wow, da hatten wir wirklich ganz ähnliche Gedanken! Dein Text gefällt mir sehr gut, da du es hier schaffst (und das halte ich für sehr schwierig) die Balnce zwischen deinen eigenen, vielfälitigen Perspektiven die ständig wechseln, da du dich veränderst und die Positionen des eigenen Lebens miteinander konsequent in Beziehung zu setzen. Eine schöne runde Sache!
    Dieselben Fragen treiben mich auch immer um, es hört wohl nie auf ;-)

    19.08.2012, 13:07 von Sultanine
    • 1

      Danke Dir sehr!

      19.08.2012, 22:25 von Mrs.McH
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  • 1

    ich mag diese abgehackten, kurzen sätze. impulse. gefühle. schöner text =)

    19.08.2012, 00:47 von einweggedanken
    • 0

      Freut mich, vielen Dank!

      19.08.2012, 03:41 von Mrs.McH
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  • 0

    Deine Sätze kommen stockend. Abgehackt. DAS muss wohl so! Nachdenklicher Text, liebe Mrs. und das mitten im Hochsommer bei strahlendem Sonnenschein... :*

    18.08.2012, 19:27 von Jackie_Grey
    • 0

      Na wär ja schlimm, wenn bei Sonnenschein das Denken eingestellt würde ;-)

      19.08.2012, 03:41 von Mrs.McH
    • 0

      Danke für Dein Herz, mein Herz :)

      19.08.2012, 03:41 von Mrs.McH
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  • 2



    Der Text gefällt mir sehr gut. Dem Leben hinterher rennen….ist
    man vielleicht schon angekommen? Wohin läuft es denn, das Leben? Was, wenn ich
    mal falsch abbiege und es nicht mehr finden kann? Ist es nicht gut, dem Leben
    noch hinterher zu hecheln, heisst das nicht, dass es noch viele offene Dinge zu
    entdecken und zu erforschen gibt? Und wenn man es mal eingeholt hat das Leben,
    ist es dann vorbei? Ist dann alles erreicht, Ende der Fahnenstange? Werde ich
    mit den Jahren langsamer und das Leben vor mir schneller? Und wenn ich es nie,
    nie einholen kann?



    Viele Fragen an einem sonnigen Samstagvormittag, aber Danke
    dafür ;)



    18.08.2012, 10:47 von seiduselbst
    • 0

      Vielen Dank, Du hast es viel besser ausgedrückt, hättest Du doch einen Artikel schreiben können :)

      18.08.2012, 15:02 von Mrs.McH
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  • 0

    deine fragen sind vermutlich alle richtig.
    beantworten wird sie dir allerdings nur ein einziger mensch.
    :D

    18.08.2012, 08:26 von zehnmomente
    • 0

      und übersetzt heißt das: meine fragen sind vermutlich alle richtig.
      :D

      der text war ein volltreffer-vor zehn jahren!
      sach ma, hab ich mein tagebuch bei dir liegen lassen.....O-O

      18.08.2012, 09:02 von zehnmomente
    • 0

      Hast Du wohl :) Freue mich schon auf die schmutzigen Kapitel :)

      18.08.2012, 14:53 von Mrs.McH
    • 0

      jo, die mit den gruppentherapien...;)

      18.08.2012, 22:46 von zehnmomente
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