Ilona Beyer
04:30 Helene Fischer weckt Ilona Beyer.
Frühdienst. Frau Beyer setzt sich ächzend auf die Kante ihres Bettes,
durchfährt die einstein'sche Frisur und schüttelt infantil ihr erweißtes
Haupt. Pippi Pippi Pippi! Sie tippelt vergnügt ins Bad, uriniert, entledigt sich ihres Nachthemdes und füllt dann das Waschbecken mit lauwarmem Wasser.
Die Zähnchen müssen sich noch ein wenig gedulden. Sie deutet auf das Glas auf dem Waschbecken. Das Gebiss wendet sich angewidert ab. Ach, ihr ollen Muffels! Sie giggelt.
Ilona
Beyer befeuchtet einen frischen Lappen, reibt ihn an einem Stück
Kernseife ab und beginnt ihr Gesicht, den faltigen Hals, die Achseln und
die welken Brüste zu waschen. Die raue Säuberung ihres Intimbereichs
verursacht stimulierende Stromstöße im Unterleib, welche sie mit einem
entrückten Lächeln zur Kenntnis nimmt. Sie stockt, begutachtet im
Spiegel ihr betagtes, tränensackunterfüttertes Gesicht und kichert
zahnlos. Dummes, altes Mädchen. Diesen Schweinkram überlassen wir lieber den jungen Dingern.
Sie kämmt die flirrend dünnen Haare streng zurück und formt diese
schließlich zu einem Dutt. Das Gebiss protestiert vergebens, es wird
schnalzend eingesetzt. Dann zieht sich Frau Beyer an.
Mit einer
frisch gebrühten Tasse Kaffee in der Hand betrachtet sie am Küchenfenster
die langsam erwachende Stadt. "So, und jetzt wecken wir auch mal das
Peterchen auf." Gerade im Begriff die Tasse abzustellen, setzt sich
plötzlich ein leuchtend weißer Falter auf ihren Zeigefinger und schaut sie unvermittelt an. "Ja,
Ilona. Die Zeit des Wartens hat ein Ende. Du darfst mit Gottes Arbeit
fortfahren." Die Überraschung in Ilona Beyers Gesicht weicht einem
überglücklich mädchenhaften Strahlen. Endlich das lang ersehnte Zeichen!
Sie dreht sich in die Hände klatschend, etwas unbeholfen ein paar Male
im Kreis und tänzelt dann glucksend auf den Käfig ihres himmelblauen
Wellensittichs zu.
"Peterchen. Peterchen. Dein Ilönchen darf
wieder Engel machen! Ist das nicht schön?" Sie lüftet das Tuch
Peterchens Behausung und steckt eine Fingerspitze durch die Gitterstäbe.
"Guten Morgen, mein Lieber." Die schon seit Tagen auf dem Käfigboden
vor sich hinrottende Vogelleiche nähert sich ihrem Finger, beißt
zärtlich hinein und krächzt "Loni Mooorn." Ilonas Finger streichelt ins
Leere. Sie denkt an Vater, ihren ersten Engel.
Nachdem die Mutter vom Krebs aufgefressen wurde, übernahm Ilona im Wechsel mit einer ambulanten Kraft
die Pflege ihres von mehreren Schlaganfällen gezeichneten Vaters. Sie
selbst arbeitet seit fünfundreißig Jahren als Krankenschwester auf
diversen Intensivstationen der Charité, so dass die physische und
psychische Belastung durch die Betreuung immens anstieg. Begünstigt wurde diese natürlich
noch durch das ständige Gezeter und die Beleidigungen ihres unleidlichen
Vaters. Und so entschloß sich Ilona eines Tages, der Quälerei ein Ende
zu setzen. Sie entwendete aus der Klinik das stark blutdrucksenkende
Mittel Nitroprussid und spritzte ihrem Vater die hundertfache der üblicherweise verabreichten Dosis.
Sie hielt seine Hand, als er dem Leben entglitt und richtete sich
seelisch schon auf die rechtlichen Konsequenzen ein, als das Unfassbare
geschah. Unter weltenerschütterndem Getöse zerbarst die Zimmerdecke und
gebar einen wabernden Tunnel glitzernden Lichts. Mit weit aufgerissenen
Augen sah Ilona ihren nun transluziden Vater in Richtung des Tunnels
schweben. Er drehte sich noch einmal zu seiner Tochter um und lächelte
sie voll dankbaren Glücks an, bevor er entschwand.
Die
befürchteten Konsequenzen blieben aus, der Vatermord wurde als
Herzinfarkt abgetan. Und Ilona, völlig überwältigt von dieser
offensichtlich gottgegebenen, gestalterischen Macht, erschaffte in den
folgenden Monaten zwölf weitere Engel, bis sie von Herr Moros ertappt
wurde.
"Wir müssen natürlich auf den dummen Schrumpelschlaks
aufpassen. Der ist immer so aufmerksam. Aber vielleicht haben wir heute
Glück. Wir haben ja auch ein Zeichen bekommen. Nicht wahr, mein
Lieber? Ich gehe jetzt zur Arbeit. Bis später, mein kleines Peterchen."
Ilona
wartete wie immer bis zur Schichtübergabe, um kurz danach die im Koma
liegende, sechundsiebzigjährige Frau Moros in die Arme des Schöpfers zu
schicken. Glückbeseelt nach derer injizierten Himmelfahrt verließ sie das Zimmer, doch Herr Moros stand mit finsterem
Gesichtsausdruck in der Tür, den Zeigefinger auf Ilona richtend. "Ich
habe sie beobachtet, Frau Beyer. Ich weiß, was sie getan haben." Dann
drehte er sich um und verschwand. Völlig verdutzt und verängstigt ging
sie nach Hause und wartete auf die Polizei. Die kam nicht, stattdessen
folgte Herr Moros Ilona von nun an auf Schritt und Tritt. Er wahrte
jedoch immer Distanz und sprach sie nie an. Er durchlöcherte sie nur mit
hartem Blick. Das machte Ilona anfangs Angst, nervte aber nach ein
paar Tagen. Natürlich konnte sie sich nicht wehren. Wer weiß, ob er sie
dann nicht doch gemeldet hätte. Drei Wochen ging das so.
Heute
jedoch hat sie Glück. Herr Moros lässt sich nicht blicken. Weder auf der
anderen Straßenseite vor ihrer Wohnung, weder im Bus, noch im Foyer der
Klinik.
"Danke, auf dich kann man sich verlassen." Ilona bekreuzigt
sich drei Mal, schließt die Tür ihres Spindes und geht dann beschwingt,
von immenser Last befreit ihrer Arbeit nach. Besonders intensiv kümmert
sie sich heute um den Herrn Buttgereit, der sich doch nur quält mit
seiner Aortendissektion. Nicht mehr lange. feixt sie mit kindlicher Freude auf das zum Schichtende kommende, illuminierende Ereignis.
In
ihrer Pause setzt sich Frau Beyer auf eine Bank im Klinikpark, schlürft
an ihrem Kaffee und liest in Camus' "Die Pest", als sich ein langer,
hagerer Senior vor sie in die Sonne stellt. Erst, als er sich räuspert,
bemerkt sie ihn. "Frau Beyer." Ilona versucht zu dem Mann aufzuschauen,
bleibt jedoch mit ihrem Blick an seiner Hand heften. Er hält ihr eine
formvollendete, weiße Lilie entgegen. Lächelnd stockt ihr der Atem ob
der floralen Pracht. "Die ist aber schön. Für mich?"
"Für
sie, Frau Beyer." Herr Moros schaut sich um, drückt dann ab. Donnerhall
schreckt alles Leben in der Umgebung auf. Die Patrone durchschlägt
mühelos das Gestell ihrer Lesebrille und zerfetzt ihr Stirnbein, bevor
sie Ilonas Lebenslicht endgültig auslöscht. Gelassen steckt Herr Moros
seine Glock 17 ein und geht.
"Auf Wiedersehen, Frau Beyer."







Kommentare
von helene fischer geweckt zu werden ist ja n traum!
21.01.2013, 21:18 von Sultaninehahaha. ich schließe mich an.
18.01.2013, 18:06 von impactDanke Dir!
18.01.2013, 18:07 von Bulbine_BlablablaDas was alle anderen sagen.
17.01.2013, 22:57 von forst...sowas von tirittitti, chapeau. ^^
17.01.2013, 21:33 von derHalbstarkeich mag deinen stil. liest sich für mich makellos.
17.01.2013, 21:22 von mo_chroiDas ehrt mich. Ich danke Dir :)
18.01.2013, 08:25 von Bulbine_Blablablakrank aber gut
17.01.2013, 20:57 von SambreVollkommen absurd und deswegen genau mein Ding :)
17.01.2013, 20:41 von FaradunaFreut mich. Danke Dir! :)
18.01.2013, 08:25 von Bulbine_BlablablaDer ist witzig
17.01.2013, 20:18 von EliasRafael