-enwi- 05.06.2007, 00:41 Uhr 3 1

"Ihgitt, die ist ja magersüchtig!"

Sie hungern, leiden, quälen sich und ihren Körper. Sie tragen mit sich selbst einen erbitterten Kampf aus. Denn die Hoffnung stirbt zuletzt.

Magersucht ist heutzutage eine Krankheit, die nahezu jedem geläufig ist. Sobald wir eine sehr schlanke, vielleicht auch untergewichtige Person sehen, purzeln die Worte auch schon aus unserem Mund: „Ihgitt, die ist ja magersüchtig!“
Ohne zu überlegen, meinen wir, werten zu dürfen – über das Aussehen, über die Krankheit, und bevor wir uns über unsere Äußerung im Klaren sind, haben wir auch schon die gesamte Persönlichkeit verurteilt.
Wir vergessen dabei, was die Magersucht aber nun mal im Kern ist: eine Krankheit. Anorexie.
Während wir der Auffassung sind, nur oberflächliche oder unselbstsichere Teenager würden daran erkranken, sieht es in der Realität ganz anders aus: Mädchen und Jungen, Frauen und Männer aller Schichten leiden an der Erkrankung. Sie scheint nahezu jeden treffen zu können, befällt die Seele wie eine Erkältung den Körper.
Betroffen sind häufig Menschen, die gerade eine sogenannte Schwellensituation erlebt haben, auf die sie nicht emotional vorbereitet waren. Hierunter versteht man beispielsweise die Pubertät oder auch den Beginn einer neuen Beziehung. Überdurchschnittlich oft herrscht in ihren Familien eine Scheu vor Konflikten, das große Harmoniebedürfnis wird durch immer wiederkehrende Streitigkeiten zerstört.
Die Betroffenen beginnen, die seelische Instabilität auf ihren Körper – sei es bewusst oder unbewusst – zu übertragen. Sie reduzieren ihre Nahrung auf ein Minimum, schlimmstenfalls verweigern sie diese ganz. Wasser dient oftmals als einzige Flüssigkeitszufuhr, häufig wird jedoch auch versucht, mit dem in beispielsweise Kaffee oder Cola light enthaltenem Koffein den Stoffwechsel anzukurbeln.
In vielen Fällen versucht der Erkrankt, durch übermäßige Aktivität sowohl im Sport als auch im gesamten Alltag den Kalorienverbrauch anzukurbeln.
Abführmittel und Appetitzügler werden hemmungslos konsumiert.
Während der Körper der Erkrankten einen langsamen, zähen Tod stirbt, reflektiert sich dieser Vorgang auch auf die Seele: Lustlosigkeit durchzieht den Alltag, zuvor ausgelebte Hobbies werden vernachlässigt, soziale Kontakte weitestgehend gemieden.
Gefühle für den Körper sind nur noch gering oder in negativer Form vorhanden. Ich bin zu dick, ich bin eklig, ich bin hässlich, treten in Abwechslung mit einer völligen Gleichgültigkeit auf.
Währenddessen ist der Betroffene stolz, scheinbar die Kontrolle über seinen Körper zu bekommen und zu behalten, die Pfunde schmelzen nicht nur, sondern purzeln regelrecht nach unten. Während das Normalgewicht bei einem Body Mass Index (BMI) zwischen 18,5 und 25 liegt, gilt ein BMI von 17,5 oder weniger als Diagnosemerkmal für Anorexie. Dieser Grenzwert würde beispielsweise bei einer Größe von 168cm, der Durchschnittsgröße deutscher Frauen, bei einem Gewicht von 50kg wiegen. Stark anorektische Personen erreichen jedoch Gewichte von 35kg und weniger, dies entspricht einem BMI um 10 – ein BMI von 15 und darunter gilt als stark lebensbedrohlich!
Doch in vielen Fällen verleugnen die Betroffenen ihre Krankheit so lange wie möglich. Leider oft zu lange.
Bei der extremen Abnahme unter striktem Kontrollzwang werden nicht nur Fettzellen, sondern auch Muskelmasse abgebaut. Neben trockener Haut, sprödem Haar und brüchigen Nägeln verliert der Betroffene an Energie. Die Durchblutung ist gestört, es kommt zu Taubheitsgefühl oder sogar Lähmungserscheinungen in bestimmten Körperteilen, die Körpertemperatur sinkt stark ab. Hormone werden nur noch in geringen Teilen produziert, Frauen leiden an Menstruations-, Männer an Potenzverlust, die sexuelle Lust ist schwindend gering. In schlimmen Fällen kommt es schließlich zu Durchblutungsstörungen in Herz oder Gehirn – und zum todbringenden Organversagen.
Gesteht der Erkrankte sich und Anderen die Krankheit ein, muss schnellstmöglich eine intensive Behandlung folgen, die über Jahre fortdauern kann.
Neben einer Vielzahl an Selbsthilfegruppen stehen den Betroffenen verschiedene ambulante und stationäre Therapien offen, über die ein Arzt je nach individuellem Ausmaß entscheidet.
Ziel jeder der Behandlungen ist es, den Patienten Selbstbewusstsein zu vermitteln, ihn soweit zu stärken, dass er von selbst bereit ist, ein normales Gewicht zu erreichen und langfristig zu halten.
Vielen Patienten gelingt es nur, sich durch eine intensive Behandlung in Form von beispielsweise Wohngruppen von der Krankheit zu distanzieren.
In jedem Fall entwickelt sich der anfängliche Kampf gegen den Körper zu einen Kampf gegen die Seele. Der Betroffene muss sich selbst überwinden, um die schwere Krankheit besiegen zu können.

Während wir nur von Außen daneben stehen und meinen, vorschnell urteilen zu können, sollten wir dabei lieber auf das Innern des Betroffenen schauen, versuchen, nicht seine Krankheit, sondern ihn als Menschen wahrzunehmen.

N., 18 Jahre, aus einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen leidet bereits seit über drei Jahren an Anorexie und hat bereits zwei mehrmonatige stationäre Aufenthalte sowie eine lange ambulante Therapie und mehrere Besuche bei Selbsthilfegruppen hinter sich:
„Es schien alles so leicht, es war Sommer, ich hatte zum ersten Mal einen festen Freund, mit meiner Mutter verstand ich mich endlich wieder einigermaßen gut, nachdem wir zuvor monatelang in verbittertem Streit lagen. Auch meine Diät klappte gut, schließlich möchte man sich ja im Bikini vor dem Freund nicht schämen müssen. Indem ich auf Süßigkeiten und sonstige Kalorienbomben verzichtete, verlor ich schnell einige Kilos. Ach, tat das gut! Jetzt noch ein bisschen weniger, und dann kann ich mir nächste Woche auch endlich wieder einen großen Eisbecher gönnen oder mich mit einem mächtigen Stück Schokoladenkuchen belohnen!
Denkste… Ich genoss das Abnehmen, die Kommentare der anderen über mein neues tolles Aussehen, meine schlanke Figur und hasste mich und meinen Körper mit jedem Gramm, das ich verlor, dennoch immer mehr. Ich ekelte mich vor mir selbst, für jeden Bissen, den ich zu mir nahm, verurteilte ich mich.
Schließlich fuhr ich täglich mindestens vier Stunden Fahrrad, um auch ja die vier Gläser Diät-Orangensaft, die ich zu mir genommen hatte, zu verbrennen. Ich ließ sogar die Zahnpasta beim Zähneputzen weg, wer weiß, was da alles an Kalorien drinsteckt!
Meinen Freund küsste ich nur noch mit Widerwillen, ich hatte Angst über ihn irgendwelche Nährstoffe aufzunehmen.
Hunger verspürte ich nicht mehr, überhaupt waren alle meine Gefühle abgestumpft. Meine Freundinnen ließ ich links liegen, meinen Freund und meine Eltern schrie ich nur noch an, was wissen die schon. Die hassten mich ja eh.
Ich rutschte mehr und mehr ab, bekam aber von alledem nichts mit, meine Gedanken waren zu sehr in das Nichtessen und Fettverbrennen vertieft.
Ich liebte es dagegen, einkaufen zu gehen, mir die vielen verschiedenen Lebensmitteln anzugucken. Wie ich mich doch freute, wenn ich neue Diätsäfte im Regal entdeckte!
Am Zeitungsstand schlug ich sofort alle „Schlank“-Seiten der Frauenmagazine auf, um mich mit den neuesten Abnehmtrends auf dem Laufenden zu halten.
In der Schule strengte ich mich noch genauso an wie vor, mir war noch nie ein „Gut“ gut genug gewesen.
Natürlich fuhr ich tagtäglich die fünf Kilometer mit Fahrrad zur Schule und wieder zurück.
Und plötzlich wurde mir schwarz vor Augen…
Als ich wieder wach war, begriff ich, wie tief nicht nur mein Gewicht, sondern auch ich gesunken war. Zum ersten Mal begann ich zu weinen und hörte erst auf, als meine Mutter mich in den Arm genommen und mir Hilfe versprochen hatte.
Und das war schließlich alles, wonach ich mich die ganze Zeit über gesehnt hatte: Hilfe.
Noch am selben Tag wurde ich in eine Psychiatrie eingeliefert, in der mich eine fünfmonatige Therapie erwartete.“
Heute hat N. ein stabiles Gewicht erreicht, isst jedoch weiterhin gestört. Sie nimmt jeden Tag dieselben Nahrungsmittel zu sich, um weder ab- noch zuzunehmen, und treibt übermäßig viel Sport. Sie ist weiterhin depressiv, nimmt starke Medikamente und hat durch die langen Psychiatrieaufenthalte kaum noch soziale Kontakte aufrechthalten können.
Dennoch ist sie zuversichtlich: In zwei Wochen beginnt sie eine weitere Therapie, zunächst für vier Wochen, in der Klinik am Korso in Bad Oeynhausen, einer Facheinrichtung für Essstörungen. Anschließend möchte sie gerne auf ein Internat gehen, sie hat sich schon eines näher angesehen, sie hofft auf eine Kostenübernahme vom Jugendamt.

Ich habe sie vorige Woche nach Schulschluss gesehen und dachte: „Ihgitt, die ist ja magersüchtig!“
Dann ist mir klar geworden, dass es mich vielleicht auch mal treffen kann, heute, in drei Monaten, in zehn Jahren, nie, wer weiß.
Ich ging nach Hause und mir schossen Tränen in die Augen.

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3 Antworten

Kommentare

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    Danke, ich werde dran' arbeiten!

    13.06.2007, 00:06 von -enwi-
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