flecky 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 1

Identitätskrise

Ich stelle den vollen Kaffeepott auf den Tisch und lasse mich in den Sessel fallen. Jetzt ist es wieder soweit.

In diesem Augenblick, in dem ich die Tastatur-Schublade aus dem alten Schreibtisch ziehe, verlasse ich mein Hier und Jetzt und definiere mich neu. Mein weltliches Ich bleibt hinter mir und ich tauche ein in eine Welt, in der ich sein kann, wie ich will.

Und ich will jeden Tag anders sein. Eigenschaften besitzen, die mir mein physisches Ich nicht gestattet. Coolness, Schlagfertigkeit, Zielstrebigkeit.
Ja, das will ich. Hier bin ich die Person, als die ich mich gern sehen würde. Schwirre durch die verschiedensten Welten, nehme wie ein Chamäleon
ununterbrochen andere Identitäten an, fühle mich frei. Kann Dinge tun, Worte sagen, die sich die Person vor dem Bildschirm nie getrauen würde.
Es ist nicht so, als wäre ich der Klischee-Nerd, dem soziale Bindungen vollkommen fremd sind - im Gegenteil, ich besitze einen kleinen aber feinen
Freundeskreis, mit dem ich auch "offline" super was unternehmen kann. Und doch meldet sich immer wieder diese Stimme in mir: "Spring über die Barrikaden, Junge!" Doch wer es sich heutzutage im echten Leben gestattet, Launen zu zeigen, anders zu sein, auch mal anzuecken, der wird irgendwann nicht mehr akzeptiert. Ja, das habe ich gelernt. Die Welt da drin, irgendwo in den Datenleitungen dieses Planeten scheint da anders zu sein. Es wimmelt gerade nur von Individuen, von Persönlichkeiten, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Man kann ja plötzlich auch mit sich selbst spielen. Kann Kunstfiguren erschaffen. Das ist ein Reiz, der schon fast zur Sucht werden könnte. Doch insgeheim frage ich mich, wie vielen von ihnen wohl genauso sind wie ich? Mehr, als man denkt, glaube ich. Allein schon deshalb ist es auch immer eine spannende Sache, Menschen zu treffen, die man bisher nur aus dem Netz kannte.

Ja, es ist definitiv einfacher, seine Schüchternheit abzulegen, wenn man unerkannt hinter einer Firewall sitzt, als wenn einem der Gegenüber direkt in die Augen blickt. Und manchmal möchte ich dann tatsächlich über meinen Schatten springen, mein virtuelle Identität downloaden und auf meinen Körper spielen. Doch Moment - welche von meinen vielen?

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5 Antworten

Kommentare

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    Würdest Du im Alltag in ungewöhnlichen Plätzen suchen, würdest du auch dort auf ungewöhnliche Menschen stoßen (bewegt man sich nur in Politik-Portalen, werden 'Verrücktheiten' wohl nicht toleriert), die die Andersartigkeit akzeptieren.
    Ich habe mir,sozusagen, in verschiedenen Kreisen verschiedene Persönlichkeiten erschaffen, so wie Du mit deinen Accounts im Netz. Die lustige, schlagfertige, kreative, verrückte...
    Und nun verziehe ich mich ins Internet, um alleine zu sein, weil ich meine realen Accounts mit der ganzen Akzeptanz der Leute nicht mehr ertrage.
    Es ist nicht immer eine gute Idee, über Schatten zu hüpfen ;)

    10.12.2010, 04:38 von Brotaufstrich
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    Gefällt mir :)

    09.10.2010, 22:19 von Alienore
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    Wahrheit.

    29.06.2010, 23:43 von what_else_is_there
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    War dein nächtliches Ich wirklich nicht dein wahres? ;)
    Ich mag deine schreibstil an gewissen stellen.

    14.06.2010, 10:13 von dekleeneline
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    Der Satz "Man kann ja plötzlich auch mit sich selbst spielen." finde ich fasst den Inhalt gut zusammen. Hätte ne gute Einleitung abgegeben. So mitten im Text stehend ist das wirklich verpulvert.

    07.01.2010, 18:43 von rolfradolfski
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