Strobofeuer 22.01.2007, 10:59 Uhr 1 1

„Ich wollte mich nur verabschieden ...“

Es gibt manchmal Situationen, in denen einem erstmal die Kinnlade und anschließend der Telefonhörer herunter fällt ...

Nichts ahnend, nahm ich den Telefonhörer ab, um nach mehrere Minuten dauerndem Schluchzen und Schniefen am anderen Ende der Leitung endlich zu realisieren, was los war.
Ich hatte einen kleinen Haufen Elend an der Strippe, eine Freundin in denkbar schlechter emotionaler Verfassung.
An sich ist das ja nichts Ungewöhnliches und ich denke diese Situation passiert jedem mal.
Nur gab es hier allerdings wirklich einen ganzen Rattenschwanz an ernsten Problemen als Ursache.
Soweit ich mich erinnere gab es da:
Ein prügelndes Stiefvater-Arschloch, leider noch bestehende Gefühle für den Ex und ein minderschweres Drogenproblem.

Es stellte sich relativ schnell heraus, dass sie dabei war endgültig unter der Last eben dieser Probleme zusammenzubrechen.

Nachdem ich eine Weile betont ruhig und mit viel Verständnis den Kummerkasten gespielt hatte, trat langsam der Kern der Sache, der eigentliche Grund des Anrufs zu Tage.
Präzise formuliert, in einem Satz mit wenig Interpretationsspielraum.

„Ich wollte mich nur verabschieden ...“

Nein, ich hatte mich NICHT verhört ... .
Diese Art von Situation wirkt im ersten Moment derart surreal, dass ich mich bei dem berühmten „Das passiert gerade nicht“ - Gedanken erwischte.
Sie hat vorher nie ein Wort darüber verloren, wie schlecht es ihr wirklich ging.
Und das passiert leider häufiger als man denkt.

„Kannst du den Anderen sagen, dass ich sie lieb hab?
Ich schaff das nicht mehr, dieser Anruf kostet mich schon soviel Überwindung ... „

Stille ... wortlose Panik.

„Hast du schon was geschluckt oder sonst schon irgendwas unternommen???“

„Nein ... noch nicht.“

„Ich bin gleich bei dir! Versprich mir hoch und heilig, dass du bis dahin keine Dummheiten machst, ok???“

„Ich weiß nicht ... .“

„Versprich es, BITTE! Wir kriegen das schon hin!“

„OK ... ich versprechs ...“

Sekunden später saß ich im Auto und heizte für meine Verhältnisse wie ein Bekloppter über die Straße.
Mir wurde klar, dass ich eigentlich einen riesigen Fehler gemacht hatte.
Ich hätte sofort nach Ende des Gesprächs den Notruf benutzen und parallel weitere Hilfe verständigen sollen.
Konnte ich mich darauf verlassen, dass sie ihr Versprechen hielt?
Was, wenn sie ihr Versprechen doch noch gebrochen hätte?

Sollte jemand in eine ähnliche Situation geraten, ruft unbedingt parallel zusätzliche Hilfe!
Auch wenn sich hinterher herausstellt, dass es falscher Alarm war, lieber einmal zuviel, als einmal zuwenig.

Ich hatte im Nachhinein wahnsinniges Glück, dass meine Gedankenlosigkeit keine Konsequenzen hatte.
Ich traf bei ihr ein, sie war in Anbetracht ihres Zustandes noch bei bester Gesundheit, wenn auch ziemlich fertig.

Es folgte ein langes Gespräch unter weiteren Tränen und den notwendigen seelischen und körperlichen Streicheleinheiten.
Zum Schluss war ziemlich sicher, dass sie ihren Beschluss zu sterben wieder über den Haufen geworfen hatte, wie sie mir mindestens hundertmal versichern musste, bevor ich wieder fuhr.
Sie musste mir ebenfalls versprechen, dass sie mich wieder anriefe, falls sie wieder in ein Loch fallen würde.

Ab da schien in ihrem Leben glücklicherweise auch erst mal Einiges besser zu laufen.
Vielleicht auch deswegen, weil sie wusste mit wem sie notfalls reden konnte.
Der Kontakt ging allerdings irgendwann flöten.

Ich habe aber aus der Situation gelernt, mich beim nächsten mal nicht nur auf mein Glück zu verlassen und diese Lektion ist sehr wertvoll, wie ich finde.

Ich möchte sie hiermit weitergeben.

Man muss immer vom Schlimmsten ausgehen, Vertrauen hin, Vertrauen her.
Es geht nicht immer so glücklich aus.
Wenn jemand schon so weit ist sich zu „Verabschieden“ ist die Lage definitiv ernst.

Und immer auf Warnzeichen achten!
Bei Weitem nicht jeder gibt einem zB durch einen Anruf die Chance so etwas zu verhindern.

Das hab ich ein paar Jahre nach diesem Erlebnis leider auch lernen müssen.

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Kommentare

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      @[Benutzer gelöscht] Ich wollte das Ganze, nachdem ich es bereits online gestellt hatte auch eigentlich nochmal anders schreiben.
      Nur hätte ich es verkehrt gefunden den Text einfach "auszutauschen", deswegen habe ich es gelassen.

      Die wachrüttelnden Bemerkungen finde ich, auch wenn sie den Text ruinieren mögen, dennoch sehr wichtig.

      Ich habe im näheren oder ferneren Bekanntenkreis mittlerweile spätesten alle 5-10 Jahre von einem misslungenem oder einem gelungenen Suizid erfahren.

      Das passiert einfach häufiger als man denkt und das es im eigenen Bekanntenkreis passiert, ist nie völlig ausgeschlossen.

      23.01.2007, 16:43 von Strobofeuer
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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