Ich wollte doch noch Abschied nehmen
Frank ist auf der Arbeit. Er arbeitet an einer wichtigen Präsentation, die er morgen beim Kunden halten muss.
Es ist genau siebzehn Uhr siebenundfünfzig. Die Konzentration fällt ihm schwer. Er hat ein ungutes Bauchgefühl. Aber was heißt das schon? Das hat er häufiger. Liegt es an der Präsentation? Sind es bereits zu viele Folien? Klar, die ein oder andere Formulierung ist noch nicht ganz ausgereift, aber das bekommt er schon noch hin. Er hat es bisher ja immernoch hinbekommen. Nie hätte er gedacht, das er mal so stark Vertrieb machen wird.
Er geht erstmal einen Kaffee holen. Kaffee hilft immer. Nur der hier im Büro ist mies. Vielleicht sollte er das mal in der Präsentation erwähnen. Das würde zumindest die Stimmung auflockern. "Schönen guten Tag, ich freue mich sehr, heute hier sein zu dürfen, denn hier gibt es guten Kaffee." hört sich Frank schon zur Eröffnung der Präsentation sagen. Das wäre es doch. Es ist anscheinend nicht sein Tag, wenn er sich schon wieder in solche Gedanken flieht. Seit drei Monaten arbeitet er nun schon durch. Jedes Wochenende, jeden Tag zwölf und mehr Stunden. Einzige Pausen: Das mittelmäßige Essen in der Kantine und die Zigaretten vor der Tür mit seinem Chef. Aber so ist das nunmal. Frank ist Vollblut Informatiker. Auch wenn er immer mehr in das Management abdriftet, er ist und bleibt ein Workaholic. Mit seinem Kaffee, der zugegebenermaßen für die Uhrzeit gar nicht so schlecht ist, macht er sich zurück zu seinem Arbeitsplatz.
Als er sein kleines Büro am Rand der kleinen Stadt betritt, sieht er sein Handy klingeln. Sein privates. Nicht das Superhightechvollwurstteil von Blaubeere, das er als Dienstwaffe mit sich tragen muss. Frank wundert sich. Sonst ruft ihn doch niemand auf dem Handy an, zumindest nicht zu seinen üblichen Bürozeiten. Doch was ist da schon noch üblich?
Er ist nicht schnell genug am Telefon um noch abzuheben. Verwirrt, etwas überarbeitet und trotzdem gespannt nimmt er sich sein Handy. Wählt sich in das Menu für die verpassten Anrufe und staunt noch mehr. Es sind drei Stück. Alle von einer Nummer, die er nicht kennt. "Jaja, Werbeanrufe" denkt sich Frank und denkt erst gar nicht daran zurück zu rufen. Noch bei diesem Gedanken fängt sein Handy wieder an zu klingeln. Verdutzt geht er ran.
Als er die Stimme hört, diese weibliche, dennoch leicht rauchige, nicht besonders nette Erinnerungen heraufbeschwörende Stimme, fährt es wie ein Dolchhieb durch die Knochen. Es ist seine Schwägerin. Wenn man diese denn überhaupt so nennen darf. Denn sie und sein Bruder sind nicht verheiratet. Zumindest soweit er weiß. Intuitiv fragt er was denn los sei. Ein Anruf von ihr ist das letzte was er erwartet hat. "Papa geht es nicht gut, komm bitte schnell!". "Sie sagt Papa? Seit wann sagt sie Papa?" ist das Erste was Frank denkt. Er realisiert gar nicht was sie da sagt. Sagt nur "Hm". Sie wiederholt es nochmal "Papa geht es nicht gut, komm bitte schnell!". "Hey, sie sagt mir, dass es meinem Papa nicht gut geht und ich denke darüber nach, dass sie Papa sagt, toll wie die Verdrängung funktioniert." denkt sich Frank. Noch immer nicht realisierend. So denkt er über das Denken nach. Das passiert ihm häufig. Als er wieder nicht reagiert, teilt ihm seine Schwägerin noch das Krankenhaus mit und legt auf. Erst da realisiert er was Sache ist. Sein Dad. Im Krankenhaus. Er bricht ab. Mit der Präsentation. Er weiß nicht wie ihm geschieht. Er verkrampft. Er zittert am ganzen Körper. Ihm wird schlecht, flau, kalt, heiß, kribbelig und alles zugleich. Alles verschwimmt. Sind das nun die Tränen oder weil sein Gehirn so überreizt ist?
Seinen Kaffee, seinen Laptop und Firmenhandy lässt er stehen, bzw. liegen und nimmt sich ein Taxi. Wie gut, dass diese immer vor der Tür stehen und lässt sich in seine benachbarte Heimatstadt fahren. Zum Krankenhaus. Das Geld ist ihm egal. Was ist das auch schon wert? Während der Fahrt denkt Frank nach. "Was kann Papa nur haben?", "Klar er hat sein Monaten schlimmen Husten", "Er ist ja auch schon alt", "Bitte lass es keinen Krebs sein", "Um himmels Willen, nur kein Krebs", "Mensch siebzig ist Papa jetzt fast". All diese Gedanken flitzen kreuz und quer durch sein Gehirn. Überreizen die Synapsen und bei jedem Gedanken tut es mehr weh. Vor dem Krankenhaus muss Frank erstmal Eine rauchen. Er fühlt sich ganz grau. Ganz schwach und klapprig. Diese Ungewissheit. Nicht wissen was los ist. Das macht ihn fertig. Er schnippt die halbe Fluppe weg. Mit Tränen in den Augen geht er zum Empfang. Dort verweisen sie ihn zur Intensivstation. Er sprintet los. Er kennt sich hier aus. Hier hat er gearbeitet. Er weiß wo er lang muss. Welche Abkürzung er nehmen muss. Fünfundfünzig Minuten sind seit dem Anruf vergangen. Da steht Frank vor der Intensivstation. Er klingelt. Ein Arzt öffnet ihm. Er kennt ihn noch. Der Arzt ihn auch. Als der Arzt ihn sieht wird er bleich. "Ist das dein Vater? Der Herr Möller?" "Ja" sagt Frank, viel gefasster als er von sich selbst dachte. Der Arzt signalisiert ihm rein zu kommen. Frank geht ein paar Schritte in die Intensivstation. Es ist ungewöhnlich ruhig hier. "Außer deinem Vater liegt hier sonst nur eine Person", klärt ihn der Arzt auf. "Wen interessiert das?" fragt sich Frank. Alle Fassung ist nun wieder weg. Als die schwere Stahltür hinter ihm schließt fängt es an laut zu piepsen. Seine Schwägerin stürzt aus einem Zimmer, schreit, nein kreischt, nach dem Arzt. Sieht Frank und fällt ihm weinend um den Hals. Der Arzt rennt los. Daniela, Franks Schwägerin, weint. Frank kann nicht mehr an sich halten. Auch ihm fließen die Tränen, aber ganz still. Ganz leise fragt er was Papa habe? "Sein Herz..." antwortet Daniela. Komische Umstände unter welchen sie sich wiedersehen. Seit drei Jahren hat er keinen Kontakt mehr zu seinem Bruder und somit auch nicht mehr zu Daniela.
Er nimmt seine kleine, schmale Schwägerin auf den Arm. Er kann nicht mehr hier stehen bleiben. Er muss in dieses Zimmer. Mit ihr auf dem Arm geht er den Gang runter. Blickt durch die dicke Glasscheibe in das Zimmer, in dem sein Vater liegt. Er kann nicht mehr weiter. Sein Vater liegt ganz ruhig im Bett. Sein Bruder steht daneben. Er sieht fahl aus, wie gekalkt. Eingefallen. Hohle Wangen, leere und dennoch nasse Augen. Der Arzt ist ganz ruhig. Frank weiß, es ist vorbei. Jetzt ist es seine Schwägerin, die ihn hält. Frank sackt zusammen. Der Arzt kommt raus. Nimmt Frank in dem Arm. Entschuldigt sich bei ihm. Er habe nichts mehr tun können. Es war das Herz. Er war nicht schnell genug hier. Sein Vater nicht. Und Frank auch nicht. Frank hebt sich selber wieder auf. Geht in das Zimmer. Geht auf seinen Vater zu. Sieht ihn wie er da noch mit offenen Augen liegt. Ausdruckslos. Ein Schatten. Nichts mehr übrig, von dem vielleicht etwas kleinen, aber dennoch sehr starken Mann aus seiner Kindheit. Er küsst seinen Dad auf die Stirn und schließt ihm die Augen. Dann geht er zu seinem Bruder. Küsst ihn. Wie einen Freund, den man lange nicht gesehen hat. Sie nehmen sich in den Arm und weinen. Schweigend. Keiner sagt etwas. Auch das Klinikpersonal stört nicht. Nach vielen Stunden des Weinens trennen sich die Beiden. Für ein paar Stunden waren nur diese beiden Brüder auf der Welt. Der Vater war von ihnen gegangen. Die Schwägerin war in einer anderen Dimension. Nun beziehen sie sie wieder ein. Frank fragt, wo sein Neffe ist. Er sei bei der Oma. Bei Franks Mutter. Die Eltern haben sich vor vielen Jahren getrennt. Die drei Trennen sich. Aber nicht ohne das sein Bruder noch die Geistesgegenwart besitzt Frank seine Handynummer auf zu schreiben. Er solle sich melden wenn etwas ist. Spätestens aber morgen. Sie müssen jetzt zusammenhalten und alles gemeinsam regeln. Dieses eine Mal müssen sie wieder gemeinsam arbeiten. So wie sie es als Kinder immer getan haben. Als Kinder. Als Papa noch da war.
Frank fährt nach Hause. Er hat den Geruch seines Vaters in der Nase. Als Frank Zuhause ist, wartet da niemand auf ihn. Der Anrufbeantworter blinkt. Seine Schwägerin ist darauf. Er solle ins Krankenhaus kommen. "Dafür ist es zu spät". Frank isst an diesem Abend nichts mehr. Er trinkt nichts mehr. Ihm fließen immernoch die Tränen. Selbst der Taxifahrer hatte kein Wort gesprochen. Frank setzt sich an seinen Schreibtisch. Er nimmt sich Stift und Papier. Er schreibt einen Brief. Einen Brief an seinen Vater. Er beginnt seinen Brief mit "Geliebter Vater, ich wollte doch noch Abschied nehmen. Da mir dieses Privileg untersagt ist, schreibe ich dir einen Brief."
Fünf Tage später ist die Beerdigung. Bei der Präsentation vor vier Tagen wurde er von seinem Chef vertreten. Es sind viele Leute gekommen. Sein Vater war bekannt. Durch Partei, Arbeit und einem Chor, in dem er bis zuletzt mitgesungen hat. Dieser Chor singt für ihn. Sogar Franks Mutter ist da. Sein Neffe nicht. Sein Bruder meinte, der Kleine ist noch zu jung. Der Priester kannte Franks Vater nicht. Entsprechend liefert er nur die Standardfloskeln. Nun ist Frank an der Reihe etwas zu sagen. Er dankt allen für das Erscheinen. Er ist den Tränen nahe. Er erzählt von seinem Vater. Keine traurige Geschichte. Eher kleine Anekdoten. Das ein oder andere Schmunzeln ist zu sehen. Frank weiß nicht, wie er das finden soll. Er vermisst seinen Vater jetzt schon. Er dankt dem Herrn, dass er siebenundzwanzig Jahre mit seinem Dad verbringen durfte. Auch wenn viele Tiefen, viele Streitigkeiten, viele Probleme und viel leid dabei war. Er dankt dem Herrn, dass sein Vater noch seinen Enkel kennenlernen durfte. Und entschuldigt sich bei seinem Vater, dass er niemals einen Enkel oder eine Enkelin von ihm kennenlernen könnte. Er sagt, er wolle seinen Vater nicht im Gedächtnis behalten, wie er jetzt im Sarg liegt. Sondern so, wie er war. Ein Draufgänger. Einen liebevollen Vater. Als Saftsack gegenüber seiner Frau. Als seinen Papa. Zum Abschied legt er seinem Vater den Brief in den Sarg. Frank und sein Bruder helfen den Sarg herunter zu lassen. Eine letzte Ehre. Das letzte Mal etwas für den Vater tun.
Frank bekommt es nicht mehr mit, wie alle Besucher eine Schippe Erde in das Grab schmeißen. Vorher bricht er zusammen.
Vierzehn Monate und fünfundzwanzig Tage später sitzt Frank in seinem Büro. Beschwert sich innerlich über den schlechten Kaffee und sitzt an einem kniffligen technischem Konzept. Es ist genau siebzehn Uhr siebenundfünfzig. Sein privates Handy klingelt. Er zuckt zusammen. Es ist seine Schwägerin. Inzwischen ist Frank weiter weg gezogen. Der schlechte Kaffee blieb. Daniela lädt ihm am Wochenende zu ihnen zum Essen ein. "Wenigstens keine schlechten Nachrichten" denkt sich Frank. Der sich nur schwer an die sporadischen Anrufe von seiner Schwägerin und seinem Bruder gewöhnt.





Kommentare
es ist wohl das schlimmste, was man erleben kann, nicht abschied nehmen können...
01.11.2009, 15:03 von coulee_leDoch das passt.
04.07.2009, 17:31 von SteifschulzEs ist genau siebzehn Uhr siebenundfünfzig.
Das gefällt zwar immer noch nicht, aber egal.