Pompidou 30.11.-0001, 00:00 Uhr 22 43

Ich verspreche es mir

Liste eigennütziger Versprechen

Ich verspreche mir, meinen Wert nicht durch Vergleiche zu bestimmen wie ein Gaul, der zwischen Rössern Wasser lässt und zwischen Eseln Golddukaten kackt. Mein Selbstwert heißt nicht Selbst-Wert, weil er sich durch andere definiert, und auch nicht weil ein anderer ihn bestimmt. Er soll die Summe meiner eigenen Werte sein und nicht die Summe meines Aussehens, meines Einkommens oder meiner Beliebtheitspunkte. Vergleiche und fremde Meinungen sind Treibsand und ich stehe gern auf festem Grund.

Ich verspreche mir, meine Fehler zu berühren wie jahrhundertalte Bücher voller Weisheit: wissbegierig und behutsam. Solange ich sie nicht zerreiße, sondern sammle, kann ich sie lesen und verfluchen und aus ihnen lernen wie aus keinem anderen Buch. Jede Lebensentscheidung will ich als Möglichkeit zur Erweiterung meiner Sammlung sehen, nicht als potenzielles Scheitern. Die Fehler, die mir das meiste lehren, stelle ich aus in Gedankenvitrinen und führe Gäste an ihnen vorbei wie durch ein Museum. Die anderen Fehler verschenke ich als Andenken aus dem wahren Leben. 

Ich verspreche mir, das perfekte Glück mit dem perfekten Durchschnitt zu betrügen. Wir leben schon zu lange getrennt, das kann man kaum noch Fernbeziehung nennen. Egal wie viele Texte und Plakate das perfekte Glück als gefunden melden – auf den Malediven, im Internet, in der Süßigkeitenabteilung gleich um die Ecke – die Suche nimmt kein Ende und sie macht mich krank. Der Durchschnitt wohnt bei mir zu Hause und ist da, wenn ich ihn brauche. Und ich liebe ihn.

Ich verspreche mir, stolz auf mich zu sein wie jemand, der seinen Wert nicht durch Vergleiche misst, seine Fehler hütet wie Juwelen und den Durchschnitt küsst. 

Ich verspreche mir auch, dass ich sie brechen werde, die Versprechen, jedes einzelne davon, weil Versprechen sich schneller verändern, als der Mensch, der sie spricht. Und trotzdem verspreche ich mir, jedes gebrochene Versprechen wieder aufzurichten und zusammenzuflicken, immer wieder, immer aufs neue, bis es endlich hält. 


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22 Antworten

Kommentare

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  • 0

    "Ich verspreche mir, das perfekte Glück mit dem perfekten Durchschnitt zu betrügen."

    merci.

    27.05.2015, 21:06 von gatomalo
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Toll!!!

    13.04.2015, 21:09 von observantin
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    Das ist ein toller Text! Nicht dieses endlose Liebes- oder Liebesunglückgesülze. Danke, dass auch Du zeigst, dass es auf dieser Seite noch Tiefgehenderes gibt :)

    11.04.2015, 22:17 von NieSi
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    Gute Versprechen schön in Worte gefasst!

    09.04.2015, 07:31 von taetschbuesi
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  • 0

    Fein.

    07.04.2015, 21:47 von Bender018
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  • 1

    "Ich verspreche mir, stolz auf mich zu sein wie jemand, der seinen Wert nicht durch Vergleiche misst, seine Fehler hütet wie Juwelen und den Durchschnitt küsst. "

    Treffer versenkt! Danke und Chapeau.

    07.04.2015, 21:01 von ZitronenToast
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  • 4

    ich persönlich bin sehr sparsam mit Versprechen, obwohl mir ständig welche abgerungen werden wollen. Wie oft passiert es, dass leichtfertig Versprechen gemacht werden, weil nur an der Gegenwart geklebt wird, der Moment auf Zukünftliches trösten, täuschen soll, aber dort angekommen umso härter ENT-täuscht, weil nicht daran gedacht wird, was realisieren im Gegensatz zu imaginieren zum Preis hat. Ich bin nicht zuletzt deshalb recht gewissenhaft damit, weil ich nichts mehr hasse, als mit Leuten zu tun haben, deren Worte keinen Glauben verdienen. 

    Darum denken sich Menschen Schwur, Eid, Verträge, Heirat, Gelübde, Gesetze usw. aus, weil sie im Zweifel der Strafe mehr trauen, als der dauerhaften Einsicht. Damit sie ein wenig mehr Sicherheit schaffen, wo sonst keine wäre, damit eine Laune des Augenblicks, nicht gar so leicht 10, 100 oder 1000 Jahre Arbeit in einer Sekunde vernichtet.


    zum Vergleichen noch was: Emotionen, die nichts anderes sind als Bewertungen, können gar nicht anders, als in Relation zueinander zu stehen, erst der Bezug (Vergleich) gibt ihnen einen Platz.  Das Thema außen und innen, Vergleich Meins vs. Gesellschaft ist ein bißchen komplexer, habsch grad keine Lust zu... zu Mittelmaß und Durchschnitt och nich.. 

    07.04.2015, 19:23 von schauby
    • 0

      Wie definierst du eine Emotion wie Freude, wenn es für dich nichts anderes als eine Bewertung ist?


      Freude = Sympathisch?
      Glück = ?

      Kannst du eine Emotion nicht gleich eine Emotion sein lassen, oder ist das nur deine Grundlage, Gefühle in einen greifbaren Kontext stellen zu wollen, weil man sich lieber nicht damit beschäftigen will?

      09.04.2015, 07:47 von marco_frohberger
    • 0

      hää ?  Emotionen definieren ?

      joaa..kann ma machen, erleben is geiler, kommt drauf an welche.

      versteh deine Frage nich..

      09.04.2015, 15:50 von schauby
    • 0

      zum Vergleichen noch was: Emotionen, die nichts anderes sind als Bewertungen

      Deine Aussage suggeriert, dass Emotionen für dich keine Gefühle sind, sondern lediglich Bewertungen, also Ergebnisse die in Kategorien eingeteilt werden können.
      Emotionen sind für dich dann keine Gefühle?

      09.04.2015, 19:20 von marco_frohberger
    • 0

      das "lediglich" ist deine Bewertung. Selbstverständlich sind Emotionen Gefühle.


      wer ein Leben lang Dreirad fährt, hat eine andere Relation zur Achterbahn als ein Stuntman. Vergleich bestimmt die Bewertung. 

      14.04.2015, 20:30 von schauby
    • 0

      Ich glaube, Vergleiche müssen nicht den Selbstwert bestimmen. Ich kann mit mir zufrieden sein, egal ob mein Nachbar mehr oder weniger verdient als ich.

      15.04.2015, 10:52 von Pompidou
    • 1

      dass es arm(selig) ist, sich über Geld (mit anderen) zu vergleichen, steht außer Frage. 

      hier ging es um die Relation eigener Gefühle, die durch unwillkürlichen Vergleich mit andern Gefühlen eine Bewertung bekommen. die Reizschwelle, was bspw. als intensiv oder mau erlebt wird.

      der Vergleich mit oder über andere ist ein anderes Thema.
      wo du von Selbstwert sprichst - interessanterweise sind die Selbstmordraten in sog. Wohlstandsländern häufig deutlich höher, als in sog. Entwicklungsländern. Also dort, wo eine Grundversorgung weitgehend gegeben ist, gibt es anscheinend mehr Gründe am Selbstwert zu zweifeln. Der Selbstwert vieler Leute hat offensichtlich einiges mit der eigenen Verortung zu den durchschnittlichen Verhältnissen zu tun, mit dem Vergleich sowohl in sozialen als auch allgemein mit Wohlstandsfaktoren zu tun. 

      Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen vor die Wahl gestellt, ob sie lieber in einer Firma arbeiten würden, wo sie selbst 100.000 im Jahr und alle Kollegen 200.000 verdienen würden oder aber sie selbst 60.000 und alle andern 50.000, die Mehrheit die letzte Option wählen würden. 

      15.04.2015, 18:20 von schauby
    • 0

      Das ist ja grass. Wenn man 40.000€ zahlen würde, nur um im Vergleich mit anderen besser dazustehen.

      15.04.2015, 19:15 von Pompidou
    • 0

      *krass, nicht grass

      16.04.2015, 01:34 von Pompidou
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  • 0

    Toll geschrieben und so zutreffend!

    06.04.2015, 19:15 von -Maybellene-
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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