rubs_n_roll 20.02.2012, 23:12 Uhr 23 17

Ich schäme mich. Ein bisschen.

„Fugg yu al“

Laute Musik begleitet die Pirouetten drehende Zigarette, wie sie so tanzt, aus dem kleinen Schlitz am Fenster, durch des Windes Züge geführt. Ein Blick in den Seitenspiegel offenbart den harten Aufprall auf Asphalt, welcher das Ökosystem zum bersten bekotzt. Ein kurzer Funkenhagel durchbricht die Dämmerung des Abends, bevor die Restschadstoffe sich mit der Atmosphäre vereinen und den Zusammenbruch der Welt provozieren. Ich schäme mich. Ein bisschen.

Zu Hause angekommen lass ich mir einen Espresso aus der Maschine, drehe eine Zigarette, stelle mich auf meinen Balkon, beobachte die Pferde auf der Weide, wie sie sich anbiedern. Penetrant und gleichzeitig doch so ehrlich. Ich komme mir frigide vor. Ich wünschte, es wie die Pferde machen zu können. Einfach zu der Herzdame gehen und direkt mit dem Gesicht an ihren Arsch. Perfekt.

Mich überkommt das Gefühl, mal wieder aus meiner faltigen, alten Haut fahren zu müssen. Arbeit, Studium, Verantwortung, Routine. Furchtbar, denke ich mir, kipp den Espresso hinter und drück die Kippe aus. Mit einem hops, ähnlich dem der Blobby Volleyball Akteure, lande in meiner Wohnstube und logge mich ins Warcraft - Battlenet ein. Während ich warte, dass sich die Leute ins Spiel einwählen, zocke ich Tetris auf meinem schwarz/weiß – Gameboy. Ich schäme mich. Ein bisschen.

Die Waschmaschine piept, der Staub vermehrt sich ungefragt, alles liegt wild in der Wohnung verstreut, die Wohnung ist wild zerstreut und ich, ich schnapp mir Zettel, Stift und schreibe einen Text:

„Real life sucks – Selbstbestimmung? Nen feuchten Scheiß! Was ist Freiheit und wenn ja, warum? Diese Aussage ist mir hängen geblieben. Fünfzig Seiten hatte ich darüber gelesen, sieben Wörter haben mein Bewusstsein erreicht. Bewusstsein ist anscheinend nicht meine Stärke. Lieber renne ich mit aktivierten Autopiloten durchs Leben. Seit ich weiß, dass mein Hirn die Entscheidung trifft, bevor ich mir dessen bewusst werde, stehe ich allem etwas gleichgültiger Gegenüber. Ich schäme mich. Ein bisschen.“

Am Tag darauf, verlasse ich meine Wohnung. Da steht er wieder, dieser Vollarsch von Nachbar und nimmt mit seinen Parkkünsten den Platz einer ganzen Kuhherde ein. Wutentbrannt überquere ich die Straße, zieh die Schuhe aus, lass die Hosen runter und hocke mich auf seine Motorhaube. Während ich mir Eine anzünde und die Zeitung aus seinem Briefkasten überfliege, seile ich direkt oberhalb der vier Ringe einen großen Haufen Scheiße ab. Zufrieden mit meinem morgendlichen Geschäft, säubere ich mein Hinterteil mit seiner Zeitung, setzte mich in mein Auto und fahre zum Handelshof. Während ich zwischen den Regalen umherschleiche summe ich laut die Filmmelodie vom „weißen Hai“ vor mir her. Wahllos bestücke ich fremder Leute Einkaufswagen mit Kondompackungen und immer wenn die Kaufhausmelodie ertönt beginne ich lauthals zu schreien, dass ich diese ständigen Melodien und Stimmen in meinem Kopf einfach nicht mehr ertrage!

Ohne etwas in meinem Einkaufswagen verlasse ich diesen sündigen Tempel und plane meinen Tagesabschluss. Nackt, einzig mit zwei schwarzen, gekreuzten Streifen Tape über den Brustwarzen, mache ich mich auf den Weg. Mit einer Spraydose bewaffnet sprühe ich „Fugg yu al“ an die Wand des Einwohnermeldeamtes. Darunter mit Edding noch den Hinweis für alle dummen Menschen, dass die Rechtschreibfehler als Parodie gedacht sind. Etwas irritiert, da ich bisher noch nie auffällig geworden war, fragt mich die Polizei nach meiner Verhaftung, was das alles solle. Wenig beeindruckt sage ich: „Ich kann nichts dafür, das war mein Hirn.“ Ich schäme mich. Nicht.


Tags: „Die Biochemie hat angefangen!“
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23 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Seit ich weiß, dass mein Hirn die Entscheidung trifft,
    bevor ich mir dessen bewusst werde, stehe ich allem etwas gleichgültiger
    Gegenüber.


    Danke! Sehr cool!

    25.03.2012, 00:47 von Mrs.McH
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  • 1

    Der Ausdruck Wahn macht hier eindeutig Sinn :)

    und allein wegen dem Wort Pirouette musste ich das Herz geben :)

    24.03.2012, 22:40 von SunFeather
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  • 1

    Mhmhmhm... Scham is ja auch meist sehr hinderlich, nech? :D

    23.02.2012, 18:14 von nyx_nyx
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  • 1

    Eine Parodie an das alltägliche Leben, eigentlich erschreckend aber doch so entzückend verfasst!

    21.02.2012, 19:57 von SarahFortunate
    • 0

      "entzückend"...welch schöne Formulierung. *dumdumdidum-zufriedenrumtanz*

      21.02.2012, 20:39 von rubs_n_roll
    • 0

      :D wie süß. Freudenstänze sind was schönes ;)

      22.02.2012, 09:08 von SarahFortunate
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  • 1

    Las ich bereits gestern Nacht. Und jetzt sag ich's dir: Die Story ist schrecklich. Ganz schrecklich u. ich musste sehr lachen. Das ist der alltägliche WAHNSINN in Buchstaben. Gefällt.

    21.02.2012, 16:38 von Jackie_Grey
    • 0

      Ich hoffe du hast gut geschlafen und NICHT davon geträumt!? ;)

      21.02.2012, 20:39 von rubs_n_roll
    • 0

      Mit einer Spraydose bewaffnet, wütete ich mich durch meine Träume ;)

      21.02.2012, 20:57 von Jackie_Grey
    • 0

      Und jetzt? Hat es dein Schlafzimmer aufgewertet?

      21.02.2012, 22:03 von rubs_n_roll
    • 1

      Nein, aber meinen Traum! Ich wollte schon immer mal Real life sucks an die Wände sprühen.

      21.02.2012, 23:54 von Jackie_Grey
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  • 1

    Geiler Scheiß. Fette Story.

    21.02.2012, 10:28 von Jimmy-aus-Ohio
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Sry, ich kann nix dafür, das war mein Hirn. :D

      21.02.2012, 12:55 von rubs_n_roll
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Wahllos bestücke ich fremder Leute Einkaufswagen mit Kondompackungen und immer wenn die Kaufhausmelodie ertönt beginne ich lauthals zu schreien, dass ich diese ständigen Melodien und Stimmen in meinem Kopf einfach nicht mehr ertrage!

    -
    „Ich kann nichts dafür, das war mein Hirn.“ Ich schäme mich. Nicht.
    .

    Einfach mal wieder göttlich geschrieben ;)

    21.02.2012, 10:01 von NrXX
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  • 1

    Gestern gelesen..also mehr so..angesehen..Bilderbuch eben.. 'Der kleine Maulwurf in der Stadt.' Der steckt auf dem Parkplatz den Autos Bockwürste in den Auspuff. Stillstand. Perfekte Anarchie in der Industriegesellschaft. Nun ist er größer und scheißt auf Audi. Einzige Nuance von Fragweite: Hintern abwischen mit dem Feuilleton oder der Sportseite. Nachbars Leidartikel. Beschädigung durch Mehrwerd.


    Inhalt, Ablauf, Stil, Gedanken wie zur Tat. Mach den Dich weiter so. Der kann noch mehr.


    Schampagnerkerlchen. On Top!

    21.02.2012, 09:50 von Kokomiko
    • 1

      Weder noch. Definitiv benutze ich den Politikteil!

      Der kleine Maulwurf in der Stadt gefällt mir! Darf ich dir als Dank für deine wundervollen Worte ein weiteres, unglaublich gutes Bilderbuch empfehlen!? Dieses steht bei mir direkt neben der Schüssel, damit sich niemand beim scheißen langweilt!
      "Wer hat mir auf den Kopf gemacht?"

      Da geht es ebenfalls um einen Maulwurf. Aber diesmal, ist er das Opfer!

      Guggst du!

      21.02.2012, 12:32 von rubs_n_roll
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  • 1

    „Ich kann nichts dafür, das war mein Hirn.“

    das sollte hier unter jedem zweiten Text stehen... trotzdem, lustig so zum ersten Kaffee :D liest sich runter

    21.02.2012, 07:43 von EliasRafael
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