Marc_Schuermann 16.07.2009, 16:52 Uhr 0 13

"Ich bin mir ein Rätsel"

Es gibt den alltäglichen GEDÄCHTNISVERLUST, etwa das Vergessen einer Telefonnummer. Es gibt Unfallopfer, denen die Stunden vor dem Knall fehlen. Extrem selten aber gibt es Fälle wie diesen: einen Mann, der plötzlich sein komplettes Leben vergaß.

Der Norweger Øyvind Aamot wird in seinem 28. Lebensjahr in einem fahrenden Zug in China geboren. Sein Vater ist bei der Geburt nicht anwesend. Seine Mutter auch nicht. Das Abteil ist voll. Øyvind steht einem Chinesen gegenüber, der über das Rattern des Zuges hinweg von seiner Familie redet. Der Chinese hat schmale Augen, aber nicht so schmale wie die meisten Chinesen; einen Flaum am Kinn,
einen roten Schal, einen Mittelscheitel; er ist um die vierzig Jahre alt. Es ist der erste Mensch, an den Øyvind sich erinnert.

Was ein Zug ist, Familie, Schal, Jahre, Gesicht, Mutter, das alles erfährt Øyvind erst später. Als Øyvind hier geboren wird, kann er schon sprechen. Doch einige Reisende bemerken, dass etwas nicht stimmt mit dem großen, fremden Mann, der auf dem Kopf einen Berg von Zöpfen trägt und am Kinn einen geflochtenen Bart, so wie die alten Nomaden in den Bergen.

Sie durchsuchen seinen Rucksack. Darin finden sie seinen Pass. Øyvind kann ihn lesen, doch sein Name sagt ihm nichts. Die Chinesen zeigen ihm seine Geldscheine, sie sagen, pass gut darauf auf, das ist wichtig. Und ein Stück Papier, bekritzelt mit Orten, Namen, Telefonnummern, Kästen, Pfeilen. Das ist Øyvinds Reiseplan. Er hat ein Around-the-world-Ticket. Das weiß er nicht, aber er hält sich an dieses Stück Papier, denn es ist das Einzige, dem er folgen kann.

Er ist nicht verzweifelt darüber, nichts zu kennen und nichts zu wissen. Er hat keine Angst. Er findet nichts merkwürdig; es sind die anderen, die ihm sagen, dass er Merkwürdiges erlebt. Für ihn sind die Dinge, wie sie sind, und er ist einfach nur da.

Øyvind findet sich an einer Bushaltestelle wieder. Er steigt in einen Bus. Dann steigt er wieder aus. Jetzt umgeben ihn viele Menschen, in Rot gekleidet, die Gesichter mit Bärten beklebt. Einer drückt ihm ein Geschenk in die Hände. Øyvind macht es ihm nach: Er reicht es dem Nächsten. Es ist Heiligabend im Jahr 2000, Øyvind befindet sich an einem Ort, von dem ihm jemand gesagt hat, er heiße Wuhan, und hält eine Telefonnummer in der Hand. Er hat beobachtet, wie jemand telefoniert, also macht
er es genauso.

Hallo, hier ist Øyvind.
Vind?
Ja.
Wo bist du?
In Wuhan.
Wo genau?
Ich weiß nicht.
Frag jemanden. Oder gib das Telefon weiter. Nach einer Weile kommt ein junger Mann auf Øyvind zu, dünne schwarze Haare über der Stirn, eine Goldkette am Hals, die Arme voller Tätowierungen. Der Mann begrüßt ihn herzlich, er fragt ihn, wie die Fahrt war. Øyvind sagt wenig. Der Mann, er heißt Wu Wei, denkt, dass sein alter Freund ihn nicht sofort wiedererkennt, weil er sehr erschöpft sein muss nach all den Monaten auf Reisen. Wu Wei nimmt an, dass Øyvind ihn vergessen hat, so wie man
einen Schlüssel verlegt; man muss nur ein bisschen kramen. Aber Øyvind erinnert sich auch in den nächsten Tagen nicht an ihn. Und nicht an die Geschichten von früher, die Wu Wei ihm erzählt, obwohl Øyvind doch bei jeder selbst dabei war.

Wu Wei bringt Øyvind in ein Krankenhaus. Der Arzt hört sich an, was Wu Wei und Øyvind ihm berichten, und sagt dann, Øyvind habe anscheinend sein Gedächtnis verloren. Sie gehen in ein anderes Krankenhaus, dann fahren sie nach Peking in ein drittes. Ärzte untersuchen seinen Puls, seine Zunge, seine Augen, sie stellen ihm Fragen, schauen ihm in die Ohren und in die Nase, drücken seinen Kopf und sagen, tatsächlich, Øyvind Aamot habe sein Gedächtnis verloren.

Wu Wei findet noch einen Zettel in Øyvinds Gepäck, auf dem geschrieben steht: In case of emergency please contact my mother Ragnhild Aamot. Wu Wei wählt die Nummer, aber er erreicht niemanden. Øyvind erfährt, dass es ein wichtiges Kommunikationsmittel gibt, das Internet heißt, doch er kann sich unter der
E-Mail-Adresse, die Wu Wei ihm nennt, nicht einloggen, weil er das Passwort nicht mehr kennt.

In den Augen seines Freundes liegt Besorgnis, aber Øyvind weiß nicht, was Besorgnis ist, und er kann sie in den Augen auch nicht sehen. Øyvind ist einfach nur da, und dann ist er weg, er folgt dem Stück Papier aus seinem Rucksack, das ihm sagt, er solle am sechzehnten Januar 2001 nach Osaka fliegen und dann nach Tokio. Auf der Rückseite eines alten Zettels findet Øyvind noch eine Notiz, die er als Passwort ausprobiert. Es klappt. Er hat 363 Mails in seinem Postfach, er liest fast alle. Norwegisch, Englisch, Dänisch, Schwedisch, er versteht die Sprachen mühelos. Und er schreibt eine Mail an Ragnhild Aamot:

Ich habe herausgefunden, dass ich an dieser Maschine schon früher schreiben konnte, denn es geht immer schneller und die Finger scheinen sich von selbst zu bewegen. Ich habe eine Menge Nachrichten von Menschen entdeckt, die anscheinend eine Verbindung zu mir haben. Freunde haben mir erzählt, dass ich dich wohl von allen am besten kenne. Also bist auch du ein wunderbarer Mensch. Wie man Freunde wird, ist ja etwas Besonderes, das ich noch nicht ganz verstanden habe, das ich aber über alle Maßen genieße. Du kannst mir bestimmt ganz ganz viel erzählen, und jetzt kommt das lustige Gefühl im Bauch zurück. Viele Grüße und Umarmungen von Øyvind Vind. In Nachrichten, die ich geschrieben habe, finde ich beide Namen, und beide gefallen mir.

Øyvinds Mutter findet die Mail am 26. Januar 2001. Es ist der Tag, an dem die Frist abläuft, die sie sich gesetzt hat: Wenn Øyvind sich bis dahin nicht meldet, zwei Monate nach dem letzten Lebenszeichen, würde sie die norwegische Botschaft in Peking um Hilfe bitten. Sie schreibt zurück, dass sie 64 Jahre alt und seine Mutter sei. Und wie er, ihr Sohn, mit ihr in einem Land namens Norwegen und einem
Ort namens Stabekk aufgewachsen sei. Der Reiseplan befiehlt Øyvind nach Neuseeland. Dort liest er die Antwort von Ragnhild Aamot. Sie will ihn anrufen. Er schreibt ihr eine Telefonnummer von Freunden, bei denen er wohnt und die ihn von früher kennen, er sie aber nicht. Ragnhild ruft an.

Die Stimme habe ich aber schon mal gehört!, ruft Øyvind.
Sie verabreden, sich zu treffen. Die nächste Gelegenheit ist in Los Angeles, neunzehnter Februar 2001. Sie wartet am Ausgang, er tritt aus dem Gate. Er schaut sich um.

Ich bin deine Mutter!

Sie nimmt ihn in die Arme. Doch seine eisblauen Augen sind leer. Außer der Melodie der Stimme kommt ihm nichts an dieser Frau bekannt vor.

Øyvind will seinem Reiseplan weiter um die Welt folgen. Ragnhild drängt ihn, sofort mit ihr nach Norwegen zu fliegen. Neurologen haben ihr gesagt, je früher Øyvind seiner früheren Umgebung ausgesetzt sei, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sein Gedächtnis wiederkehrt. Øyvind kommt mit.

Am 24. Februar Landung in Oslo. Weiterfahrt in den Vorort Stabekk, zu einem weiß getünchten Haus, Baujahr 1928, direkt an den Bahngleisen. Alle paar Minuten pfeift ein Zug vorüber, so laut, dass man die Stimme heben muss. In einem Zimmer unter dem Dach hat Øyvind gewohnt, vom zwölften bis zum neunzehnten Lebensjahr.

Als Øyvind die schmale Treppe hinaufsteigt, greift sein linker Arm von selbst nach dem Geländer, ohne dass Øyvind hinsieht. Unten in der Küche findet er die Gabeln sofort in der richtigen Schublade. Ansonsten erinnert er sich an nichts.

Wir haben zusammengelebt, sagt Ragnhild, du und ich, wir hatten Pferde und Schafe, waren einander so nah. Jetzt ist mein Sohn ein Fremder im Körper eines Vertrauten. Øyvind spricht mit gleicher Stimme wie früher, mit gleicher Betonung, mit den gleichen ruckartigen Gesten. Er ist es, und er ist es nicht. Was ist mit meinem Vater?, fragt Øyvind.
Wir haben uns vor langer Zeit getrennt, sagt Ragnhild.
Warum?
Wir waren zu verschieden. Es war eine natürliche Entwicklung.
Okay.

Die Neurologen haben der Mutter gesagt, das verlorene Gedächtnis sei wie ein Raum, zu dem Øyvind die Tür nicht mehr findet. Øyvind geht zu den Neurologen. In die Osloer Kliniken Rikshospitalet und Ullevål. Dort testet man seine Motorik. Seine Aufmerksamkeit. Seine Konzentration. Man sagt ihm eine Reihe von Wörtern vor, die er sofort und nochmals nach einer halben Stunde wiederholen soll. Man zeigt ihm Bilder, die man nach einer halben Stunde mit neuen Bildern mischt, und fragt
ihn, welche davon er bereits gesehen hat. Man legt ihm Bilder von bekannten und unbekannten Menschen vor. Man prüft seine Intelligenz und auch sein Allgemeinwissen. Man scannt sein Gehirn und untersucht dessen Blutzirkulation.
Die Neurologen kommen dann zu drei Erkenntnissen.

Sie stellen fest, dass Øyvind nicht lügt. Die Bilder von Menschen, die er vor dem Gedächtnisverlust gekannt hatte, erzeugen ebenso wenig eine Reaktion im Gehirn wie Bilder von Menschen, die ihm mit Sicherheit unbekannt sind; auf Bilder von Menschen aber, die Øyvind nach dem Gedächtnisverlust traf, reagiert
sein Gehirn deutlich. So etwas kann man nicht fälschen. Øyvinds Diagnose lautet: vollständige retrograde Amnesie.

Er erfährt, dass sein Fall sehr selten ist. Einer von vielleicht hundert weltweit.
Die Neurologen sehen zweitens, dass Øyvind über sehr wenig Allgemeinwissen verfügt. Politiker und Länder sagen ihm wenig, und er weiß nicht, dass Kinder kleine Menschen sind, die noch wachsen. Ronald Reagan? Nein. Auf der anderen Seite fällt Øyvinds außergewöhnlich gutes Gedächtnis auf. Vielleicht, sagen die Neurologen, kann man sich das vorstellen wie eine Festplatte, die soeben gelöscht
wurde und nun viel besser arbeitet. Die dritte Erkenntnis ist, dass die Ursache unergründlich ist. Kein Test und kein Röntgenbild hat irgendeinen Hirnschaden offenbart. Es wurden auch keine Spätfolgen der Enzephalitis sichtbar, der Gehirnentzündung, die Øyvind als Kind hatte.

Das heißt aber nicht, dass Øyvinds Gehirn unbeschädigt ist. So verlässlich sind die Testverfahren der Neurologie noch nicht. Øyvind könnte also einen unentdeckten Hirnschaden haben. Er könnte im chinesischen Hinterland vergiftet worden sein, durch Lebensmittel, Drogen, Pflanzen, Tiere; sein Blut wurde in China nicht untersucht, sondern erst in Norwegen, wo es für ein brauchbares Ergebnis zu spät war. Oder Øyvind könnte sein Gedächtnis durch ein traumatisches Erlebnis verloren haben. Patienten mit traumatischen Erlebnissen leiden aber in aller Regel unter mehreren psychischen Problemen. Øyvind nicht. Und sie gewinnen ihr Gedächtnis, sobald sich ihr Leben gefestigt hat, allmählich zurück. Øyvind nicht.

Wissenschaftler können nicht einmal sagen, was Erinnerungen sind. Oder nur sehr vage: gespeicherte Verknüpfungen zwischen etwa einhundert Milliarden Nervenzellen in rund 1300 Gramm Hirngewebe. Das Gehirn hatkeine einzelne Lagerhalle für Erinnerungen; motorische Kenntnisse liegen woanders als sprachliche, die woanders liegen als Faktenwissen. Temporallappen, Frontallappen, rechter
präfrontaler Bereich, linker präfrontaler Bereich ? wenn die Osloer Neurologen angeben sollen, welche Erinnerungen wo gespeichert werden, klingen sie wie Tatzeugen, die über einen Verbrecher berichten, dass er nach Westen, Norden oder Süden geflohen ist.

Doch immerhin ergibt sich durch die Untersuchungen eine Ahnung davon, warum Øyvind sofort sprechen und gehen, aber nicht Kinder von Erwachsenen und Norwegen von China unterscheiden konnte: Was auch immer in seinem Kopf passiert ist, es hat nur bestimmte Regionen gestört. Deswegen erkannte er
die Sprechmelodie seiner Mutter wieder, nicht aber ihr Gesicht: Sein musisches Gedächtnis scheint unversehrt.

Vermuten die Neurologen. Sie reimen es sich so gut zusammen, wie sie können. Und ob jener Raum, in dem Øyvinds Erinnerungen gespeichert liegen, wirklich noch existiert, nur ohne Tür, oder ob der Raum unwiderruflich verschwunden ist: Sie wissen es nicht.

Øyvind sucht die Spuren nach dem Raum in den ersten Jahren überall. Es ist die Arbeit eines Historikers. Er sucht auf dem Dachboden, wo er Kisten voll alter Fotos durchsieht. Øyvind als Jugendlicher, mit Palästinenserschal und wirren Locken. Øyvind als Kind, das auf einem braunen Pferd gegen die Sonne blinzelt. Øyvind als junger Mann in einer Reihe mit drei anderen jungen Männern, die Oberkörper nackt, die rechten Füße auf einen Ball gestützt, die Gesichter in gespielter Entschlossenheit.

Øyvind blättert seine Bücher durch, »Der Alchimist«, Donald Duck, Notizen aus dem Studium, aufbewahrte Zeitungsartikel. Er schaut sich seine DVDs und VHS-Kassetten an. Er hört sich seine CDs an, an die 250 Alben. Pink Floyd, Accept, Twisted Sister. Die Melodien erkennt er wieder. Er singt auf Anhieb manche Texte mit. Sonst bleibt alles dunkel. Sein Leben erscheint Øyvind wie eine alte Filmrolle, von der nur der Ton in Fetzen erhalten blieb.

Die fehlenden Bilder versucht er neu aufzunehmen. Er besichtigt seine Schule, die Spielplätze, den Kindergarten, besucht ehemalige Arbeitgeber und frühere Reiseziele - Spanien, Frankreich, Hannover, Göttingen, Köln. Er geht wieder an die Universität, auch zu aktuellen Vorlesungen, saugt alles auf, Sozialanthropologie,
Astronomie, Physik, Linguistik, Psychologie, Jura, Wirtschaft, fünfzehn Vorlesungsreihen insgesamt. Und er trifft viele Menschen, aus deren Gesichtern und Geschichten er seine Vergangenheit zusammensetzt. Damit er sie sich merken kann, legt er ein Buch über seine guten Freunde an.

Einige glauben ihm nicht und sind beleidigt. Bis sie ihm in die leeren Augen sehen.
Einige glauben ihm und sind trotzdem beleidigt. Wie die schöne Jannicke, die es wurmt, dass sie plötzlich nur noch eine von fünfzig ist, die sich Øyvind in dem Buch notiert hat. Einige ziehen ihn auf. Øyvind, du schuldest mir noch Geld! Øyvind, wie geht's deinen Kindern?

Und einige erklären ihm das Leben. Als er mit Freunden von früher zu einem Hüttenausflug fährt, entschließen sich die Männer auf der Hinfahrt, ihm Sex beizubringen. Sie sagen ihm, was wohin gehört. Auf der Hütte unterrichten ihn auch die Frauen. Sie aber reden von den Gefühlen beim Sex und von Treue. Ein Jahr nach seinem Gedächtnisverlust schläft Øyvind mit einer Frau. Zu Jannicke sagt er, es sei schön gewesen. Nun interessiere ihn, wie es mit einem Mann sei. Jannicke weiß nicht, was sie sagen soll.

Die meiste Mühe, Øyvinds verlorenes Wissen von der Welt zu erneuern, hat die Mutter. Sie sagt ihm, dass ein Mann nicht jeden anderen Mann zur Begrüßung umarmt. Sie schenkt ihm ein Buch über Verkehrsregeln, nachdem er Bußgeld dafür zahlen musste, dass er arglos auf der Busspur gefahren war. Sie weist ihn an, bei Tisch nicht zu rülpsen.

Warum nicht?, fragt Øyvind.
Weil man das nicht macht, sagt die Mutter.
Warum nicht?, fragt Øyvind.

Ein Kind ist Øyvind, doch zugleich ist er viel unkomplizierter als ein Kind. Früher verabscheute er Brokkoli, jetzt isst er ihn. Er isst alles. Er mag überhaupt alles. Jedes Lied, jeden Menschen. Nicht einmal der Geruch der Pisse im Rinnstein von Oslo stört Øyvind Aamot. Und ordentlich ist er. Früher sah er nicht nur aus wie ein Hippie, er richtete sich auch so ein. Doch seit er neu im Haus seiner Jugend wohnt, hält er die Zimmer sorgfältig aufgeräumt. Über die Sofas sind grobe Decken gefaltet, die
nach langen Nachmittagen bei Großeltern riechen. Von der Decke hängt ein chinesischer Lampenschirm, in der Ecke beim Fenster, wo er niemandem im Weg ist. In der Stube kein Fernseher.

Mit seinen Erinnerungen scheint Øyvind auch die Klischees verloren zu haben. Ordentlich ging früher nicht mit Rastazöpfen zusammen. Jetzt geht es. Wer mit sich selbst neu anfangen will, heißt es, den holt doch die Vergangenheit ein. Da Øyvind keine Vergangenheit kennt, kann er sich tatsächlich erfinden.

Doch er tut es nicht. Seine Mutter beobachtet, dass er nach und nach der Alte wird. Von Kleinigkeiten wie der plötzlichen Pünktlichkeit abgesehen. Eine Persönlichkeit, die ihr erstes Leben vergisst, wird im zweiten also nicht unbedingt eine andere. Manche Philosophen sagen, das Ich sei nichts Inneres, nichts Gegebenes,
sondern die Summe aus äußeren und übernommenen Dingen: die Einstellungen,
die man gelernt hat, plus die Erlebnisse, an die man sich erinnert, plus die Wunschperson, die man gerne wäre. Øyvinds Geschichte ist kein Gegenbeweis, aber zumindest sein Ich hat wohl dickere Wurzeln. Es scheint aus sich selbst zu erwachsen.

Das Haus in Stabekk kauft Øyvind seiner Mutter ab und macht daraus eine Mischung aus Wohngemeinschaft und Kulturverein. Er will, dass Menschen aus verschiedenen Kulturen miteinander reden, also organisiert er Treffen, an denen sie das tun, dazu Gitarre und Imbiss und Kinderskispringen.

Angst hat er immer noch nicht. Keinen Augenblick, seitdem er im Zug in China stand, hat sich Øyvind gefürchtet. Doch er will wissen, wie es ist, wenn es einem schlecht geht, also fliegt er nach Spitzbergen, eine norwegische Insel in der Arktis. Øyvind hat gehört, dass die Menschen dort depressiv sind, zumindest im Winter, wenn die Sonne nie aufgeht. Øyvind bleibt sechs Wochen. Es geht ihm auch im Dunkeln großartig.

Warum er sein Gedächtnis verloren hat, ob er es je wiederfindet - das spielt jetzt kaum noch eine Rolle.

Dann hat Thomas eine Idee. Thomas ist der letzte Freund, der Øyvind vor dem Gedächtnisverlust gesehen hat. Sie waren im Jahr 2000 zusammen durch Asien gesegelt, ehe Øyvind sich entschloss, allein durch China weiterzureisen; mit den drei Monaten Sprachkurs, die er noch in Norwegen genommen hatte, kam er schon gut zurecht. Thomas will, dass Øyvind mit ihm noch einmal nach China reist, dorthin, wo Øyvind zuletzt gewesen sein muss, um vielleicht doch herauszufinden, was die Neurologen nicht entdeckten: die Ursache für das plötzliche Verschwinden von Øyvinds ersten 27 Lebensjahren.

Thomas ist Dokumentarfilmer. Er sieht in Øyvinds Geschichte eine große Chance. Außerdem will er seinen Freund zurück. Sie hatten einander zwanzig Jahre gekannt, Jungs aus demselben Ort, dann verbrachten sie sechs Monate zusammen auf einem Boot, segelten unter wolkigem Himmel auf dem Jangtse in die Stadt Schanghai und lieferten sich an Land ein Gokartrennen, bei dem sie von Stopp zu Stopp immer betrunkener wurden.

Es sind Erinnerungen, die erst dadurch groß werden, dass man sie teilt, und dann immer größer, je öfter man sie einander erzählt; nachdem Øyvind die Erinnerungen verloren hatte, gingen sie auf eine Art auch Thomas abhanden. Und als Øyvind ihn dann in Norwegen wiedersah, war auch Thomas bloß einer von fünfzig Neueinträgen in einem Buch.

Øyvind gefällt die Idee mit dem Film. Sie brechen 2006 auf. Ihr Ziel ist der Ort Zhangjiajie, in den Øyvind sechs Jahre vorher wohl zuletzt gefahren ist. In Zhangjiajie spricht Øyvind die Menschen auf der Straße an. Hast du mich schon einmal gesehen?

Einer führt ihn zum Rand eines Weges, der etwa zwei Meter über einem trockenen und steinigen Flussbett liegt. Hier bist du gestürzt, sagt der Chinese, das warst du, nur deine Haare waren kürzer. Im Fluss war Wasser, wir mussten dich herausziehen.
Andere sagen ihm, er sei noch ein zweites Mal gestürzt, einen Damm aus Baumstämmen hinab, und er habe sich dabei den Kopf aufgeschlagen.

Als Øyvind sich am Abend ins Bett legt, im Haus einer Familie, bei der er schon sechs Jahre zuvor übernachtete, spürt er ein seltsames Gefühl. Schlecht ist ihm, schwindelig, er glaubt, verrückt zu werden. Er weint, als hätte er den Teufel geschluckt, und verlässt das Haus dreißig Stunden nicht.

Später wird ihm klar, dass das Angst war. Im Alter von 33 Jahren hat er sich zum ersten Mal gefürchtet. Wovor, weiß er nicht. Vielleicht ist etwas ihn ihm wieder erwacht, noch keine Erinnerung, aber ein Gefühl einer Erinnerung. Etwas ist passiert in Zhangjiajie, das seine Seele oder sein Gehirn oder beides verletzt hat, so sehr, dass es ihn sein Gedächtnis kostete.

Øyvind wird wohl nie erfahren, was es war. Trotzdem bringen die zwei gemeinsamen Monate der Dreharbeiten in China die Freunde Thomas und Øyvind wieder eng zusammen, enger als zuvor. Und der Film gelingt. Er läuft im Frühjahr 2009 in Norwegen und Schweden. Titel: »Jakten på hukommelsen«, Jagd auf das Gedächtnis.

Øyvind jagt heute nicht mehr. Sollte er sein Gedächtnis je wiedererlangen, wird ihn das überraschen, und er wird sich freuen, aber nicht, weil er endlich wieder vollständig wäre, sondern weil es ihn neugierig macht, wie sich das wohl anfühlt, sein Gedächtnis zurückzugewinnen. Viele können nicht verstehen, dass Øyvind seine Geschichte so gleichmütig hinnimmt. Sie glauben, sie würden darüber verzweifeln, all die schönen Momente zu verlieren. Doch in dem Øyvind seine Vergangenheit vergaß, vergaß er auch, wie es ist, sich an sie zu erinnern. Er kann sie gar nicht vermissen.

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