Mrs.McH 04.06.2012, 22:44 Uhr 135 53

Ich bin kein Papagei ° Ich bin kein Papagei

Ich mag Deine Warum-Welt nicht, denn ich bin nicht Dein Darum-Mensch.

Mir langt es in der Regel, Dinge nur einmal zu sagen. Wenn ich Dich mag und wenn nötig, dann sage ich sie vielleicht auch zweimal. Was nicht bedeutet, dass ich Dich nicht mag, wenn ich sie nur einmal sage. Dann habe ich einfach keine Lust dazu. Ich bin kein Papagei. Ich bin kein Papagei.

°

Ich stehe nicht sehr darauf, Menschen überzeugen zu müssen. Ich sage Dinge ziemlich deutlich, weswegen dann solche Rückfragen. Du bist verunsichert? Ich frage „Wieso dieses Warum?“ Ich bin nicht dafür da, Dir Deine Unsicherheiten zu nehmen. Die hast Du Dir selbst angeschafft, lass mich nicht Deine Arbeit tun.

Weshalb langt Dir nicht, dass ich Dir sage „Ich will Dich!“? Wieso die Frage nach den Gründen? Was gilt mein Wort eigentlich für Dich?

Du machst Anstalten zu gehen. Ich sage „Bleib doch noch ein bisschen.“

Und Du willst wieder wissen warum.

°

Du sagst „Dann gehe ich eben!“ Trotzrotz durchdringt die Atmosphäre. Es stinkt und ich bin gelangweilt. Du hast Pech, denn ich bin nicht in Stimmung, mich zu wiederholen. Ich säusel Dir nicht zu, was Du hören willst. Achtung, jetzt kommt die Tränen-steigen-in-die-Augen-Showeinlage. Ich applaudiere und rufe Zugabe. Du drehst Dich um und ich halte mir vorsorglich die Ohren zu.

Das Kabums des Türschlagens ist noch nicht ganz verklungen, da stehst Du schon wieder im Raum. Du bemerkst nicht, dass Du nun in Sperrgebiet eingedrungen bist.

„Wie kannst du mich einfach so gehen lassen?“ schmetterst du mir vorwurfsvoll ins Gesicht. Ich erinnere Dich daran, dass ich Dich bat zu bleiben. Ratlosigkeit klebt in Deinem Gesicht und Unverständnis tropft aus Deinen Ohren. Noch nie fand ich Dich so unsexy. Ich sage es Dir nicht und konzentriere mich stattdessen auf den Film in meinem Kopf…

°

Mit seiner Hand auf meiner Schulter führt mich der Leiter der Rechtsmedizin behutsam in die Kühlkammer des Leichenschauhauses. Gezielt geht er auf Fach Nr. 08/15 zu. Ich denke nebenbei, dass das ein echter Low-Budget-Film sein muss. „Sind Sie bereit?“ fragt er leise. Ich nicke wortlos und er streichelt mir sanft und väterlich nochmal über das Schulterblatt. Er öffnet die schwere Tür und zieht mit einem kräftigen Schwung die Bahre hinaus, so schwungvoll, dass sie wieder ein paar Zentimeter zurückschnellt. Du wackelst. Bevor er das weiße Leinentuch von Deinem Gesicht zieht, wirft er mir erneut einen prüfenden Blick zu. „Bitte!“ sage ich aggressiver als es gemeint ist. Offenbar animiert durch meinen Tonfall reißt er mit einem Ruck das Laken von Deinem Gesicht und schaut mich fast ein bisschen herausfordernd an. Dann wendet er seinen Blick zu Deinem Kopf. Ich folge ihm und starre in Dein fahles, aber fraglos friedliches Gesicht. Du bist so schön. Du bist so still. Schön still. Absichtlich dramatisch schlage ich mir beide Hände vors Gesicht und fange bitterlich an zu… kichern.

°

Ich denke, das war ein verdammt schlechter Film, niveaulos und makaber. Dabei war die Vorschau so vielversprechend.

°

Du glaubst, weil Du nur kurz verschwunden warst, hat die Situation sich nicht geändert. Eine belanglose Episode, bei der in Deinen Augen die Versöhnung selbstverständlich ist. Plötzlich bist Du Dir Deiner Sache wieder ganz sicher und fragst übertrieben liebevoll „Warum bist Du nur so?“ Ich lasse Dich in dem Glauben, so zu sein, wie Du zu wissen meinst, dass ich bin.

Doch ich mag Deine Warum-Welt nicht, mochte ich noch nie, denn ich bin nicht Dein Darum-Mensch, werde es niemals mehr sein.

Deine Arroganz macht es mir leichter zu gehen. Ich beeile mich und nutze die Gunst der Stunde, bevor Dir das berühmte Licht aufgehen und es gleichzeitig Nacht um Dich werden wird.

°

Zum Abschied wähle ich absichtlich das Wort „Adieu“. Ich drehe mich nicht mehr um, als Dein letztes „Warum“ mich erreicht, und ignoriere das Messer in meinem Rücken. Ich werde schon einen Menschen finden, der es mir, ohne Fragen zu stellen, herauszieht und wortlos die Wunde vernäht. 

°

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135 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Man kann es natürlich aus der beschriebenen Sichtweise sehen. Aber eventuell signalisiert die Protagonistin dem Warum-er auch nicht ihr Wort so sicher, dass er sich eben sicher ist.
    Zwar schon recht interessant, diese Seite so kennenzulernen, aber interessant wäre, wie der andere Part die Situation beschreiben würde, wenn die Geschichte real ist. Oftmals ist es doch so, dass etwas einem selber sonnenklar ist, jemand anderes dies aber ganz und gar nicht so sieht.
    Nun, das waren meine Gedanken zum Sonntag. ...und zu diesem Text.

    02.07.2012, 00:28 von topfbluemchen
    • 0

      Vorraussetzung für den Text war, dass die Protagonistin schon recht deutlich ist und/oder dies auf jeden Fall von sich annimmt, hast absolut recht.
      Danke fürs Lesen und Feedback.

      02.07.2012, 06:15 von Mrs.McH
    • 0

      Gerne.

      02.07.2012, 20:16 von topfbluemchen
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  • 0

    Ich denke wie du.

    20.06.2012, 15:42 von percielein
    • 0

      :)

      20.06.2012, 23:39 von Mrs.McH
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  • 1

    Du hast es wahnsinnig gut beschrieben!!! Meine Erfahrungen mit den Warum-Menschen sind die gleichen! Und ich verstehe sie bis heute nicht. Ich begreife erst durch deinen Text wie sehr das Warum etwas kaputt gemacht hat.


    Danke! :)

    15.06.2012, 16:59 von Lily_Bravado
    • 0

      Sehr gerne + vielen lieben Dank für das Feedback :)

      15.06.2012, 18:54 von Mrs.McH
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  • 1

    wie gut.... :))))

    09.06.2012, 08:10 von minaohschreck
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  • 0

    Darum...

    08.06.2012, 12:24 von sailor
    • 0

      sailor, Du willst mir aber jetzt nicht weismachen, dass ausgerechnet Du meine Intention nicht verstanden hast?

      08.06.2012, 17:28 von Mrs.McH
    • 0

      Scheinbar (oder anscheinend) wohl nicht, wenn dieser Hit meiner Kindertage nicht zu Deiner Erheiterung gereicht...

      08.06.2012, 17:56 von sailor
    • 0

      Wasn jetzt? Scheinbar oder anscheinend?

      Mit anscheinend wird die Vermutung zum Ausdruck gebracht, dass etwas so ist, wie es erscheint. Hingegen sagt scheinbar, dass etwas nur so scheint, aber nicht wirklich so ist.

      Ich habe erwartet, dass es irgendjemand posten wird. Mit DIR habe ich jedoch nicht gerechnet ;-)
      Aber ich freue mich total darüber, dass DU den Text überhaupt gelesen hast, weil Deine Meinung bei mir einen hohen Stellenwert genießt.

      Diskussion oder stehen lassen?

      08.06.2012, 18:03 von Mrs.McH
    • 0

      Immerhin zündet die Nebelkerze...

      Ja. Ich habe ihn gelesen, aber anscheinend nicht im Sinne Deiner Intention reagiert.
      Das lässt mich jetzt natürlich ratlos und traurig zurück...

      08.06.2012, 18:06 von sailor
    • 0

      oooohhh... *Übers Köpfchen streichel*
      Eigentlich kann ich Deiner Reaktion ja gar nicht entnehmen, ob Du es insgeheim nicht doch so verstanden hast, wie ich es meinte ;-) Deine Antwort war ja quasi "Wer nicht fragt, bleibt dumm", was sich etwas so anhört, als ginge es um hundsgewöhnliche Fragen/Wissensfragen oder berechtigte Hinterfragungen.
      ... Ich bin nicht sicher, ob Du mich veräppelst, deshalb halte ich jetzt meine Klappe...

      08.06.2012, 18:12 von Mrs.McH
    • 0

      Ich weiß doch garnicht, wie veräppeln geht.

      Der Link ist nur meine Theorie, warum es solche 'Warum'-Frager gibt. Alles frühkindliche Prägung...

      Ich frag ja auch gerne mal nach Hintergründen und/oder Intentionen, behaupte aber, daß ich über diesen mittelkindlichen Nerv-Modus hinausgekommen bin.
      Wobei ich Altersgenossen kenne, die das nicht sind...

      Wie is denn nu Deine Intention?

      08.06.2012, 18:15 von sailor
    • 0

      Menno, ich bin doch kein Papagei :) Es geht um Rückfragen zu klaren, unmissverständlichen Aussagen, wie z.B. "Bleib doch noch", "Ich begehre Dich" oder gar "Ich liebe Dich" im Zusammenhang diese nicht einfach annehmen zu können, sondern nach dem Warum zu fragen. Es heißt jedoch nicht, dass ich beispielsweise die Rückfrage "Für was/aus welchen Gründen liebst Du mich?" nicht gelten lassen würde. mmh... mir fällt gerade auf, dass ich einen Punkt gar nicht ausgearbeitet habe... nämlich den, dass es Menschen gibt, die Rückfragen stellen à la "fishing for compliments"... was ich echt widerlich finde. Aber ansonsten fand ich eigentlich, dass das Beispiel im Text mit "Bleib doch noch" und der späteren Frage "Wie kannst Du mich gehen lassen" die Intention ganz gut erläutert... :(

      08.06.2012, 18:24 von Mrs.McH
    • 0

      Siehstewoll...
      Hab ich ja alles richtig verstanden...

      Krieg ich jetz'n Eis...?

      08.06.2012, 18:50 von sailor
    • 0

      Alles was Dein Herz begehrt.

      09.06.2012, 07:33 von Mrs.McH
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  • 1

    Die Warum - Menschen verstehen manchmal nicht,  sich mit den Aussagen der Darum - Menschen einfach mal zufrieden zu geben.
    Gefällt mir, weil du mir mit dem Darum - Menschen aus dem Herzen sprichst.
    Titel / Untertitel sind auch gut gewählt.

    08.06.2012, 12:03 von FroekenNinna
    • 0

      Danke Dir für Herz und Kommentar :)

      08.06.2012, 17:30 von Mrs.McH
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  • 3

    fast beschämt muss ich mir nach dem Lesen eingestehen, mich in dem "Warum-Menschen" ein bisschen wieder zu finden. Was aber eigentlich gut ist, da es irgendwie wach rüttelt und fest stellen lässt, dass andere es oft nicht einfach haben mit mir.

    07.06.2012, 11:46 von Misguided.Ghost
    • 0

      Hey :) finde ich gut! Danke Dir!

      07.06.2012, 11:48 von Mrs.McH
    • 1

      danke dir für den wachrüttelnden text;)

      07.06.2012, 11:56 von Misguided.Ghost
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  • 1

    richtig gut! 

    ich mag, dass es so einseitig geschrieben ist, weil ich die beschriebene seite bisher nie so richtig verstanden habe. ich zähle mehr zu den warum-menschen, aber ab jetzt hoffentlich nicht mehr. hat mich zum nachdenken gebracht, danke dafür.

    07.06.2012, 08:29 von ICHLEBEJETZT
    • 0

      Ehrlich? <-- Auch so ein Beispiel... ;-) Freut mich sehr, wenn es etwas bewegt. Ich glaube manchmal muss man extremere Beispiele nehmen, um etwas zu verdeutlichen. Mir ist wichtig, dass rüberkam, dass es wirklich nur darum geht, ziemlich deutliche Aussagen annehmen zu können, ohne zu unterstellen, dass Hinterfragen generell nicht richtig wäre.

      07.06.2012, 08:41 von Mrs.McH
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  • 1

    Du machst Anstalten zu gehen. Ich sage „Bleib doch noch ein bisschen.“ Und Du willst wieder wissen warum.  Seltsam, dass er das ständig wissen will. Jesus hilf! Und wenn die Protagonistin sagen würde: "Ich liebe Dich", fragt er dann ganz bestimmt auch noch WARUM. Ufff. So etwas killt ja wohl jedes Vertrauen.


    Der Mann hat meines Erachtens Zweifel und ist sehr unsicher, wie mir scheint. Wieder eine fetzige Schreibe mit schönen Wortspielchen.

    06.06.2012, 21:40 von Jackie_Grey
    • 0

      Danke Dir :)

      Und wenn die Protagonistin sagen würde: "Ich liebe Dich", fragt er dann ganz bestimmt auch noch WARUM.

      Tatsächlich, so wäre es :)

      07.06.2012, 08:29 von Mrs.McH
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  • 0

    Mag ich, kenne auch dieses Problem nicht losgelassen zu werden vom anderen. Sehr anstrengend, braucht aber, wie du gezeigt hast, eine klare Haltung und Abgrenzung, nicht zu verwechseln mit Ingnoranz!

    06.06.2012, 19:40 von Sultanine
    • 0

      Danke Dir sehr für Lesezeit und Herz und Kommentar :) Ich hoffe, sie kam nicht zu ignorant rüber, denn sie hat in meiner Welt sehr wohl sein Verhalten hinterfragt, bevor sie endgültig ging.

      07.06.2012, 08:32 von Mrs.McH
    • 1

      Ein bisschen Ignoranz schwingt da schon mit, finde ich aber ok, denn sie scheint einfach schwer genervt von diesem Hin- und Her, da ist es auch irgendwann mal nötig sich selbst zu schützen und der Fragerei gegenüber (nicht der Person gegenüber) ignorant zu sein. Und da ist es doch stimmig.

      07.06.2012, 16:57 von Sultanine
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