nancy_deutsch 31.01.2010, 11:51 Uhr 2 0

Ich bin kein Freak! Ich bin ein HSM.

Warum ich dank eines Dates weiß, dass ich ein hochsensibler Mensch (HSM) bin.

Neulich hatte ich mich mit einem charmanten Mitdreißiger verabredet. Sein Fazit des ersten Dates fiel jedoch nicht ganz so aus wie ich es mir erhofft hatte. „Du bist ein Freak, aber ich mag Dich.“ Egal, ob man nun eher Romeo und Julia oder dann doch Bonnie und Clyde als romantisches Vorbild bemüht, dieser Dialogtext führt in jedem Fall nicht direkt in den siebten Himmel.

Wie kam es zu dieser Einschätzung? Wir hatten uns, wie bei ersten Dates nicht unüblich, über unsere Lebensläufe unterhalten. Seine berufliche Vita war in fünf Minuten erzählt. Im Anschluss an sein Studium, absolvierte er bei einem bekannten Konsumgüterunternehmen ein Praktikum, um danach stets derselben Branche treu zu bleiben. Seine Karriere nahm seinen Lauf und er ist inzwischen ein erfolgreicher Manager in einer gehobenen Position. Mein Lebenslauf bietet dagegen ziemlich viel Erzählstoff. Ich war Kameraassistentin, jettete als gut verdienende Studentin für eine Medienproduktionsfirma durch Deutschland, arbeitete nach dem Diplom als Junior Consultant, jetzt bei einem Inverstitionsgüterunternehmen im Kundenbeziehungsmanagement.
Meine innere Stimme bietet mir stets viele verschiedene Möglichkeiten. Das mag auch damit zusammenhängen, dass ich viele Talente habe. „Das könnte Ihnen das Genick brechen, wenn sie nicht früh beginnen, sich zu spezialisieren“, meinte mal ein Universitätsdozent zu mir. Ich habe manches Mal an diese Worte gedacht. Und er mag recht behalten haben: wirkte ich doch an der Uni permanent wie auf der Karriere-Überholspur, zähle nun aber im Vergleich mit ehemaligen Kommilitonen bisher eher nicht zu den Gewinnern. Der mangelnde Aufstieg mag sicherlich auch darin begründet sein, dass ich nicht negativ über andere denken oder reden mag. Politische Spiele im Unternehmen liegen mir überhaupt nicht, dafür bin ich zu geradlinig.

Mein Sport (Triathlon) ist mir aus diesem Grund auch enorm wichtig geworden, weil es mir unglaublich viel Kraft und Energie gibt, den eigenen Körper zu spüren. Die Konzentration im Sport auf sich selbst, hilft auch dann, wenn ich zuvor mal wieder die Ellbogen-Mentalität kennenlernen durfte. Lange Zeit habe ich mich nicht getraut, mir diese Verletzlichkeit einzugestehen. Es ist gesellschaftlich nicht gerade imagezuträglich. Beliebter sind in unseren Gefilden, diejenigen mit einer Elefantenhaut. Ich habe mich immer bemüht, diese Dickhaut zu entwickeln, nicht zuletzt, weil jeder mir dazu riet: Eltern, Freunde, diverse Chefs. Ich bekam stets zu hören, man sei mit meiner Leistung sehr zufrieden, aber ich solle mir die Dinge weniger zu Herzen nehmen. Ich habe mich wirklich viele Jahre redlich bemüht, „progressive Muskelrelaxation“ und autogenes Training gelernt. Aber, was auch passierte, nie ging es spurlos an mir vorbei. Oftmals ahne ich die Dinge sogar im Voraus. Ich träume häufig schlecht. Ein spezieller Alptraum aus meiner Kindheit sucht mich immer noch dann heim, wenn es einige Tage später irgendwo Probleme geben wird. Das Gefühl von besonderer Verletzlichkeit im Privat- wie Berufsleben, hat mir manchmal den Eindruck gegeben, ich sei „nicht gemacht für diese Welt“. Enge Freunde konnten nicht verstehen, warum mir Trennungen von mir wichtigen Menschen so lange zu schaffen machen, warum ich mich mit (eigenen wie fremden) Fehlern nur schwer arrangieren kann und über alles soviel grübeln muss. Ich neige dazu, sehr gewissenhaft und perfektionistisch zu sein.

Dieses Gefühl von einem anderen Stern zu sein, hörte abrupt Mitte Januar 2010 auf. Ich schlenderte, einige Tage nach dem misslungenen Date, im Buchladen zur Kasse, mein Weg führte mich am Psychologie-Regal vorbei und da sprang mir ein Buchtitel ins Auge: „Sind Sie hochsensibel?“ von Elaine N. Aron. Ich sah es mir näher an. Ohne zu ahnen, was die Autorin mit dem Titel genau meint. Neugierig, ein bisschen verschämt, irgendjemand könnte ja sehen, dass ich mich für so ein komisches Buch interessiere. Ich machte Ihren Test auf den ersten Buchseiten. Viele der Fragen konnte ich mit „Ja“ beantworten, damit war ich nach ihrer Definition ein hochsensibler Mensch (HSM). Ich kaufte das Buch und verschlang es die darauf folgenden Wochen. Es ist populär-wissenschaftlich verfasst. Nicht allem, was darin steht, stimme ich zu, aber im Großen und Ganzen trifft die Autorin den Nagel auf den Kopf. Ich erkenne mich auf diesen Seiten wieder, obwohl ich nicht introvertiert bin wie die meisten von ihr beschriebenen HSM. Aber viele der anderen Eigenschaften passen auf meine Persönlichkeit.

Hochsensibilität ist, wie ich inzwischen weiß, ein vererbbares Persönlichkeitsmerkmal. Viele Künstler, Psychologen und Juristen sind hochsensibel. HSM unterscheiden sich vor allem dadurch von anderen, dass sie unterschwellige Reize wahrnehmen und großes Feingefühl für Details beweisen können. Auch im Tierreich kommt diese erhöhte Reizempfindlichkeit vor. Achtung: Hochsensibel ist nicht gleichzusetzen mit neurotisch! Wir nehmen Feinheiten wahr, die anderen entgehen und erreichen deswegen viel eher einen Punkt nervlicher Überregung. Die Tatsache, dass wir Dinge intensiver verarbeiten, weil wir genauer über alles nachdenken, ist auch eine Erklärung dafür, warum wir eine sehr hohe Auffassungsgabe haben. Häufig macht uns gerade die Auseinandersetzung mit uns selbst mental sehr stark.
Wir sind aber auch wachsamer, haben mehr Ängste, wirken daher manchmal zaghafter oder vorsichtiger in uns unbekannten Situationen. Manche meiden deshalb alles Neue. Es gibt aber auch HSM, zu denen zähle ich mich, die sowohl wissbegierig als auch vorsichtig, sowohl unerschrocken als auch ängstlich sind. Solange ich mich mit meinem Publikum vertraut fühle, bin ich lustig und ein guter Unterhalter. Aber ich bin durch die Launen und Gefühlsäußerungen anderer sehr beeinflussbar. Ich leide mit, wenn andere leiden. Von meinem Umfeld werde ich in der Regel als höflich, zuvorkommend und freundlich beschrieben – es sei denn, ich war zuvielen Reizen ausgesetzt. HSM brauchen mehr Abgrenzung, eine andere Art von Ruhe nach nervlicher Überregung, was vor allem auch daran liegt, dass unser vegetatives Nervensystem anders funktioniert. Das ist die Kehrseite unseres größeren Wahrnehmungsvermögens: was bei den meisten Menschen zu einem mittleren Erregungsniveau führt, bewirkt bei HSM eine hochgradige Erregung. Die Psychologin Aron nennt als Beispiel laute Musik und Menschenansammlungen, das kann auf HSM so starke Reize ausüben, dass es als Stress empfunden wird. Die Autorin schätzt, dass ca. 15 bis 20 Prozent der Menschen hochsensibel sind.

Und auch die rechte Gehirnhälfte ist ausgeprägter, was bei vielen HSM eben dazu führt, dass sie sehr kreativ sind, mitunter sogar hochbegabt. Alles Künstlerische fasziniert sie, Musik berührt uns besonders. Ich habe elf Jahre Ballett getanzt. Die Improvisationen, also das freie Bewegen zur Musik, lagen mir am meisten.
Häufig bringen HSM eine Vielzahl an Talenten mit, diese liegen in ihrer Intuition begründet. Leider bringt die ausgeprägte Gewissenhaftigkeit manche HSM (mich auch) dazu, dass wir uns und unseren Körper selbst meist an die letzte Stelle setzen.

Besondere Lebensumstände können auch bewirken, dass die Hochsensibilität sich nicht mehr in allen Lebensbereichen zeigt. Ich beispielsweise bin seit einem einschneidenden Erlebnis sehr schmerzunempfindlich, völlig untypisch für einen HSM. Trotzdem sendet mir mein Körper sehr früh Signale, die von Ärzten häufig noch gar nicht gedeutet werden können und daher bisweilen als haltlos abgetan werden. Da ich Schmerzen gut aushalten kann, ließ ich mich in der Vergangenheit oft abweisen, obwohl ich längst spürte, dass etwas nicht stimmte.

HSM sind häufig Singles. Das könnte, so Arons Vermutung daran liegen, dass sie äußerst vorsichtig sind, bevor sie sich überhaupt an jemanden binden. Wenn sich HSM dann verlieben, ist es ein Balanceakt: sie senden entsprechende Signale aus, die den Wunsch nach einer Beziehung signalisieren. Will sie dann aber diese Person öfter sehen und vielleicht auch berühren, schrecken HSM meistens zurück. Worauf sich die andere Person nach einer Weile der Geduld, häufig auch wieder zurückzieht. Das Vermeiden von Körperkontakt liegt sicher auch daran, dass HSM um die Wirkung einer Berührung wissen: Eine liebevolle Umarmung kann eine unglaubliche Bedeutung haben. Ich habe mich schon verliebt aufgrund der Art wie mich jemand umarmt hat. Eine Umarmung kann für HSM wie eine zweite Schutzschicht sein. – Es sei denn, sie wird eingesetzt, um den Abschied einzuleiten…

Ich passe nicht in eine Standard-Schublade. Nur weiß ich jetzt, dass da draußen 15 bis 20 Prozent der Menschen genauso empfinden wie ich! Und dass wir zwar anders, aber trotzdem ganz „normal“ sind. Diese Erkenntnis hat seit kurzem mein Leben total verändert. Ich bewerte meine Vergangenheit und meine Gegenwart ganz neu, vor allem gelassener – mit dem Wissen, warum ich so bin. Als ich im Manager Magazin (01/2010) neulich las, dass die Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Universität Klagenfurt in einem Interview forderte, dass Manager mehr Intuition brauchen – gerade in der Krise, habe ich dankbar gelächelt.

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