die_Ili 22.02.2014, 21:46 Uhr 1 0

Ich bin etwas, was es gar nicht gibt - oder doch?

Schwule Frauen, Lesbische Männer? Das geht doch gar nicht! Aber wieso hat dann schon Magnus Hirschfeld über sie geschrieben?

Schwule Frauen („Girlfags“) und Lesbische Männer („Guydykes“) – irgendwie und irgendwann wurde in unserer Gesellschaft festgelegt, dass es sie nicht gibt. Ja nicht nur, dass es sie nicht gibt – sondern dass es sie auch gar nicht geben kann. Wenn auch die Begriffe „Mann“ und „Frau“ in den letzten Jahrzehnten eine Aufweichung erfahren haben, so sind die Begriffe „schwul“ und „lesbisch“ doch sehr eindeutig definiert – und das auch in der LGBTQ-Community. Nur Männer können schwul, nur Frauen können lesbisch sein – etwas anderes ist per definitionem gar nicht möglich!

Und trotzdem gibt es sie: Frauen, die sich wider aller gesellschaftlicher Logik dennoch als schwul, und Männer, die sich als lesbisch definieren. Ihre gesellschaftliche Nicht-Existenz führt gleich zu mehreren Schwierigkeiten:


1. Es dauert Jahre, manchmal Jahrzehnte, bis man sich selbst eingestehen kann, was eigentlich schon immer auf der Hand lag. Eine Frau kann sich seit ihrer Pubertät der schwulen Kultur zugehörig fühlen und doch braucht sie lange Zeit, bis sie das gesellschaftlich Unmögliche als möglich akzeptieren kann. Eine Zeit, in der sie sich selbst für verrückt, für die „einzige ihrer Art“ hält und wenig erfolgreich versucht, ihre vermeintliche Heterosexualität auszuleben (sie steht doch auf Männer – sie MUSS doch hetero sein, oder nicht?).

2.
Sie stellt also irgendwann fest, dass sie schwul ist – was vieles in ihrem Leben plötzlich erklärt. Für sie mag es nun Sinn machen – für ihre Umwelt aber noch lange nicht. Eigentlich kann sie ja selbst nicht erklären, „wie das denn geht“, dass eine Frau schwul ist. Wie etwas erklären, wofür es in unserer Kultur keine Worte gibt, da es nicht vorgesehen ist? Spätestens, wenn man bei der Suche nach einer plausiblen Erklärung an seine Grenzen stößt, weil die Sprache, die man spricht, die eigene Identität nicht mal anreißen kann, ist klar, wie sehr jeder Mensch doch ein Kind der Gesellschaft ist, in der er lebt. Und allerspätestens jetzt beginnen auch die Selbstzweifel wieder: „Kann ich wirklich als Frau schwul, als Mann lesbisch sein? Oder bin ich jetzt wirklich verrückt geworden?“

3.
Die Versuche, sich zu outen, enden häufig – eben aufgrund sprachlicher Unzulänglichkeiten – in Hilfskonstruktionen, die (wenn überhaupt) nur haarscharf am Geständnis der eigenen Transsexualität vorbeischrammen: „Ich wäre gerne eine lesbische Frau.“ oder „Ich bin ein schwuler Mann im Körper einer Frau“.Wenn man nicht einfach nur seine sexuelle Orientierung sondern auch sein Geschlecht in Frage stellt, wird das Konzept für viele Menschen auf einmal nachvollziehbarer.
Transsexualität ist zwar bei weitem nicht auf allen Ebenen der Gesellschaft akzeptiert – aber sie ist in unserer Kultur möglich und vorstellbar. Dabei ist die Koppelung von „Geschlecht“ und „sexueller Orientierung“ nach wie vor – auch in queeren Kreisen – so fest in den Köpfen verankert, dass eine schwule Frau nur dann die Chance auf Anerkennung zu haben scheint, wenn sie sich nicht allzu sehr auf das „Frau-Sein“ versteift. Tut sie dies doch, wird sie im schlimmsten Fall als verzweifelte Hetera oder psychisch in der Kindheit fehlgeprägte Person gesehen. Guydykes dagegen müssen in der lesbischen Szene durchaus mit offenen Anfeindungen und dem Stempel des „Perversen“ rechnen. Dem kann mitunter entgangen werden, wenn auf die eigene Cis-Sexualität nicht allzu sehr gepocht wird.

Dabei ist gerade der Knackpunkt des Konzeptes „Girlfags-Guydykes“, dass sie eben nicht per se trans* sind. Wären Girlfags schwule Trans*-Männer, könnten und würden sie sich doch als solche bezeichnen. Wozu dann der Aufwand, einen neuen Begriff für eine (noch) unbekannte Identität einzuführen?

Jawohl, für eine unbekannte, nicht für eine neue Identität. Darauf, dass es sich eben nicht um eine neue Erfindung handelt, weißt Uli Meyer schon im Artikel „Almost homosexual“ hin: Hirschfeld dokumentierte auch als erster (?) die Existenz von quasi Schwulen Frauen und Transgendern: „[...] die bisexuellen Frauen, die weiblich angehauchte Männer und männlich geartete Frauen lieben, den Männern in gewissem Sinne homosexuell [...] gegenüberstehen [...] (...) „Eine in diese Kategorie gehörige Studentin, die in ihrem Aussehen und ihren Charaktereigenschaften viel Männliches hatte, dabei aber völlig „normalsexuell“ war, da sie nur für Männer erotische Empfindungen hatte, sagte mir einmal nicht unzutreffend, „sie käme sich wie ein homosexueller Mann vor.“ (S. 73)

Also, wie ist das jetzt mit den Girlfags und Guydykes und der Frage nach trans* oder nicht trans*?

Eigentlich bewegen sich Girlfags und Guydykes irgendwo in einer breiten Grauzone zwischen Heterosexualität und Homosexualität, zwischen cis und trans*. Am Beispiel der Girlfags könnte man sich etwa eine Achse vorstellen, auf der sich am einen Ende heterosexuelle Faghags und am anderen schwule Trans*Männer befinden. Girlfags bewegen sich irgendwo dazwischen – in welche Richtung sie stärker tendieren hängt von jeder einzelnen Person ab. Manche Girlfags definieren sich ganz als weiblich – trotz ihrer schwulen sexuellen Orientierung. Andere tun dies nicht, sie sehen sich eher als männlich, bevorzugen männliche Pronomen, wollten möglicherweise „schon immer lieber ein Junge sein“ und würden die vielzitierte „Wunderpille“, mit der sie auf einen Schlag das männliche Geschlecht annehmen könnten, ohne jedes Zögern schlucken. Dennoch definieren sie sich nicht als Trans*-Männer, sondern sehen sich noch irgendwo „dazwischen“, so wie die cissexuellen Girlfags sich eben nicht als „cis-Hetera“ sehen, sondern ebenfalls an einem anderen Punkt der Achse.

Was sie also gemeinsam haben - trotz all der Unterschiede - ist die Tatsache, dass sie sich in soweit "zwischen den Kategorien" sehen, dass sie sich weder als cissexuelle Hetera noch als schwuler Trans*Mann definieren. Sie sitzen häufig zwischen allen verfügbaren Stühlen, was ein Grund ist, warum ihnen auch von queerer Seite immer wieder mit Ablehnung begegnet wird. Zu leicht lässt sich das Konzept auf einen "Fetisch" für homosexuelle Menschen reduzieren. Im englischsprachigen Raum kommt noch erschwerend hinzu, dass es kein eindeutiges Wort für "schwul" gibt und so - wieder ein Zeichen für sprachliche Unzulänglichkeiten - die Konstruktion Girlfag geschaffen wurde. "Fag" ist nun aber ein Schimpfwort und nicht jeder sieht es gerne, dass es von vermeintlich Heterosexuellen gebraucht wird. Übrigens verwenden auch viele Girlfags das Wort nicht gerne - in Ermangelung einer besseren Alternative hat es sich aber durchgesetzt.

Interessant ist dabei auch, dass für einige schwule Trans*-Männer/lesbische Trans*-Frauen der Status als Girlfag/Guydyke eine Art Zwischenstadium ist. Davon auszugehen, dass alle Girlfags/Guydykes sich früher oder später zu Transsexuellen „entwickeln“ würden, wäre aber falsch: Das würde Girlfags und Guydykes per se den Stempel des „Nicht-Vollentwickelten“ aufdrücken, derjenigen, die zwischen den Stühlen sitzen und sich nicht entscheiden können oder wollen.

Dabei ist wohl gerade DAS die Herausforderung, die das Konzept „Girlfags-Guydykes“ an uns, unsere Kultur und die queere Community stellt: Anzuerkennen, dass nicht nur das körperliche und das gefühlte Geschlecht voneinander unabhängig sind bzw. sein können, sondern auch Geschlecht und sexuelle Orientierung.

 

Über mich, Ili

Ich wurde Mitte der 80er Jahre in eine recht traditionelle Familie geboren.  Queere Ideen waren nie ein Thema. Trotzdem interessierte ich mich schon seit meiner Pubertät für „Schwule und Schwules“ und bezeichnete mich mit 17 Jahren bereits in meinen Tagebüchern als „weiblichen schwulen Hetero“. Nach vielen ergebnislosen Gedankenexperimenten (bin ich transsexuell? Lesbisch? Oder einfach nur völlig verwirrt?) war für mich 2007 klar, dass ich wohl das scheinbar Unmögliche akzeptieren musste: Ich war schwul!

Im Frühjahr 2008 stolperte ich dann online über Uli Meyers Artikel über „Schwule Frauen und Schwule Transgender“, was für mich einem Erweckungserlebnis gleichkam. Nach meinen Erlebnissen in einer online Trans*Community, wo mir zwar viel Verständnis, aber aufgrund meiner weiblichen Selbstidentifikation auch viel Ablehnung entgegengebracht wurde, gründete ich noch im Frühling 2008 die erste deutsche Homepage sowie das erste deutsche Forum für Girlfags (das im Laufe der Zeit auch auf Guydykes und unterschiedlichste queere Selbstdefinitionen erweitert wurde), dessen Leitung ich vor einiger Zeit in die Hände eines Moderatorenteams abgegeben habe.

Interessant war dabei für mich in all diesen Jahren, dass es auch bei manchen Girlfags und Guydykes immer wieder Vorbehalte gab gegenüber allzu weiblich auftretenden Girlfags. Für sie war es offenbar nicht wirklich vorstellbar, dass es Frauen gab, die sich zwar als schwul definierten, aber nicht schon immer „lieber ein Junge“ gewesen wären. Ich bemerkte, was mir auch in anderen queeren Kreisen immer wieder aufgefallen ist: Dass man gerade einer Cis-Frau, die äußerlich allzu feminin auftrat – also sozusagen optisch einem heteronormativen Genderbild entsprach, die Queerness mitunter nicht so wirklich abnehmen wollte. Traditionelle Femininität war im queeren Umfeld z.T. noch immer ganz besonders negativ konnotiert – galt sie doch  als Sinnbild für „Schwäche“ und „Unterwürfigkeit“, für ein Sich-Anpassen an heteronormative Erwartungen. Je mehr ich mich mit dem Thema der „Queer Femininity“ befasste, desto mehr bemerkte ich, dass auch andere – Femme-Lesben, TransFrauen etc. – ähnliche Beobachtungen gemacht haben.

Mich verblüffte das vollkommen, sah ich mich doch im wahrsten Sinne des Wortes als „female fag“ und je mehr ich mich „aufbrezelte“, desto „schwuler“ fühlte ich mich (und vice versa: Umso schwuler ich mich fühlte, desto mehr „flamboyant“ trat ich auf). Hätte ich mein männliches Pendant nennen müssen, hätte ich Emmett Honeycutt aus „Queer as folk“ oder Marc St. James aus „Ugly Betty“ genannt. Allerdings war ich dabei genauso blauäugig von mir aus gegangen und hatte geglaubt, alle Girlfags hätten eine ebenso ausgeprägte weibliche Selbstidentifikation und eine Vorliebe für alles, was „faggy“ ist.

In den Jahren, während der ich im Forum sehr aktiv war, habe ich also festgestellt, wie vielfältig das Girlfag/Guydyke-Konzept doch ist und wie Unrecht man ihm damit tut, es einfach in der „Trans*Ecke“ – oder in irgendeiner anderen Ecke – abzustellen.

Heute weiß ich, dass Girlfags und Guydykes ebenso vielfältig sind, wie die schwul-lesbische Szene, von der sie sich so angezogen und der sie sich zugehörig fühlen: Es gibt die (mehr oder weniger) weiblich identifizierten Dragqueens und (selbstbezeichneten) Fags genauso, wie die Bear-LiebhaberInnen, die sich eher „gegengeschlechtlich“ oder androgyn Kleidenden, (mehr oder weniger) männlich identifizierte Butches wie Femmes und so weiter. Unser kleiner Teilbereich der queeren Welt, ist wie sie selbst: Vielfältig und bunt. Und das ist doch auch gut so!


Der Artikel erschien ursprünglich im Magazin "Queerulant_in", Ausgabe 6 (Dezember 2013/Januar 2014): http://www.queerulantin.de

Der erwähnte Artikel von Uli Meyer "Almost homosexual. Schwule Frauen und Schwule Transgender" kann unter folgendem Link gelesen werden: http://www.liminalis.de/artikel/Liminalis2007_meyer.pdf

Weitere Informationen, Essays und Diskussionsmöglichkeiten:

http://www.girlfags.jimdo.com

 http://girlfag-guydyke.forumieren.com


Tags: Lesbisch, Frauen, Männer, LGBTQ, queer, trans*
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