Ich bin ein Gefängnis
und ich will nicht, dass ihr mich besucht.
Ich will nicht, dass ihr mich anschaut, ich will nicht, dass ihr mich so seht.
Ich will nicht, dass du mich ausziehst und ich will nicht, dass du meine Haut so spürst.
Berühr mich mit Worten, aber fass mich bitte nicht an. Streichel nicht über meine Arme oder meine Schultern, halte dich fern von meinem Bauch, massier mir bloß nicht den Rücken. Küss weder meine Stirn noch meine Wangen, umarm mich nicht zu fest, am besten einfach gar nicht.
Meine Haut singt nicht, sie schreit. Sie schreit das alles und noch mehr.
Ich will nicht, das nicht, mich nicht. Ich spüre Prickeln, aber keine Erregung. Da ist Kribbeln, aber keine Begierde.
Das einzige Gefühl, das mich beherrscht, ist mein Juckreiz.
Und das ist vielmehr ein Verlangen, ein unstillbares Bedürfnis. Ein Problem ohne Grund und erst recht ohne Lösung.
"Das ist zum 'aus der Haut fahren'", sagt man oft.
Ich scheiß auf fahren, ich will raus-brechen.
Einfach raus, sie aufkratzen, aufreißen und rausfliegen. Egal wohin, nur raus aus diesem Irgendwie-Gefängnis, das mir mein Körper gebaut hat.
Ich bilde mir Blicke ein, die an meinem Ego kratzen wie die Fingernägel auf meiner Haut. Mit jedem Schritt, vorbei an jedem neuen, fremden Gesicht. Ein neuer Blick, ein neuer Kratzer und ein bisschen mehr Schmerz. Ich steige in den Bus ein und gedanklich gleich wieder aus. Renne irgendwohin, wo ihr mich nicht seht, so seht. Die Träne brennt auf meiner geröteten Wange. "Scheiße", denke ich, es hört nicht einfach so auf.
Ihr redet viel mit mir, ich rede mir eher viel ein.
Jedes Lächeln lacht mich aus, in meinen Augen zittert euer Blick, er flieht, bleibt kleben an meinen Wangen, an meinen Augenlidern.
Ich weiß nicht, was ihr denken wollt, ob es euch egal ist. Ob ihr mich so seht, oder doch ganz anders. Ob ihr merkt, dass ich mich unwohl fühle, dass ich weglaufen will und mich verstecken will. Dass ich nochmal 8 sein will und fernab von allem im Bett liegen will, zusammengekrümmt, in einem Arm den Teddybären.
Ich sehe mich im Spiegel und erkenne den Feind, der da schlummert. Ich schalte die Musik an und erkläre ihm damit den Krieg.
Ich habe nicht mehr viel Kraft, aber das spielt jetzt keine Rolle.
Ich bin aus Porzellan und der Bass bringt mich zum Beben.
Mit jedem Schritt tanze ich mir den Weg raus, raus aus meiner Haut. Mir ist egal, dass es juckt, ich vergesse, dass es schmerzt. Die Musik hebt mich hoch und lenkt meine Hände weg von meiner Haut. Ich spüre ein Prickeln und großes Kribbeln, diesmal in mir. Der Beat lässt mir keine Zeit zum Nachdenken. Es ist mir egal, wie ich aussehe, ob mein Gesicht makellos ist, oder nicht. Ich achte nicht drauf, dass mein T-Shirt nach oben fliegt und meine Haut zu sehen ist. Ich werde stärker, strahle mein Spiegelbild an und erkenne mich endlich wieder.
Ich will, dass ihr mich jetzt anschaut und so seht.
Ich will kein Gefängnis und Unsicherheit, sondern Musik und freie Bewegungen.
Ich will springen, ohne zu fallen.
Ich will das, ich will stolz und groß sein und ich will mich in meinem Spiegelbild.

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Kommentare
klingt für mich eher nach neurodermitis.
03.04.2011, 18:11 von dulcissimaaber wäre schön wenn maskerade uns aufklären könnte, damit wir uns nicht weiter in wilden mutmaßungen ergehen müssen ;-)
@dulcissima es hat so viel spaß gemacht, da zuzuschauen ;) aber jeder, der an neurodermitis dachte, liegt richtig.
04.04.2011, 10:51 von Maskeradeklingt nach kaltem entzug, obwohl ich glaube, dass das gar nicht der fall ist.
01.04.2011, 14:59 von HIRSE@[Benutzer gelöscht] Geht nicht. Ist wie beim Tinnitus. Kannst dir die Ohren ausstechen und hörst ihn immer noch.
01.04.2011, 10:18 von quatzatFlüchten kann man nicht, nur ein wenig ablenken.
nun bin ich schlauer, wirklich gut geschildert!
31.03.2011, 22:37 von konsTantebla bla bla Scheiße bla bla bla Heroin
31.03.2011, 22:25 von holo...(ich weiß, nicht so gut wie das Original, aber das fehlte hier eindeutig)
mich würde interessieren, was der grund dafür ist, dass du, oder falls fiktiv, die protagonistin sich so unwohl mit sich selbst fühlt.
31.03.2011, 22:17 von konsTante@konsTante Oft ist es doch genau diese Frage, auf die man keine Antwort findet...und man wühlt in sich, bis man Worte findet. Toll geschrieben!
01.04.2011, 08:37 von musicalismneonsyntax..
31.03.2011, 21:23 von thor_benKlingt sehr nach Neurodermitis oder Schuppenflechte.
31.03.2011, 20:22 von Jackie_GreyUnd nach dem Lesen juckt es mich jetzt überall.
Sich in der eigenen Haut nicht wohlfühlen zu können, muss sehr schlimm sein. Wie erfreulich, wenn die richtige Musik dich alles mal vergessen lässt.
Musik - das Geräusch das denkt !
31.03.2011, 18:41 von volcommenMusik hilft sooft. Wenn es sie nicht gäbe...
aber dein Text hat mich wirklich sehr beeindruckt, ich wünschte ich könnte meine gedanken und gefühle auch so in worte fassen.
Ja, diese sogenannte Musik lässt einem niemals im Stich. (=
31.03.2011, 18:21 von Psychogenica.