Hypnos' Schoß
Zwölfeinhalb Minuten. So lange braucht durchschnittlich ein Mensch, um einzuschlafen.
Blaue Stunde verwöhnt Zirbeldrüse, verabschiedet den Tag und heißt die Nacht willkommen. Samtweich färbt dunkles Königsblau Straßen, Regen und Himmel, sprenkelt Geäst und bettet Blüten – vollendet Sandmanns Werk. Dunkel und gut.
Noch einmal eine Runde drehen, Fenster verschließen und Vorhänge drapieren, Siebenachtelmond ausblenden, Schlösser prüfen. Allabendlicher Ritus lässt meine Hände sanft über Klinken, Hebel und Stoffe gleiten.
Geborgenheit und Wärme strömen durch die Räume. Breites Gähnen lässt wohligen Schauer durch die Glieder fahren. Meine Augen erfassen kurz ein altes Gemälde. Stolz steht dort ein mächtiger, römischer Athlet mit nacktem Oberkörper, seine Muskelmasse zwingt einen Stier in die Knie. Einst hatte das Bild Vater gehört. Nach seinem Ableben hatte ich es einfach dort hängen lassen. Flößte es mir früher noch gewaltige Angst ein, ist es heute nur noch eine schwache Erinnerung an unzählige erzählte Geschichten des alten Herrn und andächtiges, spuckefeuchtes Lauschen.
Ich schließe die Tür zum Schlafzimmer, befestige kupferne, auf Fäden gesponnene Klangschälchen in die obere Ecke – Schuld, Frevel, Strafe, Angst sollen fern bleiben. Ich will heute nichts wissen von König Porsenna, der mich täglich belagerte, will nicht die schweren Augen des vorbildlich-ehrlichen Mucius in meinem Rücken wissen, will nichts hören von der ruchlosen Tullia, die mir lange Zeit wie eine Schwester war. Ich will das Kampfgebrüll der Plebejer und Patrizier gebannt wissen, will den selbstgerechten, hochfahrenden Richter Appius zur Ruhe zwingen. Kein ungestümer Manlius soll mich heute Nacht stören, kein, in seiner Lächerlichkeit kaum zu überbietender, Ikarus, ja nicht einmal der bocksbeinige Satyr sollen zu mir dringen können.
Es ist die Nacht des Dionysos. Wein hatte Sinn und Zunge schwer gemacht. Jetzt suche ich Lavendel und Salbei – fest in feine Seide eingeschnürt – und lege es unter einen Berg aus wolkenweichen Kissen. Langsam fahre ich über festes, sauberes Leinen, schlage die Decke zurück. Der Duft des frischen, kühlen Lakens umflattert meine Nasenflügel und schmeichelt meinem Ansinnen.
Sachte bette ich mich in Hypnos‘ Schoß. Dort warte ich. Zwölfeinhalb Minuten. So lange braucht durchschnittlich ein Mensch, um einzuschlafen. Auch ich war Opfer des Durchschnitts. Immer schon. Puls, Herzfrequenz und Atem sinken. Blau wird Schwarz. Augenlider werden schwer. Randflimmern kommt zur letzten Vorstellung.
Schon lange nicht mehr Frau Silski gesehen. Vielleicht mal klingeln. Riecht schon komisch.
Krebs frisst Vater. Vater frisst Nerven. Nerven kotzen Parkinson. Halleluja.
Herz bescheißt Vernunft, Schwanz will die neue Praktikantin. Weihnachten war aber schon.
Borderline spaltet, Psychiater schwallt Wunder. Scheißfresse.
Bruder hat geheiratet und zeugt karnickelfleißig welthässlichsten Nachwuchs.
Chef will mehr. Kann er haben. Tacker in die Fresse. Maul halten. Fick Dich.
Zwölfeinhalb Minuten. Schwarz. Samt. Leichtes Schellen. Die
Tür bäumt sich, verbaut Widerstand, zum Bersten angespannt. Sie wollen rein.
Kriechen, kreuchen, kratzen, höhlen, nisten, ausbreiten, einschleichen, platzen. Klang wird Sturm. Sturm bricht Stille, hebt Träume aus den Angeln. Donnerndes Hufengescharre durchbricht Schloss, Wand und Zarge, wirbelt jedes Molekül in die Höhe. Wolkenkissen werden Feuerbälle, Lavalaken glühen, Decke reibt brennend Haut auf.
Augen auf. Kaltschweiß. Atem, Herz und Puls schnellen an die Decke, beschmutzen den teuren Stuck, versprenkeln Schmutz und Grütze, arrangieren Lebenskunst.
Ach, Hypnos, lass doch gut sein! Und hol einfach deinen Bruder.
Tags: Stein Papier Schere Echse Spock





Kommentare
der kursiv geschriebene Teil gefällt mir am besten
04.01.2013, 11:35 von alinainwonderlandwarum?
04.01.2013, 12:13 von Jimmy_D.ist der lustigste Teil, stimmts Aly?
04.01.2013, 22:34 von SteveStitchesSteve hat Humor ;)
04.01.2013, 22:35 von Jimmy_D.mh ja mh: eigentlich finde ich ihn total super, nur der mittelteil (Geborgenheit und Wärme - Ansinnen) nervt mich ein kleines bisschen an, da wirds mir zu abstrakt, zu anstrengend dem noch folgen zu können, dann liest er sich wieder sehr leicht und angenehm und man kann so mit dahin schweben. aber vielleicht reichen auch meine kapazitäten nicht aus, um den text vollständig zu erfassen. laune macht er auf jeden fall, laune auf schlafen gehen. ach wat schön. zzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz nacht.
03.01.2013, 22:06 von SultanineDer Text begann als kleine Ode an den Schlaf. ;)
03.01.2013, 22:34 von Jimmy_D.ne doch ich mag ihn, beim nerven habe ich übertrieben, verzeihst du mir das blöde wort? das meinte ich gar nicht so negativ, wie es sich anhört.
03.01.2013, 23:47 von SultanineOch, du bist so lieb. Unsinn, kann dir doch niemand vorschreiben, wie du den Text finden sollst. Mach dir keine Gedanken.
04.01.2013, 00:27 von Jimmy_D.Erfrischend. Gut. =)
03.01.2013, 21:13 von Joey_SilentScreamder abgehackte stil passt irgendwie nicht zu den auffällig ausgesuchten wörtern. dadurch kann man den text irgendwie nicht so flüssig lesen und sich nicht auf die stimmung einlassen...
03.01.2013, 15:48 von MissesBiscuitDU kannst ihn nicht flüssig lesen, nicht "man". Bist ja nicht die erste Rezipientin, nicht? Es haben andere vor dir geschafft, meinen Beitrag ganz normal und flüssig zu lesen.
03.01.2013, 15:55 von Jimmy_D.Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren.
ja, natürlich habe ich damit mich gemeint, entschuldigung, ich wollte mir nicht anmaßen ein allgemeingültiges urteil zu fällen, habe spontan geschrieben was mir in den kopf kam und es nicht mehr korrekturgelesen
03.01.2013, 16:10 von MissesBiscuitSchon ok. ;)
04.01.2013, 00:38 von Jimmy_D.mir persönlich zu geschraubt, zu gewollt und daher zu verkrampft
03.01.2013, 12:29 von RedSonjaIch hab den locker aus der Hüfte geschrieben hahahaha.
03.01.2013, 12:30 von Jimmy_D.Danke fürs Lesen und Kommentieren.
wenn du das so kannst.. *knicks* :-D
03.01.2013, 12:32 von RedSonjaDas war grad ehrlich gemeint, deswegen wunderte ich mich ein wenig darüber, dass etwas, was in unter 20 Minuten entstanden ist, verkrampft wirken kann. Aber prinzipiell kann jeder Text auf die ein oder andere Art krampfig wirken - je nach Rezipient.
03.01.2013, 12:34 von Jimmy_D.Solche Kommentare bringen mich weiter, ich schau meine Beiträge dann auch unter diesem Aspekt an. Merci.
erst mal den *knicks* dafür, dass du nicht gleich angepi**t reagiert hast!
03.01.2013, 12:48 von RedSonjadann: ich persönlich bin ein freund der dürren sprache, die mit möglichst wenig worten ein maximum an klarem inhalt transportiert.
anspielungen auf die griechische mystik oder sagenwelt finde zu "schwer" und zum beispiel dieser absatz:
"Schwarz. Samt. Leichtes Schellen. Die
Tür bäumt sich, verbaut Widerstand, zum Bersten angespannt. Sie wollen
rein.
Kriechen, kreuchen, kratzen, höhlen, nisten, ausbreiten, einschleichen,
platzen. Klang wird Sturm. Sturm bricht Stille, hebt Träume aus den
Angeln. Donnerndes Hufengescharre durchbricht Schloss, Wand und Zarge,
wirbelt jedes Molekül in die Höhe. Wolkenkissen werden Feuerbälle,
Lavalaken glühen, Decke reibt brennend Haut auf."
ist für mich zu überladen und der geneigte leser könnte denken, du willst mit überbordender wortgewalt eindruck schinden.
und es sieht so aus, als hättest du mit mühe nach rhetorischen kniffen und bildern gesucht, um möglichst originell und einzigartig zu wirken.
dass genau das gegenteil der fall ist (so sagst du) ist natürlich schon interessant.
das nur als spiegel von meiner seite!
have a nice one
Mhm, ne, kein Eindruck schinden. Es fließt einfach raus und dann ist gut. Aber ich finde es nicht falsch, mal einen erweiterten Wortschatz zu präsentieren. Immer die gleichen Wörter und Worte ergeben - rein äußerlich - die immer gleichen Texte. Ich bringe da gerne mal Abwechslung rein: Mal gebe ich mir mehr Mühe mit dem Plot, mal mehr mit dem Wortschatz, aber nie so sehr, dass ich auf Teufel komm raus etwas konstruieren muss. Schade, dass es so rüberkommen kann, aber damit muss man rechnen.
03.01.2013, 12:55 von Jimmy_D.Ich kann nicht pissig reagieren, da ich keinen Einfluss auf die Sichtweise des Rezipienten habe. Also, danke nochmals und: Alles gut.
och nö. zu schmierig.
03.01.2013, 09:45 von SurecampUnd das von dem Dagglparadiesmops, der Lalina-Tekschte herzt.
03.01.2013, 10:02 von Aleksa_P.Ja, genau. Wo ist die Kritik?
03.01.2013, 10:03 von SurecampIn deinem Körbchen.
03.01.2013, 15:19 von SirKarl"Spock!"
03.01.2013, 00:29 von anti-cyclicJimmy, du bist eine Wortflak
02.01.2013, 20:25 von SteveStitches:)
Jimmy, du Quell ständiger Inspiration
04.01.2013, 00:33 von SteveStitchesSo ein Kommentar ehrt mich. Lieb von Dir.
04.01.2013, 09:35 von Jimmy_D.Du hast mich in raue Nächte gestürzt
04.01.2013, 22:33 von SteveStitchesNicht, dass du dich dort allzu wohl fühlst und nicht mehr raus kommst...
05.01.2013, 11:51 von Jimmy_D.Mein erster im neuen Jahr gelesener Artikel. Wenn mich die noch zukünftigen Texte auch so zufrieden stimmen, wird's zumindest in der Hinsicht 'n gutes Jahr.
02.01.2013, 19:52 von BlackendAchso: der Apostroph im Titel steht Kopf (bzw. es ist ein einfaches öffnendes Anführungszeichen im Englischen). Nimm den ’ hier.
02.01.2013, 19:56 von BlackendJa, danke.
02.01.2013, 21:13 von Jimmy_D.Wunderschön geschrieben.
02.01.2013, 14:57 von Aleksa_P.Da du eine ausgezeichnete Schreiberin bist, bedeutet mir dein Lob besonders viel. Ich strahle wie ein Honigkuchengaul.
02.01.2013, 15:02 von Jimmy_D.Iwo!
02.01.2013, 15:05 von Aleksa_P.<3
02.01.2013, 15:30 von Jimmy_D.