kysinz 30.11.-0001, 00:00 Uhr 8 15

Hypersensibel, Alkohol und die Erkenntnis

Ich nehme viel wahr. Hypersensibel? Alles klar, Weichei! Aber es ist schlimmer. Eine Erkenntnis und ihre Alltagsflucht.

Schlechte Graffititags spiegeln sich im fahlen Licht des Sonnenaufganges ungerührt in dreckigen Pfützen vor der Bushaltestelle. Es ist ruhig. Die Ruhe vor dem beginnenden Tag. Ranzige Zeitungsausteiler schwirren in Hauseingänge und der Bäcker riecht nach frischen Brötchen. Es ist ein Bild aus einer durchfeierten Nacht. Träge hebt sich der Blick und der Bart riecht nach Nikotin. Die Gedanken sind reduziert und verweilen Sekunden lang an der Straßenpflasterung. Die Vögel singen bereits. Das Portmonee ist leer und nur Centstücke liegen schwer im Kleingeldfach. Kein Bier kostete heute Nacht 3,54 €. Es sind die unverhohlen unfreiwilligen Trinkgelder, die man Betrunkenen an der Bar abnahm indem man sie mit einer Handvoll Kleingeld als Wechselgeld abspeiste. Es ist eine Ruhe, die nicht friedlich, nicht schön und nicht entspannt genossen werden kann. Der tiefe, graue Schleier der betrunkenen Zunge legt sich auf das Gehirn und bald wird man in den komatösen Schlaf fallen und spät mit Kopfschmerzen aufwachen, sich ekelnd vor seiner Exzessivität.

Peinliche Momentaufnahmen fliegen wie Polaroidaufnahmen in das Gedächtnis. Es gibt nur den Filter des Filmrisses, des Zeitverlustes. Das unendliche Verschwimmen von Ereignissen, das ungezügelte Tanzen, die gefilterte Aufnahme von Diskussionsfetzen, das Abweisen von Kontaktaufnahmen. Ein mehliger Brei aus trockenen Kopfschmerzen und dem Bewusstsein seine Filter wieder mutwillig mit Alkohol zerschossen zu haben. Und es ist ein Flucht. Eine Alltagsflucht. Ein kurzes Abenteuer aus Eintrittsgeldern, Taxifahrten und dichtgedrängten Tanzflächen. Bald tritt wieder das Leben in den Raum und Arbeit, Studium und das Wiederholen von alltäglichen Handlungen fesselt. Es brechen wieder die filterlosen Eindrücke in die Gedanken. Es ist das Etwas, was durch die Flucht in die Nacht kurzzeitig reduziert werden konnte.

Tief schlummert der Wunsch nach Oberflächlichkeit.

Es ist die sensible Aufnahme der Umgebung, der Menschen und Handlungen. Die Aufnahme ist fast ungefiltert, nicht ausschaltbar und jede Bewegungungen, nonverbale Äußerungen und Gesprächsfetzen werden wahrgenommen und bewertet. Tausende Schubladen klappern unaufhörlich mit druckvollem Schub. Jede Person auf dem Fußweg erzählt eine kurze Geschichte, ein Leiden oder die Kombination aus Bewegung, Kleidung und Geschwindigkeit. Es ist eine hypersensible Aufnahme. Filter, die viel durchlassen und einen dazu zwingen alles lange abzuwägen. Kurze Entscheidungen gibt es nicht und alles ergibt unendlich neue Verknüpfungen. Tief schlummert der Wunsch nach Oberflächlichkeit, einer reduzierter Aufnahme. Das Denken ist rational, Emotionen haben hochgesattelte Grenzposten zur Eigensicherung. Jedes Gespräch wird auf die Person zugeschnitten und angepasst. Die kleinste Lüge unangenehm erkannt und zum Wohlsein des Gesprächspartners vertieft. Die Sucht nach Harmonie macht einen streituntauglich. Beide Seiten schmerzen einfach zutiefst gleich. Die Empathie lässt einen die Gefühle des anderen miterleben, nachfühlen und sind nicht ausblendbar. Arbeiten werden selbstaufopfernd erledigt. Bloß gefallen, niemanden stören.

Größere Gruppierungen sind anstrengend. Die Reize überfluten nicht, aber alles wird bewertet. Wenn man einen Raum betritt, scannt man jeden, alles. Jede Gefühlslage, Sympathie oder Langeweile zwischen Gesprächspartner wird in Millisekunden auf Schubladen verteilt. Der Raum wird gläsern. Wie sitzt jemand? Welche Bewegung seiner Augen deutet auf Langeweile hin? Gesamtbilder zerfließen zu Gefühlen und jede Person im Raum erzählt eine Geschichte. Tief und erkennbar.

Immer dachte ich, jedem geht es so. Falsch. Dies betrifft viele, aber nicht alle. Durch Zufall stieß ich auf einen Artikel der dies sogenannte HSP beschreibt. Viele weitere kamen dazu. Knapp 10 % der Mitmenschen tragen diese Hypersensibilität angeblich mit sich herum und ich war beruhigt. Das war ich. Ich, der Hypersensible. Vieles machte nun mehr Sinn und es war benannt: Keine Krankheit, kein Syndrom sondern einfach andere Filter, weniger Filter. Vor- und viele Nachteile.

Niemals ungeniert geschäftstüchtig sein ist ein Nachteil. Jemanden finanziell zu benachteiligen würde durch die Empathie zum Leidvollen für einen selbst. Diskussionen, Gespräche, Äußerungen, Bewegungen sind wie hunderte Bildbände und bewegen einen Jahre später immer mal wieder. Sie werden analysiert und immer wieder bewertet und überbewertet. Tausende. Vorteile gibt es auch, wenn auch differenzierter. Man nimmt Lügen wahr und kann sich auf den Gegenüber immer einstellen. Kommunikation wird zur sanften Manipulation und Wissen zum Machtinstrument. Alles Sinnlose gespeichert, ein Allgemeinwissen angehäuft und Interessen wechseln sprunghaft. Einlesen, abspeichern, abgleichen, vernetzen, bewerten, weiterlesen. Wissen wird zum Inhalt und Hobby. Gedanken weitergespielt, abschalten unmöglich. Die Sucht nach Harmonie ist immer gegenwärtig und alles andere verletzt. Koffein und Alkohol sind in wenigen Mengen sofort spürbar.

Alle paar Monate schalte ich dies aus. Ich feiere und es ist mein Ventil. Ich fahre alles herunter und Alkohol betäubt den Geist, legt Schalter um, die mich alles anders sehen lassen. Beschnitten und voller versiebter Filter, ist es ist eine Art Entspannung. Ich nehme die Umwelt gelassen wahr und bin nicht gezwungen alles aufzunehmen. Alkohol baut die Mauer und lässt Unbeschwertheit zu. Exzessivität macht sich breit. Kein Stoppen vor dem Morgengrauen. Meist einer der letzten auf Tanzflächen oder an der Bar. Es ist eine selbstzerstörerische Erholung und eine kurze Flucht. Die Wahrnehmung der Umwelt wird zurückgefahren und trotzdem handele ich kontrolliert. Selbstkontrolle, Sport und gesunde Ernährungsweisen zeichnen mein Leben ansonsten aus, aber Alkohol ist die ekelhafte Entspannung.


Tags: sensibel, alltagsflucht, hsp
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8 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Es ist anstrengend.
    Es ist schwer nachvollziehbar.
    Es ist schwer erklärbar.


    Aber es ist bestimmt auch etwas Gutes.

    29.06.2017, 21:49 von ninchen-lu
    • 0

      Ich hoffe es manchmal. 

      25.07.2017, 18:08 von kysinz
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  • 1

    eine verkannte gabe.

    12.01.2015, 01:17 von mo_chroi
    • 0

      As much as I am blessed, I am cursed.

      26.04.2015, 00:21 von ohsleepr
    • 0

      so isses.

      30.04.2015, 14:42 von mo_chroi
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  • 0

    Realitätsfluchtinstinkt.

    12.01.2015, 00:09 von EliasRafael
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  • 0

    ...ist das so?

    11.01.2015, 22:44 von discoredance
    • 0

      ja, vielleicht.

      13.01.2015, 11:38 von kysinz
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