nebomoreoblaka 13.05.2012, 00:14 Uhr 6 3

Hunger

Du musst nicht magersüchtig oder übergewichtig sein, um eine Essstörung zu haben. Darüber, wie es ist, seinen Körper wissentlich schlecht zu behandeln

Ich will was essen. Will, will, will!
Ich liege im Bett und spüre es ganz genau - mein Bauch ist voll, unangenehm voll. Auf der Seite hängt er gar ein wenig auf die Matratze, und das zu fühlen, aktiviert mein Schamgefühl, mein schlechtes Gewissen, meinen Kopf.
So wird das nie was mit dem Dünnsein! Du hattest genug, mehr als genug! Schau - selbst dein Körper sagt, er hat genug. Du wolltest doch lernen, auf deinen Körper zu hören, oder nicht?

Ich lege mich auf den Rücken, so fühlt man sich immer dünn.

Mein Kopf sagt Nein. Mein Körper sagt Nein. Was ist es dann, das essen will? Die Zunge, die sich nach Geschmack und Würze sehnt? Aber ist es nicht absurd, sich von seiner Zunge beherrschen zu lassen?
Nein, das ist noch etwas anderes. Etwas diffuses, nirgendwo verortbares, viel stärkeres. Wie ein triebhaftes Unterbewusstsein, das, gerade weil es nicht zu fassen und festzunageln ist, so viel Macht geniesst. Es legt den Schalter für das gesamte momentane Daseinsgefühl um, von "satt" auf "hungrig". Und in diesem Modus befinde ich mich fast ununterbrochen.

Wenn ich die Nerven dafür habe, versuche ich zu ergründen, was hinter diesem diffusen Hungergefühl steckt. Dem Hunger, der nicht meinem Magen gehört. Dem Hunger, der, selbst wenn der Magen physisch satt ist, übermächtig und doch für keinen Wissenschaftler dieser Erde messbar ist. Das Gefühl dahinter ist, nein, es fühlt sich an wie Unzufriedenheit, es sagt, nein, es schreit "nicht genug!". "Nicht genug!" mit jeder Faser meines Körpers.
Das Gefühl will sich frei fühlen, will sich geliebt fühlen, will zufrieden sein. Und all diese Wünsche über einem Teller Essen vergessen. Wo ist hier eigentlich noch der Unterschied zu Alkohol und Drogen, wo? Ersatzbefriedigung pur!

Warum ausgerechnet Essen? Warum etwas, dass man einem so ansieht? Ich weiß, da gibt es auch noch anderes in diesen Momenten: der Reflex, zum Telefon zu greifen, Freunde zu treffen, im Internet zu surfen oder Zeitung zu lesen, um sich abzulenken. Essen hilft am besten.

Es sind nicht einmal Süßigkeiten, Fast Food oder Softdrinks. So etwas kaufe ich erst gar nicht, zum Leidwesen meines Freundes, der sich mit seiner eigenen Flasche Cola über Wasser hält. Schon simpleres ist köstlich: Reis mit Eiern und Zwiebeln, Pellkartoffeln und Quark, Schwarzbrot mit Käse und Rettich... Mag es noch so gesund klingen - für etwas Hüftgold reicht es allemal.

Man lacht mich aus. Du bist doch nicht dick!
Und sie haben Recht damit, mein Gewicht liegt immer noch mittig  im Normalbereich, und doch - richtig fühlt es sich nicht an. Jedes störende Kilo stört nicht (nur) deswegen, weil es Werbung, Medien und die üblichen Verdächtigen mir so einreden, sondern, weil es entgegen einem satten, protestierenden Körper angegessen wurde.

Essgestört sind nicht nur die, die ihrem Körper zu wenig Nahrung erlauben und abmagern, oder die, die ihm zuviel gönnen und Übergewicht mit sich herum tragen. Nein, eine Essstörung haben doch auch alle die, die wie ich, aus einem Zwang heraus essen, ohne hungrig zu sein, ob man es uns nun ansieht oder nicht.

Ich weiß, dass es im Leben nicht darum geht, keine Probleme zu haben. Es geht darum, mit Problemen gut umgehen zu können.
Essen ist da eindeutig der falsche Weg, aber etwas besseres fällt mir im Moment auch nicht ein. Und deshalb stehe ich nun doch noch einmal auf, in Richtung Küche, Kühlschrank, schnelles Glück.


Tags: Essstörung, Selbstwertgefühl
3

Diesen Text mochten auch

6 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Frauen machen ihre Probleme mit sich selber aus und so leidet oft der Körper darunter. Man zerfleischt ihn und zerlegt ihn jeden Tag in all seine Bestandteile, nur um dann wieder zu merken, dass sich doch nichts geändert hat.


    13.05.2012, 13:52 von einsiedlerkrebs
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Der Magersüchtige hungert das Gefühl weg, der Esssüchtige schüttet das Gefühl zu..... Es gibt ja auch bulemische Fressüchtige, die dann super dick sind und bleiben... von daher gibt es auch Essstörungen bei Normalgewichtigen.

    Ich kann das was Du schreibst sehr gut nachvollziehen. Man hat ja auch wirklich Hunger - nur halt eigentlich nicht nach Nahrungsmitteln. Und da kommt dann das Thema Kontrolle ins Spiel. Denn auf "Hunger" zu essen gibt einem das Gefühl der Kontrolle, denn das kann man schnell eigentständig beheben. Nur stillt es den eigentlichen Hunger nicht und somit isst man und hat trotzdem Hunger. Und das geht so weiter, bis man hinhört und den wirklichen Hunger stillt mit dem, was ihn sättigt. Aber hinhören ist manchmal schmerzhaft und der Weg zum Kühlschrank so viel einfacher....

    Einen Unterschied zwischen Esssucht, Drogensucht usw. gibt es übrigens gar nicht wirklich. Allen Süchten liegt die gleiche Thematik oder sagen wir das gleiche Schema zu grunde.... man macht damit Gefühl weg und stillt Hunger nach irgendetwas.

    Das schwierige an der Esssucht ist, dass man täglich mit seinem Suchtmittel umgehen muss - man kann es nicht verbannen und sich davon fernhalten.

    Ein befreundeter, trockener Alkoholiker sagte mal: Zum Glück bin ich nur Alkoholiker! .. und ich dachte: WAS? und er meinte, dass es unvorstellbar ist, einem Süchtigen zu sagen: Hier ist Dein Suchtmittel, aber Du musst dosiert damit umgehen!

    13.05.2012, 11:10 von AnderSindInMir
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Essen als Ersatz...
    vielleicht doch mal Hilfe suchen? Wenn dein Kopf sich nur noch um deinen Körper und dein Gewicht dreht (zu viele Kalorien, zu wenig Kalorien, ach scheiß doch drauf...) dann würd ich das nicht mehr als "kleines" Problem ablegen...

    Alles Gute!

    13.05.2012, 09:19 von schnickse
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Einfach geschrieben aber doch recht treffend. Ich denke es geht vielen so.

    13.05.2012, 09:19 von I.am.Fine
    • Kommentar schreiben
  • 0

    so wahr... uy, ich kenne es zu gut... :) 

    13.05.2012, 01:04 von TATELIE
    • Kommentar schreiben
  • Links der Woche #35

    Diesmal u.a. mit dem bestangezogensten Obdachlosen, kiffenden Omas und jeder Menge fotogener Füchse in der Arktis.

  • Die Vorlebestunde

    Millionen Fans verfolgen den Alltag von Youtube-Stars wie einen Blockbuster. Die Heftgeschichte aus der November-Ausgabe lest ihr jetzt auch im Blog.

  • Wie siehst du das, Kathrin Spirk?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen oder Illustratoren. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare