Seifenblasen.im.Kopf 30.06.2011, 19:51 Uhr 0 0

Hundstage

Ich wünschte, diese Geschichte würde positiver ausgehen, aber sie ist leider so offen wie das Maul des tiefschwarzen Hundes.

Heute ist wieder ein schwarzer Tag. Genervt davon, dass überhaupt die Sonne aufgeht, brauche ich eine Stunde, um aufzustehen. Die nehme ich mir gern, der Tag hat es ja auch nicht anders verdient. Ich schaue mich in meinem Zimmer um, es ist genauso unaufgeräumt wie in meinem Kopf. Ich wünschte, ich könnte einfach liegen bleiben und meine schützende Bettenburg niemals verlassen. Gekleidet in eine flauschige Ritterrüstung fordere ich mit meinem Schwert aus Antriebslosigkeit das Leben auf, doch bitte draußen zu warten. Aber nun ja, so einfach ist es eben nicht.

Manchmal beschleicht mich dann ein wachsendes Unbehagen, wenn ich im Bad sehe, dass bald die Zahnpasta wieder alle ist. Mein Herz wird zehn Kilo schwer, weil ich mich der Aufgabe nicht gewachsen sehe, neue einzukaufen. Der Satz „Ich bin dem Leben nicht gewachsen, wie groß ist es überhaupt?“ durchzuckt meine Stirn. An bunten Tagen würde ich darüber schmunzeln, aber heute ist ein schwarzer Tag. Empört, dass ich mir nun auch noch selbst das Leben schwer mache, wische ich mir die aufsteigenden Verzweiflungstränen aus den Augen.

Essen. Ich überlege einen Moment lang. In einem Anflug von Entschiedenheit beschließe ich, dass man einem Auto, das nur in der Garage steht, ja auch nicht täglich drei Mal Sprit nachfüllt. Gute Wahl. Eine weitere Aufgabe, die ich von meiner leeren To do-Liste streichen kann.

Meine Mitbewohner flattern schon seit Stunden wie emsige Bienen durch die Wohnung. Alles, was uns an Tagen wie diesen verbindet, ist wohl mein Gefühl von Honig unter den Füßen.

Das Telefon klingelt, zerschneidet mir die Ohren. In meiner klebrigen Luftblase bewege ich mich immer dem Läuten nach und hebe ab. Ein Strom an Wörtern wird in meine Rippen gerammt. Mir fehlt die Luft zum Atmen. „Aha. Aha.“ Ich habe heute keine Lust zu sprechen. Oh es geht um das Wetter. „Ja, es regnet.“ Na und? Ich erkenne keinen Unterschied zwischen Sonnenschein und Regen. Meine Kategorien sind schwarz und bunt. Das ist alles, was ich wissen muss.

Aus dem Nebenzimmer dröhnt Lachen. Anscheinend ist heute wieder die ganze Welt glücklich. Bis auf mich. Ich weiß natürlich, dass das Quatsch ist, aber daran kann ich jetzt auch nichts ändern. Für einen Moment stelle ich mir vor, wie meine Freunde mit Fischerhaken versuchen, meine Mundwinkel nach oben zu hieven, denn so fühlt sich das an, wenn sie mit ihren Angelschnüren aus Wohlwollen an mir rumziehen.

Das Gegenteil von gut, ist gut gemeint, singt es in meinem Kopf. Dir kann man ja sowieso nichts Recht machen, hat meine Mutter früher an grauen Tagen aus Hilflosigkeit zu mir gesagt. Ja, von mir aus.

Als ich 14 war gab es mal ein Jahr, das in einem schreienden Pechschwarz versank. Ich hatte mich in meinen Gedanken verlaufen, den Ausgang nicht mehr gefunden und täglich gefragt, was der Sinn dieses jämmerlichen Daseins ist. Gefangen ohne Licht. Gelähmt von der Vorstellung, dass es jetzt wieder von vorn los geht, starre ich auf die sich um meine Pulsschlagader schlängelnde Narben. Die Fische meiner Ängste, die so gern in meinen Venen wohnen seit diesem Tag vor vielen Jahren, schnappen mir die restliche Farbe aus meinem Gesicht. Ich will nie wieder, dass es so wird.

Doch der große dunkle Hund fährt schon wieder Fahrrad in meinen Hirnwindungen. Ich wünschte, es gäbe wenigstes Einladungskarten so wie für alle Veranstaltungen, auf die man von vornherein keine Lust hat und man könnte sich aussuchen, ob man an dieser Fahrradtour teilnimmt. Nein danke, kein Interesse, möchte ich sagen. Aber er ist schon unterwegs, walzt meine Lebensfreude platt und rammt die schöne-Augenblick-Maschine, an der ich so lange getüftelt hab. Es wird mich Wochen kosten, um sie wieder zu reparieren. Umso länger ich darüber nachdenke, umso wütender werde ich, dass dieser verdammte Hund einfach machen kann, was er will. Dass er mich immer wieder anstiftet, mit Stelzen am Abgrund entlang zu spazieren. Ich bin müde und mir tun die Augen weh vom Starren in all die Dinge, die ich lieber nicht sehen will.

Ich schlurfe wieder ins Bett. Hier bin ich sicher. Sicher vor den Bergen voller Anforderungen, vor mir selbst, vor dem Leben. Wenn ich schlafe gibt es kein Licht oder Schatten. Nur die Hoffnung, dass morgen wieder ein bunter Tag ist.

Und ich wünschte, diese Geschichte würde positiver ausgehen, aber sie ist leider so offen wie das Maul des tiefschwarzen Hundes.

Gute Nacht.

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