Honigfalle
Du liebst eigentlich alle schönen Frauen. Oder keine.
Du bist ein guter Mann. Kein Schönling, aber auf unaufdringliche Weise gutaussehend, mit diesem kantigen Gesicht, den vollen Lippen, der geraden Nase und einem sympathischen Kranz aus Lachfältchen um die Augenwinkel. Deine Figur ist überdurchschnittlich trainiert, weil du fanatisch bist in deinem Sportverhalten, ein Triathlet, vier Mal die Woche laufen, drei Mal die Woche schwimmen und radeln immer zwischendurch. Dein Beruf leidet eigentlich nicht darunter, auch wenn du nicht viel Wert darauf legst und eher nebenbei arbeitest. Wahrscheinlich wirst du niemals außertariflich aufsteigen, aber du willst das auch gar nicht und verdienst auch so schon gut genug für deinen Geschmack. Du liebst deine Familie, deine vier Schwestern und deine Eltern. Dein Vater ist ziemlich krank, aber das versuchst du zu verdrängen, solange das noch geht, sagst du. Du bist sehr aufmerksam, ein Gentleman, in der senkrechten wie in der waagrechten. Eine Unterhaltung mit dir fällt leicht, du hast Sinn für Humor und kannst auf Gehörtes eingehen. Leicht zu lieben. Ein guter Mann.
Du selbst liebst eigentlich alle schönen Frauen. Oder
eigentlich keine. Du schenkst jeder Frau, die dir gefällt, dieselbe freundliche
aber neutrale Aufmerksamkeit, psychisch wie physisch, und zeichnest somit keine
aus. Du widmest dich jedem Frauenkörper, der deinen ästhetischen Vorstellungen
entspricht, mit akribischer Lust, bist immer voll präsent, hältst nichts von
dir zurück, nimmst aber nichts von deinem Gegenüber auf. Du unterhältst dich
stundenlang mit einer Frau über deine und ihre Familien, sprichst über deine
Wünsche und fragst nach ihren, lässt sie so nahe an dich heran, dass sie beinahe
dein Blut durch ihre Venen pumpen hört.
Doch sie kommt dir dadurch nicht näher und wenn der Augenblick vorüber ist, ist bei dir alles ausgelöscht wie auf einer Zaubertafel. Mit der nächsten Frau führst du dieselben tiefgründigen Gespräche, teilst wieder deine intimsten Gedanken und erforscht ihren Körper mit der gleichen Intensität, doch auch von ihr bleibt bei dir nichts zurück. Denn für dich ist eine Frau wie die andere, ein filigranes Gefäß für deine Lust und deine Gedanken, die sachte in ihr widerhallen. Man könnte sagen, du bist partnerschaftlich maximal unbelastet.
Allerdings führst du eine lebenslange Beziehung mit der Weiblichkeit
selbst, mit der Frau an sich. Diese Beziehung bleibt für dich immer konstant, nur
die Rolle der Frau wird von dir wahllos neu besetzt. Auch ich war für dich eine kurze Weile lang die Personifizierung der Frau.
Eigentlich waren wir von Anfang an ehrlich zueinander. Du willst keine Beziehung, hast du gesagt, und das war gut. Ich wollte nur ein bisschen Spaß, und wieso nicht mit dir, und wieso nicht auch mal außerhalb des Schlafzimmers, ein Gläschen Wein, Kino, Club. Aber hauptsächlich Sex, viel Sex. Nicht zu viel reden, nicht zu viel wissen. Vor allem nicht richtig kennenlernen. Eine nette Affäre. Das war der Plan.
Doch du hast eine Affäre, wie ich sie kenne und auch schätze, unmöglich gemacht. Sex war nicht die Hauptsache bei unseren Treffen, du hast ihn durch dein Verhalten zur schönsten Nebensache verdrängt. Du hast mich hineingezogen in dein Leben und deine Gedanken, hast dich nicht angemessen unverbindlich verhalten und einfach unbemerkt eine intensive Beziehung mit mir begonnen. Nein, nicht mit mir. Nur mit der Frau in mir. Und unwillentlich ist diese trügerische Teilaufmerksamkeit nach und nach tief in meine Poren gedrungen und hat meine eigene Unverbindlichkeit aufgeweicht. Automatisch habe ich auf dich reagiert und bin irgendwann in ein beziehungsähnliches Verhalten gestolpert, in Empfindungen, die mir die Luft abschnüren, die ich im Keim ersticken wollte. Nicht konfus für deine Männlichkeit. Für dich. Weil du dich so verdammt leicht zu lieben machst.
Ich bin in dich hineingetappt wie in eine Honigfalle, zuerst nur mit einem gesunden Appetit, angelockt durch die schöne Farbe und den süßen Duft. Aber dann bin ich an dir klebengeblieben und ich zappel wie verrückt, um wieder loszukommen, während du wahrscheinlich schon die nächste Frau in dein Leben lockst und in deinem Honig ertränkst.
Ich bin nicht wütend, denn ich weiß, dazu habe ich kein Recht.
Du hast ja gesagt, du willst keine Beziehung. Und ich wollte auch keine.
Bis ich sie hatte.



Kommentare
ich mag die art und weise, wie du schreibst. ich seh dich (leider) vor meinem bildlichen augen in einer honigpfütze zappeln.
06.03.2013, 16:53 von InschkiDu sprichst mir aus der Seele!
28.02.2013, 21:30 von SomebodyisinWow- Text! (:
14.02.2013, 21:42 von VonGruenwaldklasse geschrieben. Mann kann sich da richtig hinein fühlen und absolut offen, ohne anzuklagen. super.
13.02.2013, 07:11 von vondaWas ER sagt.
12.02.2013, 23:56 von RAZimEin Athlet in jeder Beziehung
12.02.2013, 22:33 von runner_chIch finde deine Beobachtungsgabe wirklich bemerkenswert. Du bist sehr scharfsinnig ins Detail gegangen. Das mochte ich sehr an dem Text.
...wieso? Läufst du auch immer mit einem Schild durch die Gegend, auf dem steht, wie du bist?
13.02.2013, 10:23 von See_Emm_Why_Kayok, humorbefreite zone. ist ja gut.
13.02.2013, 10:27 von LichtspielBei dir weiss man ja nie so recht... Humor oder Sarkasmus. Wobei das eine das andere nicht ausschliesst
13.02.2013, 10:31 von See_Emm_Why_Kaydie mischung machts.
Jetzt hast du keinen tag um den gesamten Kommentar gesetzt. Er hätte mit "<Ironie>" umschlossen werden müssen
13.02.2013, 10:41 von See_Emm_Why_Kay...die "mischung machts" war ironiefrei.
13.02.2013, 10:44 von Lichtspielder warnhinweis sorgt durch dafür, dass dann nur noch mehr männer ankommen, die dir dann grinsend beweisen wollen, dass sie dich ändern. bis sie dann doch hängen bleiben. tja, ich hab sie gewarnt!
14.04.2013, 19:47 von blindpilotwishesBisschen arg einseitig geschrieben, aber sonst gar nicht so schlecht.
12.02.2013, 18:12 von EliasRafael"Weil du dich so verdammt leicht zu lieben machst."