Hinter ihr
Er ist hinter ihr. Seit sie vor wenigen Minuten aus der Bahn ausgestiegen ist, ist er hinter ihr.
Er ist hinter ihr. Seit sie vor wenigen Minuten aus der Bahn ausgestiegen ist, ist er hinter ihr. Sie bereut, nicht den Weg entlang der Hauptstraße genommen zu haben, sondern die Abkürzung durch diese schlecht beleuchtete und um diese Zeit gar nicht mehr befahrene Straße. Es ist zwei Uhr nachts, dunkel und still. In sehr großen Abständen erhellen schwache Laternen die Dunkelheit. Sie geht mitten auf der Fahrbahn, er schräg hinter ihr auf dem Gehweg. Aus den Augenwinkeln kann sie ihn sehen. Er ist etwas über 30. Lange, dunkle Haare, dunkle Lederklamotten, Cowboystiefel. Er schaut zu ihr herüber. Schnell dreht sie den Kopf weg. Tausend Fälle von Vergewaltigungen und nächtlichen Überfällen fallen ihr ein. Vergeblich versucht sie, sich abzulenken. Versucht, sich einzureden, dass er nur zufällig den gleichen Weg hat. Aber sie kann sich nicht glauben.
An dem schleifenden Geräusch seiner Schuhsohlen auf dem Asphalt hört sie, dass er noch immer dicht hinter ihr ist. Sie verlangsamt ihren Schritt, bleibt schließlich stehen, nestelt an ihrem Schuh. Sie will, dass er an ihr vorbei geht, will ihn vor sich haben, will sehen können, was er tut. Aber auch er ist stehengeblieben, beobachtet sie. Es ist kein Zufall, das weiß sie jetzt, und die Furcht, die sie vorher noch verdrängen wollte, kriecht ihr eiskalt über den Rücken. Sie richtet sich auf und geht weiter, und auch er geht weiter. Das Schleifen seiner harten Sohlen scheint immer lauter zu werden, hallt in der Stille der Straße und verursacht ihr eine Gänsehaut. Vorsichtig sieht sie sich um. Die Häuser sind dunkel, kein Lichtstrahl scheint zwischen den Ritzen der Rollläden hindurch. Ihre Knie fangen an zu zittern. Mit großer Kraftanstrengung hält sie ihren Körper zurück, schneller zu gehen oder gar zu rennen. Sie darf sich nicht anmerken lassen, wie sehr sie sich fürchtet, wie groß ihre Angst ist. Weitergehen, einfach weitergehen. Nicht umdrehen. Weiter, einfach weiter.
Sie erreicht die Hauptstraße, das Schleifen seiner Stiefel immer dicht hinter ihr. Die gut beleuchtete Straße und die Autos, die in regelmäßigen Abständen vorbeifahren, beruhigen sie. Plötzlich wird das Geräusch seiner Stiefel leiser. Vorsichtig dreht sie sich um und sieht gerade noch, wie er in eine Seitenstraße abbiegt. Aufatmen. Erleichterung. Doch nur ein Zufall. Fast beschwingt geht sie weiter. Sie hat es nicht mehr weit. Alles ist gut. Doch da – sie zuckt zusammen. Ihr stockt der Atem, als sie wieder das unverkennbare Geräusch seiner Cowboystiefel hinter sich hört, diesmal lauter und deutlicher als je zuvor. Sie fühlt sich wie gelähmt, unfähig, ihren Schritt auch nur ein kleines Bisschen zu beschleunigen. Sie starrt beim Gehen auf den Boden. Er ist so dicht hinter ihr, dass sie seinen Schatten, den die Straßenlaterne wirft, neben ihrem eigenen sehen kann. Und sie hört ihn, hört seine Schritte. Das Geräusch gellt ihr in den Ohren. Es kommt ihr so vor, als könnte sie nichts anderes hören als dieses Schleifen auf den Steinplatten. Als könnte sie nie wieder etwas anderes hören. Ihr ganzer Körper ist angespannt, sie weiß, dass sie bei der kleinsten Berührung schreien wird. An einem Haus auf der anderen Straßenseite wird ein Rollladen herunter gelassen. Das beruhigt sie, gibt ihr die Sicherheit zu wissen, dass dort noch Menschen wach sind. Menschen, die ihre Schreie hören werden. Menschen, die ihr helfen können. Aber all das ändert nichts. Er ist hinter ihr.
Viel zu früh kramt sie ihren Hausschlüssel aus der Tasche, krallt sich daran fest, so fest, dass sich der Schlüssel schmerzhaft in ihre Handfläche bohrt. Als sie endlich das Haus erreicht, verlangsamen sich auch seine Schritte. Er bleibt stehen, sieht ihr zu, wie sie die Tür aufschließt. Sie spürt seinen Blick in ihrem Rücken, zittert. Beinahe fällt ihr der Schlüssel aus der Hand. Während sie die Tür schließt, schaut sie nicht auf. Sie will ihn nicht ansehen müssen. Erst, als sie hinter sich wieder abgeschlossen hat, fühlt sie sich sicher, die Anspannung löst sich. Sie rennt zum Fenster und schaut durch die Ritzen des Rollladens hinaus. Obwohl sie weiß, dass er sie von draußen nicht sehen kann, versteckt sie sich hinter dem Vorhang. Vom Fenster aus kann man die ganze Straße überblicken. Sie ist vollkommen leer.




Kommentare
auf jeden fall gut geschrieben....bitte um ne fortsetzung oder auflösung
23.06.2011, 01:29 von little_punkprincessist sie schizo oder hat er sich durchs fenster eintritt verschafft!?
spannend
20.06.2011, 23:33 von Gluecksaktivistinmeiner ehemaligen mitbewohnerin ist mal ähnliches passiert, nur dass ihr der typ beim haustüraufschließen an die wäsche gegangen ist......
@Gluecksaktivistin Hat er's ihr dann auch besorgt?
21.06.2011, 13:32 von MoogleDie soll sich mal nicht so anstellen. Wenn sie zu ängstlich ist Nachts alleine durch die Straßen zu laufen, dann soll sie es eben lassen.
20.06.2011, 09:41 von WurstModemZudem hat sie es sich doch insgeheim gewünscht, dass er sie einholt und ihr ein wenig den Abend versüßt!
sehr sehr sehr gut geschrieben. Mein Blutdruck ist auch tatsächlich etwas angestiegen und die Neugier, wie's denn weiter geht, war groß ! :)
17.06.2011, 11:28 von fireflies89fesselnd :)
16.06.2011, 16:32 von DickiIch finds gut geschrieben, das ist irgendwie etwas, was beinahe jedem Mädchen schon passiert ist, da kann man gut mitfühlen.
16.06.2011, 16:14 von I.am.Fine@I.am.Fine Ja, voll.
19.06.2011, 10:49 von Moogle@CiloCalucci hihihi :)
16.06.2011, 15:49 von Faradunanur etwas bleich im gesicht wa!
@CiloCalucci von deinem maulkorb möcht ich gar nicht erst anfangen amigo :P
16.06.2011, 16:11 von FaradunaMerci!
16.06.2011, 15:05 von NealaNich schlecht!
16.06.2011, 14:34 von LenulitschkaErna P. wohnt Parterre... Und hinter'm Vorhang steht ein Herr...
16.06.2011, 14:19 von sailor@sailor Jaaaaahhh, lang nicht mehr gehört
16.06.2011, 14:38 von Stefania2703