bonnie-where-is-clyde 19.01.2012, 15:51 Uhr 44 36

Hide and Seek

Raus aus deiner Wohnung, rein in das Getümmel.

Jeden Abend musst du raus,
raus aus deiner Wohnung,
rein in das Getümmel,
du brauchst laute Musik und Stimmen,
damit du deine Gedanken nicht hörst,
du brauchst Drinks und nette Gesellschaft,
damit du den Schmerz nicht spürst.
Du stellst alles ab, tot, auf off.
Die Leute nennen dich "immer gut drauf"
und du geniesst ihre Worte,
saugst ihre Blicke auf und ihr Lachen,
kannst ohne ihr Bewundern nicht sein.
Manchmal später, dein Tanzen,
gleicht eher einem Schwanken,
aber das stört nicht, im Gegenteil,
deine Freunde lachen
und du fliegst zur Musik im Raum umher,
vergessen, das tust du gern,
verdrängst die Verdrängung.
Du bist wie hinter einer Glasscheibe,
ich schau dich an und versuche,
meine Worte in dich reinzupflanzen,
dich aufzurütteln,
es tut weh dich so taub zu sehen.
Möchtest nicht merken,
dass dein Leben ein einziges Chaos ist.
Rechtfertigst es damit, dass du auf dein Herz hörst.
Dabei hast du einfach Angst vor deinem Kopf.
Impulsentscheidungen, spontan sein,
sagst du, das ist doch schön!
Und deshalb bist du auch immer so fröhlich,
weil du eben geniesst,
die Umstehenden nicken und rühmen dich
für deine positive Einstellung,
erkennen das Wrack hinter all dem Schein nicht.
Oft gehst du dann mit jemandem heim,
oder nimmst diesen jemand mit zu dir,
versuchst das Schlüsselloch zu treffen,
bevor ihr ins Bett taumelt,
hilflose Liebende,
Liebende für eine Nacht.

Am nächsten Morgen,
vor dem graut es dir am meisten.
Nichts hat sich geändert,
höchstens der Körper neben dir.
Du hast Kopfweh, nicht nur von
spendierten Getränken,
sondern von all den auftürmenden Sinneseindrücken.
Sinn…nichts macht für dich Sinn.
Nicht gestern, und nicht jetzt,
und auch nicht das Brauseaspirin.

Weder Gefühle noch Beziehungen,
in welcher Art auch immer,
und vorallem nicht Vertrauen.
Denn vertrauen öffnet und verletzt.
Nichts macht Sinn - am Tag.

Bis zum Abend, wenn du wieder deine Wohnung verlässt,
deinen Mantel überstreifst,
der deine Wunden versteckt.

Raus aus deiner Wohnung,
rein in das Getümmel.

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44 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich komm hiervon nicht weg.
    Dies ist der beste Artikel auf neon.de!

    22.04.2012, 16:19 von FaireLaPaix
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  • 1

    Unbeschreiblich gut! Unbeschreiblich.

    23.01.2012, 17:49 von FaireLaPaix
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  • 0

    außerordentlich gut!

    22.01.2012, 18:51 von trimipramin
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  • 4

    Falsche Zärtlichkeit ist keine gute Nahrung für das kranke Herz.

    22.01.2012, 11:07 von lalina
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  • 0

    Story of my life. Ohne das aufwachen neben unbekannten. 

    22.01.2012, 07:15 von khaoscaroline
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  • 0

    Das wäre als Fließtext besser zu lesen. Ich stolper nämlich sehr oft, aber vielleicht leigt es an mir, an meinem betrunkenem Kopf.

    22.01.2012, 02:58 von AuroraTrullala
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  • 0

    Ist 'Borderline' das neue 'Platz im Leben suchen'?

    Dann hätt ich aber schon viele Borderliner getroffen...

    21.01.2012, 19:08 von sailor
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  • 0

    also....ich habe eigentlich weder auf eine krankheit noch auf ein allgemeines verhalten angespielt, es geht um eine person in meinem freundeskreis.


    21.01.2012, 15:56 von bonnie-where-is-clyde
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  • 2

    ich finde es erschreckend, das hier manche Hobby-Psychologen meinen sich ein Urteil bilden zu müssen. Ihr redet insgeheim von Modeerscheinungn der psychischen Erkrankungen und merkt nicht mal selbst das ihr damit die "Mode" schafft...

    21.01.2012, 15:53 von Luftsprung12
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  • 1

    Die Psychologentitel sind im Sonderangebot. Erstmal zu Penny.

    21.01.2012, 15:38 von zeyjay
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