AnnaEcke 30.11.-0001, 00:00 Uhr 21 26

Herzsteinpflasterwege

Nächtliche Vielleichts

„Es gibt Momente, in denen ich nicht mehr weiß wer ich bin.“

Sie hatte die Worte in die kühle Dunkelheit des Schlafzimmers gesprochen und war nun fast erstaunt, dass die dunklen Schatten des Raums die Wahrheit ihrer Worte nicht zu mildern oder gar zu schlucken vermochten. Mit dem gesprochenen Wort gelangte ihr Gedanke zu mehr Gewicht als ihre bis eben noch gleichmäßige Atmung aushalten wollte. Sie sog unwillkürlich so viel schwarzkalte Luft ein bis sich durch das anschließende Ausatmen ein Geräusch über ihre Lippen drückte, das sich zwischen einem erschöpften Stöhnen und einem bitteren Seufzer zu verheddern schien.

„Vielleicht reicht es manchmal zu wissen, wer man gerne sein möchte.“

Unter der Bettdecke schob sie ihre Hand unter die seine, um dort die Geborgenheit zu finden, die seine Worte ihr bieten wollten. Denn gelegentlich kann eine Hand schweigend den Halt geben, den Worte nicht mehr vermitteln können. Sie war sich stets selbst der stärkste Halt gewesen und trug sich noch viel zu schwer mit dem Vertrauen, das es braucht, um sich halten zu lassen. Doch heute Nacht wog dieses Vertrauen weniger als ihr Gefühl von Verlorenheit.

„Vielleicht weiß ich gar nicht wer ich sein möchte.“

Diesen Einwand hatte sie ohne Bedacht über ihre Lippen schlüpfen lassen - einfach nur, um ihn auf einen eventuellen Wahrheitsgehalt zu erfühlen. Nun hing sie aufmerksam seinem rauen Klang nach, spürte ihre Hand in seiner warm werden und kam zu keinem Ergebnis außer dem, dass sie dringend wieder lernen musste, sich selbst zu wärmen bevor sein Energiespeicher zur Neige gehen könnte.

„Weil du dich eigentlich sehr gerne magst, wenn du nicht gerade mal vergessen hast wer du bist.“

Mit diesen Worten drückte er ihre Hand und brachte ein kleines Lächeln in Richtung ihrer Mundwinkel auf den Weg, den sie wieder einmal bäumchenweise mit Selbstzweifeln gesäumt hatte. Sie wusste, dass er gerne auch für zwei an sie glaubte, wenn sie sich auf der Suche nach den Wurzeln in ihrem Zweifelswald herumtrieb und sich dort zu verlieren drohte. Und sie wusste, dass ihre Bäumchen unweigerlich einen Schatten auch auf sein Herz warfen. Einen Schatten, den sie viel zu oft nicht schnell genug vertrieb, da ihr einfach kein Ort einfallen wollte, der ihn endgültig in Gewahrsam nehmen könnte.

„Danke. Für’s Erinnern.“

„Nicht dafür.“

„Doch. Vor allem dafür.“

Sie verstärkte mit ihrer Schulter kurz den Druckpunkt auf der seinen bevor sie sich auf die linke Seite drehte, um seine Einschlafwärme wie gewohnt im Rücken zu spüren. Vielleicht hatte er Recht. Vielleicht mochte sie sich wirklich. Und vielleicht war es völlig unwichtig, zu wissen wer man gerne sein möchte. Denn vielleicht muss das Wer letztendlich gar keine Rolle spielen, wenn das Wie liebevoll holprige Herzsteinpflasterwege im Kopf verlegt. Vielleicht.

26

Diesen Text mochten auch

21 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    :/schön. aber irgendwie traurig.

    07.02.2009, 11:36 von Blumenbeet
    • Kommentar schreiben
  • 0

    boooah, wie für mich, für heute, für diese uhrzeit geschrieben. Toll.

    28.01.2009, 18:56 von BlondBlauBloed
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    hmmmmmmm, schnurrrrrr.

    01.12.2008, 22:22 von sophietrauer
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Eine echt schöne Momentaufnahme.

    "Diesen Einwand hatte sie ohne Bedacht über ihre Lippen schlüpfen lassen - einfach nur, um ihn auf einen eventuellen Wahrheitsgehalt zu erfühlen."

    Da konnte ich mich dann mal wiederfinden...

    21.11.2008, 12:25 von Dunnagh
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare