Metenpsychosis 13.10.2005, 19:14 Uhr 15 3

Herzleiden, aber psychischer Art

Es ist kurz unser Leben, und dann doch manchmal zu lang. Und es ist sexy unser Leben, und dann doch zu bieder. An wen denkst du in den letzten Sek.?

Ich liege seitlich auf meinem Bett, und spüre deutlich wie mein Herz sich mit Wasser füllt.
Wenn ich mich jetzt nicht umdrehe, oder irgendetwas passiert, läuft die andere Hälfte meines Herzens auch noch voll, und ich ertrinke innerlich. Die Krankenschwester bemerkt mein leiden, und dreht den Schlauch zu meiner Wasserquelle zu. Erst lächelt sie mich an, dann meinen Vater.
Unfassbar, aber die beiden flirten, während ich auf meinem Bett liege und kurz vor dem ertrinken bin.
Sie hat schwarze Haare, die unter einer Haube zusammengeknotet sind, und mit schwarzem Kajal umrandete hellbraune Augen.
Ohne die Schminke sieht sie bestimmt extrem Müde aus, aber wer soll ihr das Übel nehmen in einem Beruf wie diesem?
Mein Vater schiebt unsinnigerweise mein Bett und betrachtet während dessen den Arsch dieser Krankenschwester.
Man kann noch so dünn sein, der Arsch in einem Kostüm wie diesem wirkt immer groß und schwabbelig.
Ich frage mich, ob er sich darüber im klaren ist, oder ob es ihn einfach nicht stört.
Ich bin mir im klaren darüber, wie surreal diese Situation grade ist, und das sie eigentlich mit keinem Funken der Wahrheit entspricht, und schließe deshalb bewusst theatralisch meine Augen und versuche mich an alles zu erinnern, was mir noch Mut zum Leben gibt.
Ich denke da an die Stunden mit der ersten großen Liebe in meinem Leben, und wie wir noch fast unbeholfen zueinander gefunden haben, oder auch nicht.
Liebe war vom ersten Tag an da, aber auch die 350 Km zwischen uns.
Wie er noch fast spielend auf mir lag, zutiefst erregt, und nur mit der Decke zwischen uns.
Wie er leiste stöhnte, wenn man ihn an gewissen Punkten seines Körpers anfasste, heimlich, still und fast leise.
Wir haben's heimlich unter einer Decke gemacht, aber im Grunde wusste es jeder.
Ich denke an das grenzenlose Gefühl von Glückseeligkeit vergangener Sommertage, die man mit Freunden oder Weggefährten und einem kühlen Bier verbracht hat.
An die heiteren Stunden voller Drogen, und wie einfach das Leben in solchen Momenten doch schien.
Doch jetzt grade sterbe ich, und das schon verdammt lange irgendwie.
"Herzleiden" meinte der Arzt, "aber psychischer Natur". Was soll das heißen, Meister?
Ich muss sterben, weil meine Psyche mir das befiehlt? Das ist ein scheiss Deal.
"Du bist alles was ich sein will. Alles was ich brauche. Alles was ich will. Du bist alles für mich- alles" sage ich leise vor mich hin, ohne das ich bemerke, dass ich diese Worte soeben laut ausgesprochen habe.
Mein Vater hört auf das Bett zu schieben, und auch die Krankenschwester lässt ihren Arsch für ein paar Sekunden still stehen, und beide schauen mich verwirrt an.
Ich blicke meinen Vater an, und muss schmuntzeln. Wir sehen uns so ähnlich, und sind doch so verschieden.
"Ich brauche jetzt....." und dann ist es soweit.
Die Fahrt ins unvermeidliche beginnt, die Strecke der allgegenwärtigen Wissenden wird bestritten.
Die Krankenschwester läuft hektisch davon, und ruft irgendwelche biblischen Namen.
Mein Vater guckt nur mich an, und seine Augen verlieren an Glanz. In diesem Moment gehen ihm bestimmt all die Dinge durch den Kopf, an die ich mich so wie so nicht mehr erinnern kann. Ich könnte versuchen mich jetzt an Dinge zu erinnern, die ich mit meinem Vater verbinde, aber um es auf den Punkt zu bringen: Ich sterbe grade, und mein Vater ist mir so ziemlich egal.
Da möchte ich meine letzten Gedanken dann doch an Menschen vergeben, die mir etwas bedeutet haben.
Im Schnellverfahren rattert mein Gehirn alle Menschen aus meiner Lebenslaufbahn druch, und siehe da.
Es war eigentlich nicht anders zu erwartet, und trotzdem überrascht es mich. Er. Nur er. Nicht meine Mutter, nicht meine beste Freundin, und nicht der intelligente Lehrer, den ich immer so bewundert habe. Es ist er, meine erste große Liebe.
Wie viel die Liebe doch ausmachen kann, in unserem kurzen dummen Leben. Es ist unfassbar.
Ich sterbe wegen ihm, und muss dennoch am Ende an ihn denken.
"Bisschen unfair" denke ich mir.
Wenn Frauen ihre Kinder bekommen, dann soll der Mann doch auch immer dabei sein. Wieso also nicht hier?
Immerhin ist er der Grund meines Herzleidens.
Ich will, dass er wenigstens dabei ist, wenn ich draufgehe. Wenigstens jetzt.
Hätte ich noch genugend Kraft und die Möglichkeiten diesen Gedankenzug verbal auszudrücken, wäre vielleicht alles anders gekommen. Wäre, hätte, würde. Ist aber nicht.
Ich sterbe also, mit meinem Vater über mir, der mich mit leeren Augen anguckt, mit einer Krankenschwester an meinen Füßen, die sich jetzt schon in Gedanken zurecht legt, welche Reizwäsche sie für das Date mit meinem Dad tragen wird, in einem Krankenhaus das nicht hätte hässlicher sein können, und einer Krankheit, die es eigentlich gar nicht gibt.
Herzleiden, aber psychischer Art.
Hättest du mich nur niemals so verletzt, erste große Liebe in meinem Leben.
Hätte, wäre, würde. Ist aber so.

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15 Antworten

Kommentare

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    Hey.
    Es gibt die Meinung, die du versuchst dir einzureden, an die du glaubst weil du hoffst et wird wahr tralala und dann noch dit, wat dein Herz dazu sachst.
    Also, ick glaube schon fest daran, dass Zeit alle Wunden heilt.
    Ist so.
    Standartsprüche wie:
    Wenn du denkst es geht nich mehr kommt irgendwo ein Lichtlein her/// Zeit heilt alle Wunden /// Wenn du ne Nacht drüber schläfst, sieht die Welt wieder ganz anders aus.
    Die Frage ist nur, in welchem Maßstab sie dir weiterhelfen.
    Zeit heilt alle Wunden bedeutet nicht, dass keine Narben zurück bleiben..
    Ick glaube dir mehr als allet andere auf der Welt, dass du selbst nach drei Jahren noch immer diesen stechenden Schmerz in deiner Brust spürst.
    Ick glaube auch nicht, dass der jemals weggehen wird, sorry.
    Wenn dein Geist bzw. dein Herz sich einma an eine Sache geklammert hat, dann isset passiert.
    Schön, wenn et Menschen gibt die mit solchen Sachen von heute auf morgen abschließen können, aber et gibt halt solche und solche ne?
    Von daher,..
    Akzeptier einfach, dass sich dit nie ändern wird.
    Vielleicht triffste ja doch irgendwann auf jemand neuet, wo du dir sachst "jo, also hier hätte ick tatsächlich eventuell nochma Lust et zu probieren"

    Aber wie ein Meister der Musik schon einst sagte:
    "In fact: We're all gonna die alone."

    Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Attentat.
    Also Kopf hoch, you're not left alone in this world.

    02.03.2006, 00:17 von Metenpsychosis
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    @metenspychosis:
    du sagst die zeit heilt alle wunden, aber glaubst du nicht auch, dass es unfälle gibt, die so tiefe wunden hinterlassen das sie vielleicht nie wirklich verheilen?
    wer versichert mir, dass es mehr ist als eine dünne schicht haut, die jeden moment wieder einreissen kann, dass ich es wirklich geschafft habe? ich habe wunden die bereits seit drei jahren geschlossen sind. aber warum merke ich dann manchmal wie es mich juckt, wie meine haut spannt?

    19.02.2006, 15:23 von calzifera
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    verdammt zutreffender text...sehr gut nachzuvollziehen wenn man sich selbst schonmal in soeiner situation wiedergefunden hat.
    ich denke dass einzige was hilft, ist eine neue liebe.

    22.01.2006, 11:42 von haerzschn
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    zum Sterben schön – ganz ehrlich! Grüße und gute Besserung für’s kranke Herz…

    13.11.2005, 02:08 von madmachine
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    Wundervoll geschrieben über ein nicht weniger herzzerreißendes Thema.........
    Toll, dass du noch die Energie hast, deine Enttäuschung auszudrücken und nicht schon längst neben dem gebrochenen Herzen auch kopftot bist. ich sollte mir ein Beispiel an dir nehmen....

    10.11.2005, 17:06 von nannidance
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    Moinsen!
    Vielen Dank erst einmal für die Kommentare und entschuldigung für die paar Rechtschreib und Groß- und Kleinschreibfehler. Dieser Text war die grobe Form, doch habe ich vergessen die aditierte Version hochzuladen. Noch ein Grund mehr mich zu freuen, dass es euch dem Anschein nach trotzdem gefällt.
    @Justitia:
    Vielleicht muss man los lassen.. Ich denke, dass "vielleicht" sollte man aus diesem Satz streichen, denn es ist ein Faktum. Jeder Mensch, der jemals etwas um sich herum hatte, dass er geliebt hat oder sehr mochte weiß, dass man niemals loslassen will. Niemals. Aufgrund der schönen Vergangenheit, der erlebten Zeit, aber auch aus Angst vor der Zukunft. Jeder weiß es, der es schon einstig erlebte. Doch sollte auch jeder wissen, dass die Zeit alle Wunden heilt. Manchmal muss man in das kalte Wasser springen, monatelang vor sich hinleiden und innerlich jeden Tag aufs neue sterben, um an dem Tag X aufstehen zu können und zu wissen, dass es im Nachhinein einfach besser war.
    [Das grade ich diese Worte sage ist einfach nur ein Beweis dafür, dass die Theorie grundsätzlich leichter ist, als die Realität]
    Sich selbst eingestehen, dass man verloren hat ist gar nicht das Problem. Es zu akzeptieren wohl eher...
    @rosa_rot:
    Ich glaube nicht, dass man jemals richtig loslassen kann. Nichts und niemanden. Einmal in dir drin, bleibt es dort. Natürlich, es schwächt ab und reduziert sich evtl. auf ein Minimales, aber verschwinden wird es niemals.
    Aber danke für die aufrichtigen, mutzusprechenden Worte.
    Kommt Zeit, kommt Rat..
    @Cariad:
    Ja. Wie soll man die Zukunft erreichen, wenn die Vergangenheit einen wie einen Sklaven gefangen hält bzw. man sich selbst nicht aus dem Keller heraustraut?!
    Das Problem ist wohl, dass ich keine neue ZUkunft will. Ich will unsere gemeinse Vergangenheit, und das grade jene zur Zuknuft wird. Aber lassen wir das komplett, sonst gehen wir uns in uferlosen Gefässern baden.
    Du hast sehr Recht mit dem Sahnehäuptchen. Immer wenn es scheisse kommt, kommt es noch beschisseneer, ABER mann kann sich IMMER gewiss sein, dass nach einem Tief ein verflucht gutes Hoch kommt.
    Ich denke, weil die Menschen grade diese Tatsache wissen, leben sie auch unverfroren weiter. Das ist der Schlüssel zur unendlichen Macht der Menschheit.
    @Steal:
    .....
    Wenn man sich aussuchen könnte, wen man liebt, wen man hasst, wen man verurteilt und vergöttert,.. wenn man sich aussuchen könnte, wer einen zu lieben hat, wer einen zu hassen und wer einen verurteilen soll.,..
    Kann man das?
    Nein.
    Liebe ist immer dort anzutreffen, wo man es nicht erwartet, so auch hier.
    Wenn es nach meinem Verstand gehen würde, würde ich nicht eine Sekunde zögern und ihn aus meinem Herzen streichen. Ein Mensch, der einem so viel Leid bereitet, es selbst aber gar nicht so weiß, ist hart zu tragen. Aber was soll man groß machen?
    Mein Herz ist vernarrt, und meine Lungen können nur atmen, wenn ich weiß, dass seine es auch tun.
    Am Ende dieser Welt werden wir uns alle umdrehen und das letzte was wir sehen werden sind die Menschen, die dann nicht da sind um sich zu verabschieden.
    Schlussstrich.
    Ja!
    Sofort!
    UNBEDINGT!
    Aber nicht, wenn es noch Hoffnung gibt... Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. [Bemerkt hier irgend jemand, dass ich Tipps gebe, selbst aber nichts auf die Reihe bekomme?]
    @Kleiner_Prinz:
    Ich denke, bei dir muss man nicht viel dazu sagen.. "ich verstehe" u know?!. Alles GUte dir, und wenn sich die Chance ermöglicht wiege ab, ob du kämpfen willst für die Chance auf eine glorreiche Zukunft, oder grade nicht.
    Fight for your right to feel loved.
    An all die anderen:
    Danke für eure KOmmentare.
    Ich weiß jeden einzelnen zu schätzen.
    Dank!

    08.11.2005, 13:52 von Metenpsychosis
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    danke für den text,sehr schön geschrieben!
    ansonsten kann ich mich justitia anschließen und du bist nicht die einzige deren herz schon ertrunken ist...und keine rettung in sicht.

    08.11.2005, 11:28 von rObOtSaTeMyGrAnDma
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    Wie ich das Gefühl des überlaufenden Herzens doch kenne. Gestern hat sich mein Engel von mir getrennt. Er sei sich nicht sicher ob er mich noch liebt. Die Gefühle sind nicht mehr wie damals. Es sei besser die Beziehung zu beenden, auch wenn er damit den größten Fehler seines Lebens begehe.

    Es tut so verdammt weh. Warum nur?

    07.11.2005, 19:53 von kleiner_prinz
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    An die Autorin
    Niemand der dich im Stich lässt, darf dir so sehr am Herzen liegen, das war er und ist es nicht wert.
    Diese beschriebene Erfahrung macht man einmal im Leben und lernt draus, vielleicht muss sowas ja auch sein.
    Aber jetzt steh auf und zieh nen Schlussstrich mit dem.
    Ich wünsche dir gute Besserung.

    06.11.2005, 12:15 von Steal
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