Herz & Kopf
Und das Roulette des Leben dreht sich...
Woody Allen sagte mal "Das Schwierigste im Leben ist, Herz und Kopf dazu zu bringen, zusammenzuarbeiten. In meinem Fall verkehren sie noch nicht mal auf freundschaftlicher Basis." Ein weiser Mann, zumindest empfinde ich das gerade so. Er schafft es mit Stil und gewissem Humor zu sagen, was ich gerade fühle. Hut ab.
Wie geht das Leben weiter, wenn einem der Lebenstraum genommen wird? Was tun, wenn der Verstand alle eingehenden Informationen als stimmig und richtig einordnet und das Herz sich wild gegen alle Vernunft auflehnt und schreit. Wenn das Gedankenkarussell sich nachts immer schneller dreht und man hofft, dass auch diese Nacht bald zu Ende geht, damit man sich wieder mit seiner langweiligen Arbeit ablenken kann. Wie weit ist es gekommen, wenn statussymptom-beladene Kollegen eine willkommene Ablenkung von der Rebellion des Herzens darstellen? Alles steht auf dem Spiel. Der Einsatz steht. Rien ne va plus. Ein Traum war der Einsatz. Ein Traum von einem Leben, der innerhalb von Sekunden explodiert ist. Nichts wird so, wie es war. Nichts wird so, wie man es sich gewünscht hat. Jede Faser meines Herzens zieht sich zusammen. Hadert. Hadert mit dem Schicksal, oder wie immer man das auch nennen mag. Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen – im Guten, wie im Schlechten. Reicht es nicht irgendwann auch mal.
Die erste Nacht nach dem Tag X hab ich mich zu meiner besten Freundin geschleppt, eine der wichtigsten Frauen in meinem Leben. Eine, die man zu jeder (un-)möglichen Tages- & Nachtzeit anrufen kann. Eine, die im Ernstfall immer Prosecco kalt stehen hat und sich die Zeit nimmt, diese mit allen Begleiterscheinungen zu leeren. Eine, die mich in den Arm nimmt, weil für sie die Umarmung der Anfang aller Unterhaltungen ist. Eine Umarmung ist geben und nehmen zugleich, deshalb ist sie so wichtig - und symbolisch für eine gute Beziehung, sagt sie immer.
Sie erwartet mich, ich hab schon vorher ins Handy geheult, dass ich sie brauche. Als die 2. Flasche halb leer war und die Nacht am dunkelsten hatte sich mein Verstand so weit zusammen genommen, dass er zumindest mal bereit ist, nicht nur meine herzensbedingt eingeengte Sicht der Dinge zu sehen, sondern auch die rationale Seite. Immerhin. Ich verstehe, was passiert ist. Ich fange an zu begreifen. Mein Herz weint immer noch. Es schreit hysterisch und verlangt nach der Erfüllung seines Wunsches. Unseres Wunsches.
Die darauf folgende Woche verkrieche ich mich bei Mama. Raus aus der eigenen Routine, weg von alle dem. Ich möchte nicht reden, nicht denken, nicht fühlen. Mama weiß auch so, wie es mir geht. Sie ist mit mir traurig, aber sie appelliert auch an meine Kraft, an meine Stärke. Sie selbst hat mich gelehrt, an mich zu glauben. Dieser Glaube ist so gering wie selten zuvor in meinem Leben. Nach den ersten verkrochenen Tagen zieht sie mich aus meinem Schneckenhaus. Sie möchte mir zeigen, wie schön das Leben ist. Widerwillig lasse ich es zu, dass sie mich wieder ans Tageslicht bringt. Mein Verstand steht still. Mein Herz schlägt. Mein Traum ist tot. Wie soll ich damit umgehen? Aber ich lache, ich trinke Wein, ich gehe shoppen. Als ob nichts wäre.
Nach einer Woche kehre ich zurück in meine eigenen 4 Wände. In meine Welt. Ich werde erwartet, von dem Mann den ich liebe. Den Mann, mit dem ich zusammen träumen wollte. Einen Traum, den es nicht mehr gibt. Er hat gezittert, ob ich zurückkomme. Und er ist erleichtert und nimmt mich in die Arme. Flüstert mir ins Ohr, wie sehr er mich vermisst hat. Ich kann mich nicht freuen. Ich fühl mich leer. Nach einer weiteren Woche Fremdbespaßung und Reanimierungsaktionen meiner Freundin und meines Mannes fühl ich mich zumindest in der Lage wieder zu arbeiten. Ich versuche alle mitleidigen Blicke zu meiden und vor allem die Fragen, wie es mir geht. Es geht mir scheiße, möchte ich allen ins Gesicht schreien, die mich trotzdem fragen. Falls es dich überhaupt wirklich interessiert, tut nicht so als ob! Geht mir doch alle aus dem Weg. Aber ich lächle und sage, danke, wieder besser. Und bin erleichtert, dass keiner nachfragt, was ich denn hatte. Einen Zusammenbruch, das würde es wohl für Außenstehende am besten beschreiben.
Wie viel Zeit ist seit diesem Tag vergangen? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich seit dem jeden einzelnen Tag überlebt habe. Ich stelle Fragen. Ich habe Szenarien im Kopf. Was wäre wenn? Wie geht es weiter? Ich stehe auf, ich mach mich fertig für die Arbeit. Ich bin 10 Stunden weg, arbeiten. Ich komme heim, wir erledigen Haushalt, Einkauf, Leergut. Was man halt so tut als Paar. Er wirbt um mich. Er nimmt mich oft in den Arm. Das tut gut. Mein Herz flattert. Es lebt also noch.
Mein Verstand sagt mir: Sei froh, es gibt so viele Menschen, die das nicht haben, was du hast. Einen Mann, der dich liebt. Einen Job. Eine tolle Familie, die immer da ist. Freunde, echte Freunde. Ein Dach über’m Kopf. Gesundheit lässt mein Verstand wohlweislich aus. Da war ich wohl grade woanders, als die Extraportion verteilt wurde. Es reicht für ein Minimum. Für ein: es könnte Schlimmer sein. Aber mein Herz hält dagegen: Ach halt die Klappe, Kopf! Ist es denn zuviel verlangt, dass man auch mal das kriegt, was man sich wünscht und was man verdient hat? Hab ich kein Recht einmal im Leben nicht um etwas kämpfen zu müssen… Sie will doch nur, was andere auch haben! Verdammt noch mal.
Ich lieg im Bett. Werde Zeuge des Kampfes von Herz und Kopf. Faites vos jeux. Die Einsätze sind gemacht. Rien ne va plus… Wer wird gewinnen…?




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