N0ra 02.11.2007, 19:39 Uhr 34 9

Heimweh.

Ich leide. Immer wenn ich verreise.

*
Ich verreise nicht gerne. Wirklich nicht, denn sobald ich mich für längere Zeit von meinem gewohntem Umfeld, meinem Zuhause, meinem Nest, entferne, desto mehr zieht sich ein Gefühl der Beklommenheit um mein Herz. Von dort scheint es seinen direkten Weg zu meinem Gedankenzentrum zu finden, denn sobald ich meine Wohnung für längere Zeit zurücklasse – ob nun freiwillig oder gezwungenermaßen – denke ich an mein Zuhause, an all das Schöne und Warme, was ich zurückließ. Ich bekomme Heimweh. Ich leide.

Es ist nicht die Sorge, dass das Haus abbrennen könnte oder es meinen Tierchen schlecht geht. Für Letztere ist bestens gesorgt und meine Wohnung wird bewohnt sein. Diese Beklommenheit und das permanente Kreisen um den Weg zurück haben eine andere Ursache.

Mit 28 Jahren wird man dafür belächelt. Es wirkt wie eine kindliche aus dem Hut gezauberte Ausrede um sich vor Reisen zu drücken, Motivlage unklar. „Das wächst sich schon aus.“, dachte ich lange. Aber heute bin ich mir sicher: Es ist eine Art Schicksal und ich bin damit nicht alleine. Es ist nicht schlimm, es ist nur gut zu wissen, dass es dafür einen Namen gibt.

Die Definition der „Schweizer Krankheit“ erklärt, warum Heimweh nicht bloß seltsames Verlangen nach dem Zuhause darstellt, sondern führt auch aus, dass es sich um ein ernsthaftes Leiden im Sinne einer psychischen Erkrankung handelt. Die Sehnsucht nach Geborgenheit durch das vertraute Umfeld ist so übermächtig, dass sich ein Leidensdruck aufbaut, der angeblich zum Tode führen kann.

Bald werde ich wieder verreisen, denn ich versuche es nun zu bekämpfen. Das Heimweh. Ich werde nach Hamburg und Wien fliegen. Ich plane Reisen fürs nächste Jahr. Drei-/Viertagesreisen vorerst. Maastricht, Mailand, Berlin und was sich noch anbieten wird. Bereits im Zug werde ich mich wohl schon wieder wie das kleine Mädchen fühlen, das in den Ferien zur Mutter fuhr und sich dort fremd fühlte.

Ich stelle mir den winterlichen Zauber des Weihnachtsmarkes am Schloss Schönbrunn vor und male mir ein Geborgenheit schenkendes Umfeld aus. Ich möchte es schaffen, denn es gibt so viel Schönes, was auf mich wartet. Ich möchte an der Alster stehen und auf dem Riesenrad in Wien sein ohne zu leiden. Zuhause sein, das kommt wieder. Es ist kein Abschied für immer. Doch morgens werfe ich immer noch mal einen Blick zurück in meine Wohnung. Der letzte Blick hat etwas sich verabschiedendes inne."Wichtige Links zu diesem Text"
Schweizer Krankheit.

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34 Antworten

Kommentare

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    nur das gefühl, wenn man erst mal wieder zu hause ist und die familie und freunde wieder trifft, ist großartig.

    23.11.2007, 01:15 von NeonBlond
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    kenne ich nicht. ich kenne eher zerreißendes fernweh.

    23.11.2007, 01:14 von NeonBlond
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    jaaa! kenne ich. (ich heiße übrigens auch nora)
    ich bin bald fertig mit der schule und würde so gern nach kanada gehen und dort ein jahr bleiben und reisen. die angst vor der entgültigkeit der entscheidung und dem heimweh lässt mich allerdings zweifeln.
    dabei frage ich mich: ist nicht gerade das vielleicht die richtige enscheidung und wird mich "heilen" und stark machen?
    ich glaub ich machs.

    18.11.2007, 13:26 von norisponk
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      @norisponk Was hältst du an deiner Entscheidung für endgültig, norisponk?

      20.11.2007, 14:06 von abc
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    huch..ich wusste nicht, dass das Heimweh auch eine Krankheit sein kann...ich kenne dieses Gefühl glücklicherweise (?) so gut wie gar nicht. ständig und immer unterwegs...
    finds toll, dass du versuchst dagegen anzukämpfen. wünsche dir auf jeden fall ganz viel kraft!!!!

    16.11.2007, 20:23 von Alatariel
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      @Alatariel Dankeschön : )

      16.11.2007, 20:25 von N0ra
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    Ach weißt du, ich versteh dich. Mir geht's genauso. Es ist ein denkbar uncooles Gefühl in einem doch sehr coolen Umfeld. Alle scheint die Sehnsucht zu packen. Australien, Indien, Südamerika.
    Auch mich reizt die Welt "theoretisch", praktisch aber möchte ich einfach nur nach Hause, egal wie faszinierend eine mit Händen und Füßen geführte Unterhaltung in einer fremden Stadt auch sein mag.
    Wie interessant es sein kann, fremde Städte zu entdecken und zu bemerken, dass man wirklich überall schon irgendwie zurecht kommen kann. All die neuen Gesichter und Plätze und Mentalitäten sind durchaus reizvoll.
    Aber mit toll offenen und weltgewandten Sprüchen wie "Home is where your heart is" und "Wherever he laid his head was his home" und was es da sonst noch alles gibt lässt sich Heimweh nicht vertreiben.
    Vielen ist das Gefühl unerklärlich und sicherlich niemand wird dich dafür bewundern.
    Zu sehr klingt es nach Engstirnigkeit, nach Heimatfilm, nach urdeutsch.
    Und niemand, außer vielleicht amerikanische Countrysongs, wird das Gefühl gutheißen.
    Ich selbst habe es akzeptiert. Denn mir bleibt auch nichts anderes übrig. Jetzt, wo alte Freunde in der Welt verteilt leben, wo wir uns für Beruf und Beziehung eigentlich auf alles einlassen sollen/müssen, verordne ich mir ab und an ein paar Reisen. Ich weiß, dass das Heimweh immer mitreisen wird.
    Ich weine mich nicht mehr in den Schlaf wie in den Kinderferienprogrammen damals, aber eine gewisse Beklemmung kann ich einfach niemals ablegen.
    Mir selbst auferlegte Auslandssemester und Rucksacktouren haben daran nichts geändert.

    Was man darüber denkt ist mir in erster Linie wurscht.
    Trotzdem bin ich einfach ganz froh, dass du hier zugegeben hast dass es dir ähnlich geht.

    Denn das gibt wohl niemand wirklich gerne zu...

    16.11.2007, 12:22 von Munda
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      @Munda Ich werde selten verstanden, wenn ich sage, ich verreise nicht gerne, verbringe meinen Urlaub gerne da wo ich sein mag - zuhause. Vielleicht wird es irgendwann einmal besser. Es ging ja auch mal mit weniger emotionalen Komplikationen ... Bleib mutig : )

      16.11.2007, 20:30 von N0ra
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      @[Benutzer gelöscht] Ich glaube wir wissen von Vielem nichts. Und das mag manchmal auch gut sein , )

      16.11.2007, 20:26 von N0ra
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      @[Benutzer gelöscht] Somit willst du die Kommentierungen empfehlen?

      16.11.2007, 07:34 von N0ra
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      @[Benutzer gelöscht] Dann danke ich für deine bescheidene Anerkennung!

      16.11.2007, 21:22 von N0ra
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    ich glaube auch zu wissen wovon du sprichst... schön beschrieben !

    14.11.2007, 12:54 von woofer2k
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    also wenn du in wien bist, besuch unbedingt den christkindlmarkt spittelberg (beim museumsquartier, im 7. bezirk) - der ist viel netter als der in schönbrunn und nicht so touristisch ;) - da wirst dich sicher gleich ganz heimelig fühlen und nach ein paar gläsern punsch ist das heimweh ganz weg :)))

    14.11.2007, 11:24 von Enigami
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    Meinst du gibt es denn sowas auch im umgekehrten Sinn? Ich liebe zwar Geborgenheit und mein eigenes Nest, wo auch immer ich es mir aufbaue, doch sobald ich das für ein paar Wochen erlebt habe, sehne ich mich nach etwas Anderem und mit stets mit dem Momentanem unzufrieden bzw. bin ich Gedanken schon gar nicht mehr da.

    13.11.2007, 20:20 von and-why
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