LiLiLoewe 30.11.-0001, 00:00 Uhr 3 21

Heimweh

Meistens hab ich Heimweh, wenn ich unter vielen Menschen bin, wenn die Menschen in Massen und ich deshalb einsam bin.

Meistens hab ich Heimweh, wenn ich unter vielen Menschen bin, wenn die Menschen in Massen und ich deshalb einsam bin. Fremde Städte und fremde Leben, und Schnelllebigkeit im Sommer zu erleben, da fällt es leichter. Doch nach dem Sommer wird es schwerer, weil man Angst haben muss, dass die Kälte des Winters übers Gemüt hereinbricht. Weil Straßen sich füllen mit verhüllten Gesichtern, um vor Kälte zu schützen. Augen kleben am Boden. Kein Paar davon sieht dich. Anonymität lebt nicht, sie entgeistert nur kläglich alle die an ihr rütteln, alle die hoffen aus ihrer Identität goldene Äpfel von Bäumen zu schütteln, die in dieser Straße doch nicht stehen. In dieser Straße ragen Ampeln und Werbetafelgesichter, in perfekter Schönheit in grün, orange, rotes Licht getunkt. Ein Wagen fährt vor. Das Fenster fährt runter. Die Damen entschwindet der eisigen Kälte, zum Preis ihres Körpers, sich schwitzend zu dampfenden Brechreiz erhitzend, ist sie die wahre Meisterin ihre Seele in geistiger Wonne vorm Körper zu schützen. Die Rücklichter des Wagens verschwinden ins Dunkle von Straßenlaternenalleen gesäumt. Die Szene beendet, nur eine von vielen, die durch diesen Großstadtwinterabend treibt

Also denk ich mich raus, aus dieser Straße, für Maschinen und niemals für Menschen gemacht und finde mich wieder im lebenden Zentrum, an einer kleineren Ecke dieser großen Stadt. Durch kahle Baum Hallen huschen dunkle Gestalten in Mäntel und Tücher und Hüte gepackt, manche einzeln und suchend,  andere Hand in Hand, schwelgend in heilsamen Körperkontakt. Sie wollen ins Theater, zu Freunde, ins Kino, friedvoll, oftmals in Pärchengestalt und würd es jetzt noch Schneien und dazu schöne Lichter, zeichnet diese Szene Kitsch in Adventskalendermotiv Gestalt.

Ich bin allein hier, weil ich nicht lange genug bleibe, damit mich hier jemand kennt. Weil in mir die Sehnsucht zu gehen stets mit dem Wunsch zu bleiben um die Wette rennt. Wenn ich hier bin will ich dort sein, und dort angekommen treibts mich bald noch weiter fort. Und dann will ich nachhause, wo ich das was ich verlassen habe aber nun nicht mehr vorfind, weil ich selbst wieder eine andere bin, weil jeder mich sieht als die, die eh bald wieder geht, als die, die sich nicht festlegen kann, nicht auf den Job, die Beziehung oder einen allgemeinen Lebensplan. Zuhause bin ich die, die auf die man sich nicht verlassen kann. Dabei will ich einmal die sein, die Kuchen backen, Geschichten erzählen und Kinderkleidung nähen kann, die ohne den Familienhund nicht mehr leben kann, die so viel Heim in sich trägt, dass sie das Wort Heimweh nicht mehr verstehen kann.

Dann hol ich mir Frieden in deinem Bett, weil ich weiß, dass ich hier für einen Moment kein Heimweh mehr hab. Doch hier kann ich nicht bleiben, und das willst du auch nicht. Du hast diesen Lebensplan und der beinhaltet mich nicht. Und weil ich mich zu viel sorge, weil es in dieser Welt wirklich viel zu tun gibt und weil man deshalb, stark sein und sich einsetzen und Courage zeigen muss, rückt Familienidyll für mich nicht in den Mittelpunkt, sondern in den Hintergrund. Auch wenn das jetzt nach Ausrede klingt.

Obwohl ich also weiß, dass das Zuhause nur die Menschen sind, lasse ich euch mit den besten Wünschen und Liebesbezeugungen beim nächsten Versuch auch wieder zurück und vertrau auf den Wind, der meine Welt dann irgendwann in die richtige Richtung verrückt.

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3 Antworten

Kommentare

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  • 1

    man wird regelrecht in den text hineingezogen - richtig gut!

    10.04.2015, 14:12 von LindaHonig
    • 0

      Danke!!

      28.04.2015, 14:09 von LiLiLoewe
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  • 1

    sehr bekannt!

    06.02.2015, 13:29 von HNA_H
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