Hannes.
Süße Sünden.
*Rums! Machte es und alles was ihm durch den Kopf schoss waren die Bilder der in rot-grünes Papier eingewickelten Sahnebonbons, die er von seiner Urgroßmutter bekam, wenn er früher dort am Wochenende Mensch ärgere dich nicht spielte. Um Geld in der Küche. Seine Urgroßmutter Marie hatte eine alte Medikamentendose aus weißem Plastik mit schmalem Schraubverschluss, in der sie routiniert Zehnpfennigstücke sammelte, ebenso wie sein Urgroßvater. Zehnpfennigstücke dachte er. Was sie nun alles nicht mehr sahen, was sie alles miterlebt haben mussten.
Etwas benommen rappelte er sich auf und nahm nun erst den modrigen Mief war, der ihn umgab. Etwas feucht-fauliges, das sich wie eine Pilzschicht auf seine Haut zu legen drohte. Wie benommen stützte er sich an der ihm nah gelegenen Wand ab, doch zugleich zog er seine Hand wieder nah an seinen Körper, vergrub sie im Stoff seiner Hosentasche. Ekel hatte ihn ergriffen, als er die schleimige Steinschicht berührt hatte. Wo war er? Warum dachte er ausgerechnet jetzt und hier an seine Urgroßeltern?
Hannes sah sich um, versuchte im trüben Dämmerlicht zu erfassen wo er war. Doch die Schemen, die er wahrnahm, und auch dieser widerliche Geruch, machten keinen Sinn für ihn. Er konnte nicht erfassen, wo er war. Was sich schlagartig änderte, als er nach oben blickte. Nach oben. Ins Licht. Was war das? Ein kreisrundes Licht meterhoch über seinem Kopf? Ihm wurde mulmig als er begriff, dass er sich am Boden eines Steinbrunnens befand. Wie war er hier her gelangt? Hannes strömten Fragen über Fragen in seinen Kopf, die sich begannen mit Bildern seiner Urgroßeltern zu mischen. Es war ein regelrechtes Verquirlen von Vergangenheit und Gegenwart in seinem Kopf.
Sich vorsichtig an der glitschigen Steinmauerung entlangtastend versuchte Hannes festzustellen, wie beengt es hier unten war, er tastete nach einem Strick, einer Leiter, ... Es war hilflos. Er befand sich am Grund dieses miesen Brunnens und wusste nichts. Nicht wie er hier rein geraten war, nicht, wie er hier wieder raus kommen konnte. Panik! Hannes wurde klar, dass er nicht bloß alleine war sondern auch ohne jegliche Möglichkeit diesen Ort des Grauens wieder zu verlassen. Er begann zu brüllen. Direkt. Keine zaghaften Mitteilungsversuchte. Nackte Angst klang aus seinen Rufen. Er blickte nach oben und schrie. Schrie alles mögliche, wollte nur eines: Raus!
Irrte er sich? Irritiert schaute er erneut nach links oben. Ein Hoffnungsschimmer regte sich in ihm. Er nahm ein Gesicht wahr. Hannes brüllte lauter denn zuvor nach Errettung. Bis es ihm den Atem verschlug. Das konnte unmöglich wahr sein, was er sah. Hannes sah kein Gesicht. Wenigstens kein menschliches. Hannes sah das Antlitz von Rabea. Rabea die Lieblingspuppe der Urgroßmutter Marie. Er schloss ganz fest die Augen und blickte dann erneut nach oben. Er nahm ein höhnisches Lachen wahr. Das konnte nicht wahr sein. Er befand sich aus heiterem Himmel am Boden eines Steinbrunnens und über ihm grinste Rabea ihr diabolisches Grinsen.
Er musste träumen. Dies war die einzig logische Erklärung durchfuhr es Hannes. Er musste träumen, sagte er sich, immer und immer wieder. Bis er das quietschende Geräusch vernahm. Das wenige Hell im Inneren des Brunnens schwand und sein nach oben gerichteter Blick vertiefte das Grauen und die Panik in ihm. Rabea zog ein Brett über den Brunnenrand. Verzweifelt rief er nun ihren Namen. Einen Puppennamen rufen? Was blieb ihm übrig? Das höhnische Gelächter schwoll an und Hannes spürte die Genugtuung in der Stimme als er Rabea ausrufen hörte: Erinnerst du dich?
Hannes erinnerte sich: Er hatte Rabea diese widerlichen süß-klebrigen Sahnebonbons mit Erdbeercremefüllung ins schön frisierte Puppenhaar geschmiert. Nicht bloß einmal. Hannes gefror das Blut in den Adern. Hannes wusste: Nun war der Tag der Abrechnung gekommen. Noch während der letzten Strahlen Helligkeit, die verzweifelt versuchten das Brunneninnere zu erleuchten, liefen ihm die ersten Tränen über die roten Wangen. Dies war sein Ende.




Kommentare
Ach wie herrlich. =)
02.03.2008, 21:23 von kleinepiratinja, nicht schlecht. bin ein wenig stolz auf dich, norali. :D
16.02.2008, 15:18 von PDK@PDK uii, mon tigre!
16.02.2008, 15:19 von N0raGänsehaut...
16.02.2008, 14:09 von Jasper@Jasper hihi : )
16.02.2008, 14:10 von N0raWurde Rabea nicht auch mal von Uromas Katze gekratzt? ;)
16.02.2008, 13:42 von Kwenda.Mzuri@Kwenda.Mzuri Meinst du, die Katze ist auch im Brunnen? Oh Gott!
16.02.2008, 14:46 von N0rafindsch subba!!!
16.02.2008, 12:42 von KlausTrophobieFinde ich gut sich auf das "hier und jetzt" der Geschichte zu konzentrieren, Anstatt eine Abhandlung über den Transport Hannes' in den Brunnen (K.O. Tropfen, Schubkarren oder Chucky als Verstärkung, Hannes bricht sich nichts beim Sturz..) :-)
16.02.2008, 12:04 von amuserUnd es zeigt sich die alte Wahrheit, unten ist's, wo die Demut lauert.
Was steckt in deinem Brunnen Nora?
@amuser Wie wahr, wie wahr.
16.02.2008, 12:09 von N0raWas in meinem Brunnen steckt? Dieses Outing würde euch freuen, gell? Nenen, dieses Geheimnis hüte ich.
@[Benutzer gelöscht] Habe mich vom Meister des skurilen Kuscheltierhorrors inspirieren lassen , p
16.02.2008, 11:37 von N0ra