Melliteratur 30.11.-0001, 00:00 Uhr 18 47

Haltestelle: Grau

Ein Klinikaufenthalt. Nicht, dass du hier nicht erkannt werden möchtest, aber du möchtest einfach nicht erkannt werden.

Du wolltest nicht an diesen Ort. Das Haus gefällt dir nicht. Dein Zimmer magst du nicht, du kommst dir fremd darin vor. Und dann dieser Shuttlebus zum Bahnhof. Shuttlebusse mochtest du noch nie. Die sind doch immer voll und irgendwie gar nicht anonym. Nicht, dass du hier nicht erkannt werden möchtest, aber du möchtest einfach nicht erkannt werden.

Eigentlich würdest du sehr gern alle um dich herum kennen, für die Nachbarn da sein, ihnen zu Weihnachten Plätzchen backen und im Urlaub die Pflanzen gießen. Doch in Wahrheit scheust du dich davor, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Dein Anstand zwingt dich gerade so zu einem Hallo!, aber bitte bloß kein Wie gehts? mit über die Lippen bringen. Und wenn der Postbote mit einem Paket bei dir klingelt, öffnest du nicht. Dabei wäre es doch so einfach. So einfach, die Tür zu öffnen, zu unterschreiben und dem Nachbarn am Abend seine Post zu bringen. Aber du öffnest nicht. Weder dem Postboten, noch einem Nachbarn, noch dich.

Dieser Tag ist grau. Das magst du. Nicht, weil dir das Grau gefällt, sondern, weil es hierher passt, an diesen Ort, es harmonisiert mit der Umgebung und wenn etwas harmonisch ist, ist es gut. Grau zu grau. Das Einzige, was du in diesem Haus magst, ist der große Tisch im Gemeinschaftsraum. So einen wolltest du schon immer haben. Natürlich lieber in einem Esszimmer, einem großen, hellen, schönen Raum, mit Blick in den Garten, wo die Kinder ins Baumhaus klettern und die Gartenkräuter auf der Veranda wachsen. Ein großer, einfacher Tisch, unbehandeltes, dunkles Holz. Ein Tisch für Abende mit Freunden. Ein Tisch für das Familienessen. Ein Tisch für euch zwei. Ein Tisch für dich allein. Da sitzt du nun. An deinem Tisch, in einem grauen Raum, in dem grauen Haus, an einem grauen Tag mit grauen Gedanken.

Du denkst an dein Zuhause, wo du an einem solchen Tisch darauf warten würdest, den Deckel der Bodumkanne runterzudrücken, um endlich den heißen Kaffee in deinen Becher mit Sojamilch zu füllen. Du würdest wahrscheinlich gern eine Zigarette rauchen, aber du magst es nicht, wenn alles nach Rauch riecht, da ist dir der angenehme Kaffeeduft viel lieber. Außerdem ist es doch so schrecklich ungesund. Also würdest du dich disziplinieren und nicht die Schachtel mit den langen, dünnen Zigaretten aus der Schublade holen, sondern ein Toast in den Toaster stecken. Es nieselt draußen. Ganz leicht. Dir ist etwas kühl, obwohl du einen seidenen Morgenmantel über deinem Nachthemd trägst und dicke Wollsocken dazu. Die Füße dürfen nicht kalt werden, das hat Mama schon immer gesagt und auch verschiedenste Ärzte, die du oft wegen Blasen- oder Nierenentzündungen aufsuchen musstest. Also dicke Wollsocken zum dünnen Kleid. Du findest das schön. Irgendwie gemütlich. Manchmal denkst du daran, dass dein Mann das vielleicht unattraktiv finden könnte und dann möchtest du lieber barfuß rumlaufen, weil du deine Füße schön findest, aber mit den Erinnerungen an die schmerzvollen Krämpfe ist das Thema Barfußlaufen schnell abgehakt. Das ist was für den warmen, leichten Sommer. Doch die restliche Zeit musst du damit klar kommen, gemütlich statt sexy auszusehen. Sojamilchkaffe. Das ist eine Gemeinsamkeit. Zwischen ihm und dir. Wie vieles andere. Und du weißt nicht wieso, aber es schmeckt immer besser, wenn er den Kaffee macht. Ob er das weiß? Deine Gedanken verschwimmen mit der Geborgenheitsillusion und bringen dich zurück in  die kalte Realität.

Dein Toast ist schon kalt, kann nicht endlich mal jemand ein Brot erfinden, dass man toastet und das bis zum letzten Bissen angenehm heiß bleibt? So wie Cornflakes oder Müsli, das bis zum letzten Löffel knusprig bleibt, egal wie lange die Flocken in der Milch schwimmen. Trotzdem willst du dein Toast essen, das lenkt immerhin ab, von dem Wunsch nach einer Zigarette, dem Bedürfnis, deinen Kopf gegen die Wand zu schlagen und den Träumen der letzten Nacht. Kirschkonfitüre. Ein schlechter Kompromiss, aber etwas anderes ist nicht da. Kaltes Kirschtoast. Nicht besonders gut. Du hättest lieber die fruchtige, süße, selbtgemachte Erdbeermarmelade von deiner Mama. Auf einem großen, fluffigen Croissant, die dein Papa immer vom Bäcker aus eurem Dorf geholt hat. Da würdest du jetzt gern reinbeißen. In die Familienidylle im Garten der Sommerferien. Warme, weiche Luft, der Geruch von Bäumen und süßer Marmelade und Leichtigkeit. Ich glaube, da war ich glücklich, sagst du dir und die Bilder an den köstlichen Morgen verschwinden wieder aus deinem Kopf.

Dein Kopf schmerzt. Dir tut alles weh, so wie du am Tisch sitzt, auf einem harten Stuhl ohne Kissen, die Schienbeine gegen die Tischkante gedrückt, das Kinn auf die Knie gestüzt, den einen Arm, deine Beine umschlingend, den anderen auf dem Tisch, mit den Fingern den Kaffebecher umklammernd, ist das auch kein Wunder. Wie ein Häufchen Elend hockst du da. Und so fühlst du dich auch. Du weißt, wenn du dich gleich aufrichtest, um aus dem Fenster zu sehen, wird dir alles weh tun und dann fragst du dich wieder, warum du so lang dermaßen unbequem dasitzt, wenn du doch weißt, wie schmerzhaft das ist. Und. Warum du weiterhin alles grau malst, wenn du doch nicht hierher gehören willst.


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18 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Vielleicht denunziere ich mich selbst.

      04.02.2014, 09:22 von Melliteratur
  • 0

    Außer "Warum du weiterhin alles grau malst, wenn du doch nicht hierher gehören willst."  finde ich das Ende eher schwach.

    30.01.2014, 22:19 von Gedanken.art
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  • 1

    Mögen. Es fällt mir schwer deinen grauen Text nicht zu mögen. Sind die Stilmittel doch sehr sympathisch. Auch wenn das Ende etwas die aufgebaute Stimmung abflacht. Das Ende muss nicht immer der Höhepunkt sein. Somit.. Bleibt es bei mögen. Sehr, wenn ich ehrlich bin.

    30.01.2014, 19:38 von IngloriousMind
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  • 1

    Hmja, ansehnlich! ;o)

    30.01.2014, 19:20 von Justus
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  • 3

    Ich werde das komische Gefühl nicht los, dass die Wörter Sojamilchkaffee und Kirschkonfitüre sinnbildlich für Mann und Familie stehen. Sozusagen die Lichtblicke der grauen Zellen.  

    Sojamilchkaffe. Kirschkonfitüre. Und. Sie selbst? Wenn sie nur nicht alles grau sehen würde. 

    Ist zwar nur Gedankenspinnerei, aber das muss ein Text auch erst einmal schaffen. Schönes Ding.

    30.01.2014, 19:12 von Henry.Kafur
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  • 3

    na! da hab ich ja drauf gewartet, dass der auf'e Startseite kommt.

    30.01.2014, 18:26 von Tora
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  • 1

    Das Toastbrot und der Toast, aber nicht das Toast.

    Hier wird mir auch ein bisschen zu häufig vom Toast erzählt. Mich persönlich nervt das ein bisschen.


    Ansonsten fängt der Text toll an, hat ein paar wirklich schöne Stellen mit viel Atmosphäre, aber ab der Mitte wird's immer zäher und langweiliger. Da hab ich mich dann nur noch durchgequält.

    28.01.2014, 11:49 von Pixie_Destructo
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  • 2

    Gefällt mir sehr!! =) Vor allem das Ende. Leg den Stift weg und schnapp dir endlich Buntstifte

    28.01.2014, 11:07 von Loewe_C
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