PDK 31.05.2009, 16:12 Uhr 0 1

Haller und sein Chef

Ich lege ein Puzzle. Du verstehst?

Ich kann nicht sagen, wie lange ich einfach so da auf dem weißen Sofa saß und vor mich hin starrte. Es war wie eine vollständige Betäubung. Ich fühlte nichts mehr. Fühlte mich nicht mehr. Irgendwie hing das alles mit diesem Telefonat zusammen und mit den kurzen Erinnerungssplittern, die während diesem Telefonat in mir auf- und verglüht waren wie die bunten Blumen von Feuerwerksraketen, die – ebenso wie meine Erinnerungssplitter – nur kurz erstrahlen um dann gleich wieder zu vergehen. Nur die Erinnerung an ihr kurzes Leben bleibt zurück und vielleicht ist es gerade die Vergänglichkeit, die diesen bunten Feuerblüten ihre ganz eigene Schönheit verleiht. In mir blieben nur die Erinnerungen an Erinnerungen zurück. Ihre Schatten könnte man sagen. Ihre Schatten oder Abbilder. Und von draußen vor dem Fenster schaute die Nacht hinein.

Nachdem ich mich wieder ein wenig beruhigt hatte, begann ich die viertausend Puzzlestücke unter dem niedrigen Couchtisch hervorzuholen und in diesen herumzuwühlen. Es war beruhigend diese vielen kleinen Stückchen mit ihren Ein- und Ausbuchtungen in die Hände zu nehmen, sie zu befühlen, mal eine ganze Hand hochzuheben und langsam durch die halbgeöffneten Finger rieseln zu lassen. Nach und nach machte ich das mit allen viertausend Puzzlestücken. Das ganze auseinadergerissene Bild ließ ich durch meine Finger rinnen. Neuschwanstein in der Abendsonne...

Nachdem ich sicher war, auch wirklich jedes einzelne zumindest einmal in Händen gehalten zu haben, begann ich die viertausend Puzzlestücke nach und nach zu ordnen. Ich hatte mir da verschieden Kategorien zurechtgelegt, nach denen ich vorging. Zuallererst waren da natürlich die Ecken und Kanten, dann jene Puzzlestücke, auf denen der Farbe nach zu urteilen nur Himmel zu sehen war, solche, die unzweifelhaft zu dem vieltürmigen, unecht- mittelalterlichen Schloss gehörten, solche, die in verschiedenen Schattierungen grün waren, diese wieder unterteilt in Vorder- und Hintergrund anhand der auf den Stücken zu erkennenden Textur oder deren Fehlen, eine Gruppe mit solchen Puzzlestücken, auf denen sich die Farben mischten, also grün mit blau, blau mit dunklem grau und weiß und so weiter. Letztendlich war der ganze Couchtisch mit verschieden großen Haufen von Puzzlestücken umlagert. Das Ganze sah reichlich seltsam aus, fand ich, aber so musste ich es angehen, so hatte ich es automatisch angefangen. Während ich die obere Kante – jene, die nur aus blauen, aus Himmelskantenstücken bestand – zusammenzulegen begann, vergegenwärtigte ich mir noch einmal dieses seltsame Telefonat, dass ich geführt hatte, und versuchte mich all der kleinen Erinnerungssplitter zu entsinnen, die mir während diesem Gespräch im Kopf herumgegangen waren.

- Was tust du da Balthasar?
- Ich lege ein Puzzle. Du verstehst?

„Haller..“
„Haller, sind sie das?“
Ich kannte die Stimme. Ich erinnerte mich an sie.
„Ja?“
Kurz sah ich ein Gesicht vor mir. Ein breites, rundes Gesicht ohne Kinn, darin zwei kleine, graue Augen unter schmalen Brauen, eine fleischige Nase, Fettwülste am Halsansatz, die sich unschön über einen weißen Kragen wölbten, oben abgeschlossen mit einer spiegelglatten Glatze. Im schmalen Mund saß eine dicke Zigarre.
„Endlich erreiche ich sie, Haller. Wo haben sie sich denn rumgetrieben?“
Ein Büro. Undeutlich. Ein Schreibtisch. Ein Fenster.
„Ich...“
„Hören sie Haller, ich bin nicht an irgendwelchen Ausflüchten interessiert...“
Ein Hof oder Gelände, Lastwagen, Menschen, Hallen.
„Aber...“
„Nichts da Haller. Wo verdammt noch mal waren sie?“
Eine fleischige Hand mit einem breiten, goldenen Ring. Ein Handschlag. Im Hintergrund Maschinenlärm.
„Ich...“
„Ist ja auch ganz egal. Aber so geht das nicht weiter, Haller. Wenigstens von den beiden Aufträgen hätten sie uns schließlich in Kenntnis setzen können. Was denken sie sich nur?“
Immer noch kein Name. Weder zu dem Gesicht noch zu dem Gelände.
„So hören sie...“
„Nein Haller. Es reicht. Sie wissen ja: ich persönlich habe sie immer sehr gemocht, habe große Stücke auf sie gehalten, aber ihr Verhalten in der letzten Zeit... also... also dazu fällt einem doch wirklich nichts mehr ein!“
Ein Gebäude wie ein Container. Ich davor. In Anzug und mit dem schwarzen Koffer unterm Arm.
„So lassen sie mich doch...“
„Ach was, Haller... zum Glück haben uns die Kunden ihre Aufträge gefaxt. Wissen sie eigentlich, was das für Probleme gemacht hat, das wir nichts davon wussten? Können sie sich das vorstellen? Natürlich... die Aufträge sind lukrativ. Und groß. Dafür beglückwünsche ich sie, aber was, frage ich sie, was wäre gewesen, wenn wir nicht hätten liefern können, weil sie, Sie!, uns nichts davon gesagt haben? So krank kann man doch wohl nicht sein...“

Ich sitze in einem kleinen Büro, hinter mir ein Fenster, auf meinem Schreibtisch fliegen eine Menge Papiere herum.

„Ich...“
„Nein Haller. Sagen sie nichts.... also... es tut mir wirklich leid, aber wir müssen sie entlassen. So. Das wars. Ihren Lohn bekommen sie noch für drei Monate ausgezahlt. Und eine kleine Provision für die beiden Aufträge gibt’s auch noch. Tut mir wirklich Leid, Haller. Habe sie immer gemocht. Aber das wissen sie ja.“
Eine junge Frau kommt in mein Büro. Sie lacht. Trägt ein dunkelblaues Kostüm.
„Aber ich...“
„Ach ja. Das hätte ich jetzt fast vergessen. Sie brauchen auch gar nicht mehr hier herkommen. Der Boss will sie nicht sehen. Unter keinen Umständen. Tut mir echt Leid. Das müssen sie mir schon glauben, aber so... aber so kann man sich doch einfach nicht verhalten. Erst die Verspätungen. Und jetzt das... So. Das wars. Habe sie immer gemocht Haller...“
Ein halbvoller Parkplatz. Ich steige in mein Auto. Starte den Motor. Fahre weg. Industriegebiet.
„Sie...“
„...Auf Wiedersehen Haller.“

- Sind das die Erinnerungen, auf die du so gehofft hast, Balthasar?
Ich hoffe nicht... Ich hoffe nicht.

So. Das wars. Das war das Telefongespräch, dass mich betäubt mit meinen Puzzle zurückließ, dieses Gespräch mit dieser Stimmer, zu der sich in mir dieses Gesicht gesellt hatte. Und noch etwas: ich für meinen Teil hoffte, dass ich diesen Mann hinter der Stimme, dieses fleischige Gesicht, diese Hand mit dem Ring, dass ich Ihn nie gemocht hatte.

Die Himmelkantenpuzzleseite hatte ich fertig und überlegte, was nun zu tun sei, also ob ich hier, an meinem Couchtisch, sitzen bleiben und nach und nach die viertausend Puzzlestücke zu dem vollständigen Bild zusammenfügen sollte, was mir, wie mir schnell bewusst wurde, unter keinen Umständen gelingen würde, ob ich – das Beste zuletzt – endlich die Schiebetür öffnen sollte, auf die und das was hinter ihr liegen würde ich genau so sehr hoffte, wie ich mich davor fürchtete, denn da, hinter dieser Tür, diesem letzten so offensichtlich ungelöstem Geheimnis meiner Wohnung, musste, ja: musste sich doch alles befinden, was ich, was dieser Balthasar, der ich war, in all den Jahren seines Lebens an Persönlichem zusammengetragen hatte.

Das Problem war nur: was wäre, wenn da nichts zu finden sein würde? Und weil ich nicht wusste, nicht wissen konnte, was mich dort, hinter eben jener Tür, erwarten mochte, schreckte ich doch schon die ganze Zeit über immer wieder davor zurück, diese Schiebetür zu öffnen und betrog mich selbst mit meinem mir selbst immer wieder vorgetragenem Diktum: das Beste zuletzt. Und das ich bei meiner ganzen restlichen Haussuchung aber auch wirklich nichts, gar nichts gefunden hatte, keine Photos oder Briefe oder sonst irgendetwas, von dem man behaupten könnte, das es persönlicher Natur sei, das es mir offensichtlich etwas bedeutet hatte oder das es auf irgendeine Art und Weise Erinnerungen, zusammenhängende Erinnerungen in mir ausgelöst hätte, erleichterte es mir nicht gerade, diese Aufgabe in Angriff zu nehmen.

Ich war mir sicher, dass ich nicht die Kraft haben würde, mich diesem letzten Zimmer jetzt, nach diesem Gespräch, nach dem Puzzeln und meiner Betäubung zu stellen, und so beschloss ich, meine Wohnung, diese paar sterilen Räume, die mich mit jeder Stunde, die ich in ihnen verbrachte, mehr und mehr anzuekeln begannen, und das gerade erst angefangene Puzzle, diese unendliche Anzahl von viertausend Puzzlestücken, erst einmal zu verlassen und hinauszugehen. Wohin? Ich wusste es selber nicht. Einfach nur raus. Raus in die Nacht. Das war es, was ich brauchte. Hoffte ich zumindest.

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