Grausame Nähe
Du machst mich so geil, Baby“, stöhnst du in mein Ohr. Und ich versuche tapfer zu lächeln, während ich weine vor Schmerzen. Denn ich liebe dich.
Bete inständig, dass du mich dieses Mal nicht wieder verletzt. Ich weiß, wie unangenehm es dir ist, wenn es passiert. Dass ich dir dann das Gefühl gebe, ich hätte keinen Spaß dabei gehabt, ich mich nicht ausreichend auf dich eingestellt habe. Denn ich muss gut sein. Aufregend, spannend, verboten. Sonst würde es ja keinen Unterschied machen und es gäbe keinen Grund für dich, mich wieder zu sehen. Mich gern zu haben.
Alles ist schief gelaufen, von Anfang an. Alles ging so rasend schnell, in unserer ersten „Nacht“, in dem kahlen, dunklen, kalten Raum, nur mit einem Schreibtisch und einem Stuhl ausgestattet. Kann deine Hände immer noch spüren, auf meinem Bauch, dieses unbekannte, völlig aufregende Gefühl, bin voller Spannung, als ich beginne, deinen Körper zu ertasten. Dann höre ich nur noch das Klicken deiner Gürtelschnalle, spüre deinen hastigen, harten Griff, mit dem du mich auf die Schreibtischplatte drückst und gleich darauf dich. Wie ein Messerstich aus dem Hinterhalt, der mich so überrascht trifft, dass ich nicht mal mehr atmen kann. Geschweige denn, etwas sagen. Wie betäubt liege ich da, für Sekunden unfähig auch nur einen Gedanken zu fassen.
„Du fühlst dich so gut an“, raunst du mit gepresster Stimme in meine Richtung, während deine Hände sich noch tiefer in meine Hüfte graben, du noch einige Male auf mich einstichst und anschließend auf mir fallen lässt. Du zitterst am ganzen Leib und ich schlinge meine Arme ganz fest um dich. „Lebst du noch?“, fragst du scherzhaft, nachdem ich immer noch keinen Laut von mir gebe und ich fange hemmungslos an zu weinen. Du bist bestürzt, erschrocken, überrascht. Wiegst mich eine halbe Ewigkeit in deinen Armen, hältst mich fest, wie ein Vater seine kleine Tochter, die sich die Knie aufgeschürft hat. Deine Tochter, die könnte ich durchaus sein. Und ein Kind bin ich ebenfalls noch, gerade mal 17 Jahre alt. Flüsterst immer wieder, dass es dir leid tut, dass du mir nicht wehtun wolltest. Und setzt damit ein Gefühlsparadoxum sonders gleichen frei. Eins, welches mir zum Verhängnis wird. Denn ich werde lange Zeit nicht erkennen, dass du mir Schmerzen zufügst, mich erniedrigst. Ich werde mich lediglich an deine Zärtlichkeit und Nähe danach erinnern, die von Mal zu Mal schwinden wird. Nach der ich umso mehr verzweifelt suchen werde.
Findest Gefallen daran, dass ich alles daran setze, um dir in dieser Hinsicht zu gefallen, mich deinen Wünschen und Neigungen quasi willenlos unterwerfe, weißt genau, dass mich deine „gute Benotung“ darüber hinwegtröstet, dass ich meinen Wunsch nach eigenem Gefallen, eigenen aufregenden Empfindungen, deiner Befriedigung zuliebe hinten an stelle. Ein wahrlich leichtes Spiel für dich, denn du erkennst schnell, dass ich meinen eigenen Wert nach der Beurteilung anderer bemesse. Ich bin glücklich, wenn du es bist. Zumindest solange, wie wir noch nebeneinander im Auto sitzen, du mir mit der Hand durch das Gesicht streichst und sagst: „Du warst heute wieder großartig.“
Siehst nie, wie ich innerlich zusammen klappe, nachdem du mich an dem verlassenen Marktplatz mitten in der Nacht absetzt und ich klein und schäbig in mich zusammengekauert auf die erste Bahn warte.
Weißt genau, dass du meinen Wunsch nach mehr im Keim erstickst, wenn du dich nur lange genug nicht bei mir meldest. Dass ich völlig ausgehungert nach dem bisschen Nähe sofort springe, wenn du mich bestellst. Voller Freude und Dankbarkeit. Wie ein Junkie sauge ich jede liebevolle Berührung, jede Umarmung, jeden netten Blick von dir auf und immer schneller verfliegt der Rausch, die Entzugserscheinungen werden von Mal zu Mal heftiger. Für immer weniger Nähe prostituiere ich mich aufs Erbärmlichste.
Nach 20 Monaten setzt du mir den goldenen Schuss. In dem kleinen, schäbigen Hotelzimmer, welches ich angemietet habe, damit wir es mal so richtig nett haben. Bezahlt von dem kleinen Lehrlingsgehalt, ebenso wie die sündhaft teure Unterwäsche, von der du immer sagtest, dass ich darin besonders aufregend aussehen würde. Die du einfach so zerreißt, wie du es mit meinem Inneren schon lange getan hast. Schreist mich an, als ich anfange zu weinen, doch ich kann diese Tränen nicht mehr zurückhalten, nicht heimlich aus den Augenwinkeln wischen. Klammere mich an dir fest, als du gehen willst. Flehe dich an zu bleiben. Sage dir, dass ich dich liebe, zum ersten Mal. Und spüre deinen Handrücken voller Wucht in meinem Gesicht.
Ich bin ganz still, als du das Zimmer verlässt. Ohne, dass du mich getröstet hast. Und beginne meinen ersten Entzug.
Meine Drogenkarriere wird erst knapp 10 Jahre später enden. Es gab anderen, härteren Stoff als dich, du warst nur der erste Joint. Der, der mein unglaubliches Suchtpotential nach Nähe entfacht hat.
Es ist verdammt lange her, dass ich an dich gedacht habe. Es war nur ein entferntes Schnuppern in den letzten beiden zweieinhalb Stunden. Und alleine dieser weit entfernte Geruch lässt mir den Kopf schwirren. Auf so unangenehme Art und Weise, dass ich auf dem Absatz kehr mache.




Kommentare
wunderbar geschrieben, traurig aber wahr...respekt und DANK
20.09.2007, 17:03 von lilla-lenaWahnsinn. Für den Text ein WOW...
16.07.2007, 14:50 von estrejaAlle Kraft der Welt für Dich!
Auch wenns eigentlich eine traurige Geschichte ist is es echt ne super gute story und klasse geschrieben.
13.07.2007, 18:27 von Nisha_212Straight forward und das Abhaengigskeitgefuehl super ruebergebracht.
Wuerde mich interreieren was der "angesprochene" dazu zu sagen wuerde wenn er es lesen wuerde.
Ich glaube nicht,
08.03.2007, 07:23 von Zauberformeldass er ihr was Gutes getan hat,
außer das er weg ist.
Was soll man dazu sagen?
09.02.2007, 17:30 von ocb_slimWer bisher noch keine Angst vor Frauen hatte, hat sie jetzt.
05.02.2007, 18:28 von groovejunkeesprachlos
05.02.2007, 13:24 von Miss_Satansbraten