Glitzernde Schatten
Eine 'theatralische' Momentaufnahme
Das Licht ist kalt. Es verzeiht nichts. Keine Falte, keine noch so kleine Unebenheit. Die Poren sind deutlich zu sehen, trotz der dicken Schicht Make-Up. Sie blickt in den Spiegel. Ernst. Entschlossen.
Die falschen Wimpern umrahmen ihre zu kleinen Augen. Darunter liegen Schatten. Dunkle, unerbittliche Schatten. Das Ergebnis der letzten Jahre. Sie verzieht ihren Mund. Seufzt. Steht auf.
Am Schrank hängt ihr Kleid. Schwarze Pailletten verlaufen vom Ärmel bis zum Saum, sie glitzern unnatürlich im Neonlicht. Am Kleiderbügel ist ein Schild mit ihrem Namen angebracht. Ein Name, den Jeder kennt. Sie seufzt.
Sie hätte es nicht tun sollen. Das weiß sie jetzt. Aber es ist zu spät. . Sie war nicht allein. Es fühlte sich gut an. Irgendwie. Machtvoll, stark, erhaben. Die Bestätigung der anderen war Genugtuung. Dabei wollte sie Niemandem schaden. Oder doch?
Das Mädchen war einfach zu jung. Noch nicht bereit für die Bühne. Und es war zu beliebt. Das ist hier nicht gut. Mit sowas macht man sich keine Freunde. Nicht in den eigenen Reihen. Die Kleine hätte es wissen müssen. Doch sie wusste es nicht.
Sicher, ihre Stimme war in Ordnung. Noch nicht reif, aber gut. Und das Kind war hübsch. Zu hübsch. Sie passte nicht hierhin. Sie war anders als die anderen. Noch voller Ellan, voller Freude und Motivation. Sie hing an den Lippen der Regisseure wie an denen eines Geliebten. Stellte überflüssige Fragen. Und war sich für nichts zu schade. Armes Ding.
Seit 15 Jahren ist sie nun hier. Abend für Abend, Tag für Tag. Man schaut zu ihr auf. Hofiert sie. Und spielt ihr Spiel. Sie entscheidet, wer akzeptiert wird. Wenn sie Jemanden nicht mag, wird er gemieden. Geschnitten. Ausgegrenzt. Viele hielten dem nicht Stand und verschwanden im Laufe der Zeit. Einer nach dem anderen ging. Nur wenige blieben, schafften es gar in ihre Liga. Diese Auserwählten kürt sie zu Verbündeten, erschafft ihre eigene, verschworene Gemeinschaft. Eine dunkle Gemeinschaft. Genährt durch Neid, Missgunst und dem Streben nach Aufmerksamkeit. Hinter vorgehaltener Hand nennt man sie 'Die schwarzen Jungfern'. Berechnend. Entschlossen. Kalt. Eine unausgesprochene Instanz, der man Respekt entgegenbringt. Vielleicht aus Angst. Oder Bewunderung.
Sie hielt den Druck nicht aus. Ob sie wusste, dass das, was passierte, nicht ihr eigenes Verschulden war? Das verschwundene Kleid, die ausgefallene Vorpremiere oder der ungesicherte Seilzug? Vermutlich ahnte sie es. Gesprochen hat die Kleine darüber nie. Hätte sie vielleicht tun sollen. Der Abend, als sie nach einem Gastspiel den Ensemblebus verpasste und am nächsten Tag zu spät zur Probe kam. Sie entschuldigte sich. Und schwieg. Armes, dummes Ding.
Ihre Füße gleiten in die schwarzen Bühnenschuhe. Vorsichtig legt sie sich die falsche Brilliantkette um den Hals. Schaut in den Spiegel. Morgen ist die Beerdigung. Sie wird nicht hingehen.
Tags: Theater, Konkurrenzkampf, Kollegen, Opfer, Neid






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