nyx_nyx 08.11.2011, 06:31 Uhr 21 10

Geöffnete Türen - mittendrin

Was macht die Angst aus dir, wenn du nicht ernst genommen wirst?

Hannes, der gerade noch beschützend vor mir stand und vorsichtig den Kopf aus dem Türrahmen streckte, geht nun einen Schritt zur Seite. Damit ich mich selbst davon überzeugen kann, dass uns keine schlimmen Monster auflauern, wie er es belächelnd nennt. Ich ärgere mich darüber, nicht ernst genommen zu werden und versuche eine furchtlose Haltung einzunehmen. Merkwürdiger Weise wirkt das Treppenhaus nun tatsächlich wenig angsteinflößend und plötzlich sehr lebhaft. Spielsachen und Schuhe in diversen Größen stehen vor den Wohnungen, zwei der Türen sind angelehnt und Essensgerüche dringen in meine Nase, die mir erneut bewusst machen, dass die Zeit unbemerkt viel zu schnell an mir vorüber zieht. Ich bin etwas erleichtert.

Mit Nachdruck und leichter Anwendung von Gewalt, schließt Hannes die Wohnungstür, die noch gestern so federleicht ins Schloss fiel. In der Küche sitzen wir uns schweigend gegenüber. Ich denke noch immer beunruhigt über die Geschehnisse nach, während er mich belustigt ansieht, als sei er in einen Bubenstreich eingeweiht, dem ich naiv erliege. Ich hasse das! Ich bin verärgert und verängstigt zugleich. Als ich ihn vorwurfsvoll darauf anspreche und die offen stehenden Wohnungen erwähne, zeigt er eine seltsame Reaktion. Auch von den Verbindungstüren, die sich merkwürdiger Weise erst nach unserem Umzug auftaten, will er nichts hören. Für einen kurzen, kaum merklichen Moment versteinert sich seine Miene, bevor er wieder das unbesorgte Gesicht aufsetzt. Doch ich kenne ihn zu gut, jedes Detail seines schönen Gesichtes kenne ich auswendig. Er entgegnet jedoch nur, dass das Gebäude eben alt sei, ich mir nicht so viele Gedanken machen soll und es unserem ungeborenen Sohn auch gut tun würde, wenn ich alles etwas entspannter sehen könnte. Kann ich aber nicht. Und schon ertönt das nächste Geräusch. 

Diesmal ein Klopfen. Definitiv aus dem Wohnzimmer. Kurz darauf folgt eine Stimme. Eine freundliche Männerstimme. Der Fremde fragt höflich, ob er eintreten darf. Mit großen Augen starre ich meinen Mann an, der wiederum gelassen aufsteht und furchtlos der Stimme entgegen geht. Ich greife mir unterdessen zielstrebig ein großes Messer aus dem Holzblock und gehe auf leisen Sohlen zaghaft hinterher. Herzrasen. Als ich auf halber Strecke lautes Gelächter und munteres Geplauder vernehme, verstecke ich das Messer vorerst hinter meinem Rücken und linse misstrauisch um die Ecke.

Ein dunkelhäutiger Mann, ca. 60 Jahre alt, mit kurzem graumeliertem Haar in beigefarbenem Pullover und brauner Hose steht neben unserem Bücherregal, die Tür hinter ihm weit geöffnet. Als er mich entdeckt, grüßt er freundlich lächelnd und fordert mich mit offen entgegengestecktem Arm auf, ihm die Hand zu geben. Ich zögere, trete dann aber doch näher und greife hinter meinem Rücken umständlich mit der linken Hand den Griff des Messers, um die Rechte für die Höflichkeitsformel frei zu haben. Er stellt sich als unseren Nachbarn vor und bittet uns um ein wenig Salz, da seines gerade ausgegangen sei. Hannes, neben den ich mich schutzsuchend wie ein kleines Kind gestellt habe, nickt, versucht mir unauffällig das Messer abzunehmen und spurtet in Richtung Küche.

Ich bin überfordert mit der Situation und starre den Mann an, ohne ein Wort zu sagen. Er lässt den Blick durch den Raum schweifen und versucht sich darin, Komplimente bezüglich der Einrichtung zu machen. Sichtlich froh über die rasche Rückkehr von Hannes und dankbar für das Salz, lädt er uns zu sich in die Wohnung und zu seiner Suppe ein. Noch bevor ich etwas sagen kann, nimmt Hannes die Einladung an, greift meine Hand und zieht mich hinter sich und dem Mann in die fremde Wohnung. Die Tür hinter mir bleibt angelehnt.

Seitlich des Flurs gehen einige Räume ab, geradeaus gelangen wir direkt in das große Wohn- und Esszimmer, das mit vielen Holzmöbeln gemütlich eingerichtet ist. Auf dem Boden sitzt ein kleiner dunkelhäutiger Junge in Jeanslatzhose und weinrotem T-Shirt darunter. Vermutlich das Enkelkind. Er spielt mit Bauklötzen und grüßt uns wohlerzogen, blickt jedoch nur flüchtig und wenig interessiert von den bunten Hölzern auf. Obwohl er nichts weiter macht, nimmt mir der Junge die Unsicherheiten und gibt mir innerlich sogleich ein wenig mehr Ruhe.

Der Mann der sich als John vorstellte, entschuldigt sich in die Küche und bittet uns, schon mal Platz zu nehmen. Als er laut „Jamal, Tahira, Essen!“ ruft, hallt aus einem der zahlreichen Zimmer eine Frauenstimme, die angibt, sofort zu kommen. Ich zucke zusammen, da auch ihre Stimme so abgedämpft klingt, wie zuvor schon die von Hannes. Erneut flackert das Licht kurzzeitig, bevor schließlich ein Mann in etwa unserem Alter schlurfend den Raum betritt. Er grüßt uns unbeeindruckt, wuschelt dem spielenden Jungen durch das lockige Haar und nimmt schweigend mir gegenüber Platz. Das muss Jamal sein, vermutlich der Vater des Jungen. Er ist mir irgendwie unheimlich. Hannes verwickelt ihn in ein oberflächliches Gespräch und ich versuche ihn möglichst unauffällig zu beobachten. Gänsehaut breitet sich auf meinem Körper aus. Die gesamte Situation ist mir absolut unangenehm. Und schon kommt Tahira fröhlich um die Ecke, streicht dem Jungen ebenfalls über den Kopf und setzt sich zu uns, als John mit den schon befüllten Tellern herantritt. Er muss mehrmals gehen, bis endlich alle von der Suppe vor sich stehen haben und gemeinsam schweigend anfangen zu essen. Nur der Junge spielt weiterhin auf dem Boden, während alle anderen ihren Blick stur auf die Gemüsesuppe richten.

Als sein Teller leer ist, bekundet Hannes höflich, wie gut es geschmeckt hat. Ein einvernehmliches Nicken lockert die vorherrschende Stimmung etwas auf. Nach etwas erzwungenem Smalltalk verschwinden Jamal und Tahira, um den Jungen ins Bett zu bringen. Da ich weiterhin auf der Suche nach Antworten bin, nutze ich Johns Redseligkeit und spreche ihn auf die Verbindungstüren zu den anliegenden Wohnungen an. Den sanften und doch mahnenden Hieb durch Hannes ignoriere ich. John fängt an, eine schillernde Geschichte über eine adlige Großfamilie zu erzählen, die über Generationen auf dem großen Anwesen lebte. Sie hätten viele Hausangestellte gehabt, die Gemeinschaftsbäder, Küchen und je ein Schlafzimmer bereit gestellt bekamen. Sie lebten in einer großen Gemeinschaft, weswegen beinahe jedes Zimmer miteinander verbunden war. Abgesehen von den Wohnungstüren gab es keine Schlüssel zu den einzelnen Türen und die folgenden und aktuellen Bewohner legten auch keinen Wert darauf, sagt John.

Seine Erzählung klingt einleuchtend und dennoch habe ich das Gefühl, angelogen zu werden. Auf meine Frage hin, was mit dem Strom sei, weil ich nun schon mehrmals ein Flackern der Lichter beobachten konnte, redet er sich raus. Er wisse nicht was ich meine, würde sich gut mit Kabeln auskennen, aber dies sei ihm noch nie aufgefallen. Irgendwas stimmt hier nicht, jedoch kann ich noch nicht sagen was es ist. Ich bleibe misstrauisch.

Gerade als wir uns in Johns freundlicher Begleitung zurück in unsere Wohnung begeben wollen, schneidet uns auf dem Flur ein schlaksiger Mann den Weg ab. Er kommt mir bekannt vor und als er flüchtig durch die viel zu großen Brillengläser aufsieht, bleibt er ruckartig stehen, lässt den Blick von mir zu Hannes schweifen, woraufhin er ihn freudig anstrahlt und sie sich überschwänglich begrüßen. Nach kurzer Überlegung, erkenne ich ihn nun auch. Thomas, ein ehemals guter Kumpel von Hannes. Als er vor Jahren weg zog, brach der Kontakt zwischen den beiden ab. Ich mochte ihn nie sonderlich, was vermutlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Der Inbegriff des Klischees eines Nerds, mit ungekämmtem Haar, Pullunder und Kordhose, erzählt uns, er wohne hier schon länger. Seine Einladung, uns seine Wohnung zu zeigen, kann Hannes nicht ausschlagen. John wünscht uns an dieser Stelle noch einen schönen Abend und meint, er würde uns bei Gelegenheit besuchen kommen. Ob ich das gut finden soll, weiß ich noch nicht. Und erneut trotte ich Hannes widerwillig hinterher, mit abermals unruhigen Tritten gegen die Bauchdecke.

Wie ich sie mir vorgestellt hatte, ist die Wohnung sparsam eingerichtet. Computer, Musikanlage, viele Bücher, ein ordentlich gemachtes Bett, auch sonst alles akkurat an seinem Platz. Auch hier sind sämtliche Türen angelehnt, die vermutlich ebenso eine Verbindung zu den anderen Wohnungen darstellen. Aufmerksam wie er ist, bemerk Thomas meinen skeptischen Blick und erklärt sogleich, dass sich in der Gemeinschaft alle sehr gut miteinander verstehen und die Intimsphäre der anderen besser wahren würden, als in anderen Häusern, in denen die Türen verschlossen oder gar nicht vorhanden seien. Ich hatte bisher einen anderen Eindruck, aber wage es nicht ihm zu widersprechen.

Nach dem Rundgang begleitet er uns zurück in unsere Wohnung. Das Schloss kommt mir vor wie ein Labyrinth und ist mir nach wie vor unheimlich. Wären die Tapeten nicht in jeder Wohnung andersfarbig, würde ich die Orientierung völlig verlieren.

Während ich mich genervt ins Schlafzimmer zurück ziehe, unterhalten sich die beiden im Wohnzimmer angeregt über alte Zeiten. Ich packe eine Tasche mit Kleidung zusammen, die ich in zwei Tagen für den Besuch bei den Eltern mitnehmen möchte. Dort habe ich einige Dinge zu erledigen, die wir vor dem Umzug nicht mehr geschafft haben. Meine Sehnsucht nach einer Dusche oder einem entspannenden Bad in trauter Zweisamkeit ist groß. Deswegen verabschiede ich mich für heute freundlich von Thomas und hege die stille Hoffnung, er würde mit einem höflichen Rückzug in seine eigenen Räumlichkeiten reagieren. Da er keine Anstalten macht, bewege ich mich allein in Richtung Badezimmer.

Unsere eigene Wohnung erscheint mir erneut völlig fremd. Um bei den vielen verwirrenden Türen sicher zu gehen, auch tatsächlich unser Bad zu erwischen, klopfe ich vorsichtshalber an. Womit ich dennoch nicht gerechnet habe, ist die Frauenstimme, die mir mit dumpfem Klang durch die geschlossene Tür entgegen singt, dass sie noch eine Weile brauchen wird. Meine Stimme bebt, als ich frage, warum sie in unserem Bad ist, was sie da macht. Unbekümmert flötend und dennoch weiterhin dumpf, als wäre sie hinter einer dicken Wand oder unter Wasser, entgegnet sie mir nur, ich solle eine Tür weiter gehen. Das Licht flackert, mein Bauch hämmert.

Ich verspüre den starken Drang mich zu übergeben, oder wenigstens eine Zigarette zu rauchen, obwohl ich das Rauchen schon vor Beginn der Schwangerschaft aufgegeben hatte. Stattdessen gehe ich zurück ins Schlafzimmer, setze mich auf den Rand des Bettes und starre in den Kleiderschrank. Wenigstens dort habe ich heute Nacht keine Monster zu befürchten. Mir ist kalt und schwindlig, ich fühle mich schutzlos und kann mich damit an niemanden wenden, ohne das Gefühl zu haben, ausgelacht zu werden. Also rolle ich mich ungewaschen und komplett angezogen in die Decke ein und presse meine Augen fest zusammen, sodass ich auch das Licht nicht mehr wahrnehme, welches ich angelassen habe. Meine Tränen sickern unaufhaltsam in das Kissen.

Als sich die Matratze bewegt und ich plötzlich eine Hand auf meinem Oberarm spüre, schrecke ich auf, schlage reflexartig mit beiden Armen in die Luft und versuche mich zu orientieren. Ich muss eingeschlafen sein, habe erneut keinerlei Zeitempfinden und Hannes sieht mich fragend an. Der Blick auf den Wecker zeigt mir zwanzig nach sieben in der Früh. Mit einem flüchtigen Kuss auf die Stirn, wendet sich Hannes von mir ab und will aus dem Zimmer gehen. Ob er nicht geschlafen hat und wohin er nun will, möchte ich noch immer benommen von ihm wissen. „Du hast wohl gar nichts mitbekommen, so tief wie du geschlafen hast. Ich gehe nun arbeiten und wünsche dir einen angenehmen Tag. Gegen sechs bin ich zurück.“, antwortet er kühl. Bevor ich etwas entgegnen kann, verlässt er den Raum und kurz darauf, mit einem festen Schlag der Tür, auch die Wohnung. Ich bin verwirrt und nun auf mich allein gestellt. Am liebsten würde ich mich wieder unter der Decke verkriechen, bis er zurück ist.

Stattdessen gehe ich, mit frischer Kleidung im Gepäck, wagemutig in Richtung Badezimmer, atme auf dem Weg dorthin mehrmals tief durch. Ich bin erleichtert, dass die Tür weit auf steht und ich niemand Unerwartetes vorfinde. Der lange Blick in den Spiegel ändert nichts daran, dass ich mich kaum wieder erkenne. Fahl, angespannt und gealtert sehe ich aus. Dazu mit einer immer größer werdenden Kugel, die sich nach vorn schiebt und immer wieder mal einen Tritt abgibt. Ich stelle das Radio an und versuche unter der heißen Dusche alles von mir zu waschen, alle Gedanken an die seltsamen Vorfälle will ich loswerden. Eine halbe Ewigkeit lasse ich bewegungslos das warme Wasser an mir abperlen, gehe dabei gedanklich eine Liste der Dinge durch, die ich heute noch erledigen möchte und mich insgesamt ablenken sollen.

Plötzlich kommt einen Lidschlag lang kein einziger Tropfen mehr aus der Brause, als wäre die Wasserleitung gekappt worden. Als hätte ich es mir nur eingebildet, prasselt es sofort wieder auf mich nieder. Ich versuche dies erneut auf meine Hormone zu schieben, da passiert es noch mal. Kein Tropfen Wasser für eine halbe Sekunde, danach wieder prasselnd, als wäre nichts gewesen. Über mir flackert das Licht kurz auf. Eine Weile lang stehe ich da und beobachte nur den Wasserstrahl. Ich erkläre mir anhand Hannes’ Aussage, es sei eben ein altes Gemäuer. Und in alten Gebäuden sind auch die Rohre oftmals nicht die Neuesten. Dazu kommt, dass ich schreckhaft bin. Das wird es sein.

Ich drehe das Wasser aus und schnappe mir ein Handtuch. Als ich mit wackeligen Beinen aus der Dusche trete, stockt mir der Atem. Die Badezimmertür steht offen, obwohl ich mir sicher bin, sie geschlossen zu haben. Ich drehe mich angespannt um, überprüfe mit einem flüchtigen Blick den Raum, ob sich irgendwas verändert hat. Das Radio ist plötzlich stumm, wie der Rest des Schlosses auch. Ich erschrecke schon beinahe vor dem Pochen meines eigenen Herzschlags und haue die Tür mit voller Wucht erneut zu. Nervös ziehe ich mir schnell die Kleidung über. Das kann nicht sein! Als ich wenige Sekunden später aufblicke, steht die Tür wiederholt offen.

 

-Fortsetzung folgt-

Teil1

Teil3

10

Diesen Text mochten auch

21 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    xxxxxxxxxxxxxxxxxx..

    09.11.2011, 00:23 von Kokomiko
    • Kommentar schreiben
  • 0

    The....NYYYYYYYYYYY!

    09.11.2011, 00:23 von Kokomiko
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Extra für dich ein neues Ende ;D
      Isses besser?

      11.11.2011, 14:46 von nyx_nyx
  • 0

    ich find warten doof

    08.11.2011, 12:02 von Traumversinken
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Das ist eine irre Geschichte, die ich gespannt, aufmerksam und gern gelesen habe.

    08.11.2011, 11:19 von Jackie_Grey
    • Kommentar schreiben
  • 1

    es liest sich für mich in in einem ruck durch...flüssig und bleibt spannend, komisch mysteriös..und ich will natürlich wissen, was es diesmal ist, warum sie einen schrei ablässt....

    08.11.2011, 09:39 von pur_pur
    • Kommentar schreiben
  • 0

    spannend....!:-)

    08.11.2011, 09:35 von pur_pur
    • Kommentar schreiben
  • Durchs Wochenende mit Lena Steeg

    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Textredakteurin Lena Steeg.

  • Platzverweis

    Um den perfekten Kinositzplatz wird gestritten, seit es das Kino gibt. Das ist jetzt vorbei. Die Tipps aus dem August-Heft nun auch im Blog.

  • Links der Woche #25

    diesmal u.a. mit den Kid-Emmy-Awards 2014, einem Podcast zum Einschlafen und Hunden, die ihre Herrchen drücken.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare