girlcalledm 04.07.2009, 21:33 Uhr 0 0

Gedankenkreisel.

Dass die Wände nicht so grau sind, wie ich sie am ersten Tag gesehen habe, darauf bin ich erst später draufgekommen.

Mit Gewalt halte ich meine Tränen zurück. Ich sitze zwischen meiner Mutter und meinem Vater. Gegenüber der Arzt mit der typischen Arztbrille, die gerade noch an der Nasenspitze hält. Er blättert in meinen Unterlagen, scheint konzentriert. "Station D103.", meint er schließlich, "Ein Krankenpfleger erwartet Sie schon." Ich stehe langsam auf. Mir wird schwarz vor den Augen. Ich klammere mich an den Arm meiner Mutter, mein Vater greift stützend nach meinem linken Arm.

Ich kämpfe weiter mit meinen Tränen, als wir den langen Gang entlang gehen. "Jetzt wird alles gut", meint meine Mutter tröstend. Ich merke, dass sie selbst nicht weiß, was sie gerade sagen soll. Ich weiß, dass es sie innerlich zerreißt, mich so zu sehen. Und dennoch kann ich nicht anders. "Ja", piepse ich und schon fließen die Tränen wieder. Mittlerweile ist es mir scheißegal. Ich will nur, dass es aufhört. Einfach aufhört...

Station D101. Wir haben das Ziel fast erreicht. Mit jedem weiteren Schritt schnürt sich ein unsichtbares Band immer weiter in meinen Hals. Ich versuche tief Luft zu holen. Es drückt auf meiner Brust, als läge ein Felsen darauf. Station D102. Ich sehe zwei Patienten, die an einem Tisch Karten spielen. Ich will hier weg, denke ich. Aber ich kann nicht, weiß ich. Station D103. Mein Vater drückt die schwere Türe auf, wir gehen den Gang entlang. Der Stationsmittelpunkt ist leer, keine Patienten in Sicht. Als wir an den Schalter gehen, taucht ein junger Krankenpfleger aus dem Zimmer dahinter auf. Ich wische schnell meine Tränen weg, will mich wieder zusammenreißen. "Guten Tag, Frau A.", weiß er sofort, mit wem er es zu tun hat. Er stellt sich vor und bittet uns mit sich. Wir gehen wieder einen langen Gang entlang, auf der rechten Seite Türen aus Holz, jeweils mit zwei Namen beschriftet. Ob bei meinem Zimmer auch schon meiner steht? Ich spüre die nächsten Tränen. Bleibt doch wo ihr seid, ihr Arschlöcher, denke ich. Wische wieder verstohlen links und rechts eine dicke Träne weg. Das Zimmer. Mein Zimmer für die nächsten Tage. Wochen. Wer weiß, wie lange. Ein Name auf der Tür. Ich wohne also in den nächsten Wochen mit Simone zusammen.

Das Zimmer ist leer, meine Mitpatientin ist nicht da. Der Raum ist groß und krankenhausuntypisch eingerichtet. Keine klapprigen Betten mit Haltegriffen, keine verschiebbaren Nachtkästen. Trotzdem drückt irgendetwas in diesem Zimmer. Dass die Wände doch nicht so grau sind, wie ich sie am ersten Tag gesehen habe, darauf bin ich erst später draufgekommen.

Ich setze mich auf das Bett. Der Krankenpfleger, dessen Namen ich bereits vergessen habe, erklärt mir noch einige Dinge. Zum Glück klinken sich meine Eltern in das Gespräch ein, ich kann ihm nicht mehr folgen. Er verabschiedet sich, verlässt den Raum. Ich lege mich langsam aufs Bett. Meine Mutter nimmt den schweren Tuchent und deckt mich zu. So wie damals, als ich noch ein Kind war.

"Ich will einfach, dass es aufhört. Ich kann das nicht mehr...", wispere ich, während die Tränen wieder zu strömen beginnen. "Jetzt wird dir endlich geholfen!" Mein Vater tritt näher an das Bett, nimmt meine linke Hand. "Ich kann das nicht mehr... Ich will einfach einschlafen und nie wieder aufwachen..." Meine Mutter schluckt. "Sag das nicht... Jetzt wird alles gut!" Ich wünsche, ich könne ihr glauben. Ich wünsche, es würde gut werden. Ich wünsche, ich würde einschlafen und alles ist wieder gut, wenn ich aufwache. Irgendwann schlafe ich dann ein.

Ich mache meine Augen auf. Nichts ist gut. Langsam realisiere ich, wo ich bin. Meine Eltern sind weg. Eine Träne kullert über meine Wange. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, das zu seiner Mama will. Ich heule in mein Kissen. Ich will weg. Ich will hier nicht bleiben. Ich weiß aber nicht wohin. Ich will einfach nur, dass alles wieder gut wird. Ich habe so eine Scheiß-Angst, dass das nie besser wird. Diese Last, die auf meiner Brust sitzt. Diese Gedanken. Immer dieselben. Gedankenkreisel. Immer dieselben Gedanken."Wichtige Links zu diesem Text"
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